Löwenslauf von Heinz R. Unger, 2004, HaymonLöwenslauf.
Roman von Heinz R. Unger (2004, Haymon).
Besprechung von Rudolf Kraus aus Rezensionen-online *BS*:

Heinz R. Unger legt mit "Löwenslauf" eine Art zeithistorischen Kriminalroman vor, der anhand einer außergewöhnlichen Biographie einen Teil der europäischen Geschichte erschließt, ausgehend vom Zweiten Weltkrieg über die Nachkriegsjahre bis zur Gegenwart.

Der pensionierte Kriminalbeamte Fuchs wird bei einem Besuch seiner ehemaligen Dienststelle auf einen Fall aufmerksam, der ihn schon 1945 beschäftigt hatte. Ein gewisser Lapinski liegt nach einem Sturz im Koma. Fuchs hatte Lapinski bei Ermittlungen zu einem Unfall 1945 kennengelernt, bei dem ein junger Arbeiter zu Tode gestürzt war, der am Arm eine SS-Tätowierung hatte. Fuchs hatte damals die Unfallversion zu den Akten gegeben, obwohl er Zweifel daran hatte. Lapinski war in der Nazizeit als Sohn eines jüdischen Uhrmachers in Wien nach Frankreich geschickt worden, wo er aus Sicherheitsgründen einen neuen Namen, eben Lapinski, erhielt. Nach 1945 kehrte er nach Wien zurück.

Fuchs ist von diesem Lapinski auf neugierige Weise fasziniert. Nach und nach enträtselt er Lapinskis Umfeld, das weitere interessante Schicksale aufzuweisen hat. Lapinksi charakterisiert jede Person als Tier und sich selbst als Löwen, dessen vielschichtige Eigenschaften er auch zu Papier bringt.

Heinz R. Unger beschreibt in spannender, aber vollkommen realistischer Weise die Wiener Nachkriegsjahre, die zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwanken, wo in wenigen intakten Wohnungen Menschen aufeinanderkleben und der Schwarzmarkt die wenigen, verbliebenen Illusionen am Leben erhält. Die Suche nach Identität, nach Halt und Vergangenheit ist das große Thema dieses Romans. Lapinski, aber auch Fuchs stehen für viele Schicksale dieser Zeit, beide haben ihre Familien im KZ verloren (der eine als Jude, der andere als Kommunist) und versuchen in der halbzerstörten Heimatstadt Wien einen Neuanfang. Wobei der eine alle Illusionen und beinahe alle Gefühle verloren hat, schafft sich der andere ein Konstrukt einer Menschenwelt, die aus tierischen Eigenschaften besteht.

Ein spannendes und zugleich dokumentarisches Buch, ein Nachkriegskrimi, der weniger von einer kriminalistischen Handlung als vom puren Realismus geprägt ist.

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