Löwenhonig von David Grossman, 2006, BerlinLöwenhonig.
Die Geschichte von Samson von David Grossman (2006, Berlin Verlag).
Besprechung von Ralf Balke aus Jüdische Allgemeine, 2006:

Zions gefallener Superheld.
David Grossman säkularisiert den Mythos von Samson.

Samson ist der Schwarzenegger unter den biblischen Gestalten. So jedenfalls lernt ihn jedes Kind im Religionsunterricht kennen. Mit bloßen Händen zerreißt er einen Löwen und tötet einige Tausend der Philister, mit denen die alten Israeliten damals im Dauerclinch liegen. Nur mit den Frauen hapert es ein wenig. Erst scheitert seine Ehe, dann entwickelt er ein Faible für Prostituierte. Und Delila, die einzige Frau, die er wirklich zu lieben glaubt, verrät ihn an die Philister, die mit Samson noch ein paar offene Rechnungen zu begleichen haben. Doch selbst gefangen und seines Augenlichts beraubt, gelingt ihm ein tödlicher Schlag gegen seine Feinde, auch wenn er am Ende selbst dabei sein Leben läßt. „Tatsächlich enthalten nur wenige biblische Geschichten so viel Drama und Action, solche Leidenschaft wie die Geschichte Samsons“, so David Grossman, einer der großen israelischen Schriftsteller der Gegenwart. „Doch jenseits des ausschweifenden Chaos stoßen wir auf eine Biographie, die nichts anderes ist als der qualvolle Weg einer einsamen ruhelosen Seele, die nirgendwo auf der Welt zu Hause ist.“ Darin liegt für Grossman die Faszination, die von der Figur Samson ausgeht. Und wie viele andere mythologische Gestalten hat sie die religiösen und ethnischen Grenzen überschritten und gehört heute zum Arsenal der sagenumwobenen Heroen, die sich im Gedächtnis der gesamten Menschheit ihren Platz erobert haben.

Samson inspirierte Rembrandt zu einem Gemälde und Händel zu einem Oratorium, er ist Namensgeber von Kampfeinheiten der israelischen Armee sowie zahlreicher Fitneßcenter auf der ganzen Welt. Nun nimmt sich Grossman des Mythos an und bringt seine eigene Deutung zu Papier. „Ich sehe nicht unbedingt den mutigen nationalen Führer (der sein Volk in Wahrheit nie angeführt hat), nicht den Geweihten Gottes (der, unter uns gesagt, voller Leidenschaften und weltlicher Gelüste war) und auch keinen blutrünstigen Muskelprotz“, betont Grossman am Anfang seines Essays. Im Zentrum stehen für ihn Samsons kindliche Seele im Körper eines Mannes mit ungeheuren physischen Fähigkeiten und seine Suche nach Liebe bei den Frauen. Genau an diesen Punkten versucht Grossman herauszuarbeiten, daß Macht ihre Grenzen hat, selbst wenn Gott eine Person reichlich damit ausgestattet hat. Dabei legt er Samson auf die Couch des Psychiaters und analysiert die nicht ganz einfache Eltern-Sohn-Beziehung – schließlich ist er ja das Produkt einer Beglückung seiner Mutter durch einen „Mann Gottes“ in Gestalt eines Engels und nicht der seines Vaters. Keine einfache Hypothek, selbst für die Psyche eines Superhelden, findet der Autor. Grossman sieht in Samson auch einen Künstler am Werk, dessen Sinn für Ästhetik sich in der Wahl seiner Waffen und Methodik widerspiegelt. Laut Überlieferung übt er Rache an den Philistern, indem er dreihundert Füchse fängt, sie aneinander bindet und zwischen jeweils zwei Tieren eine brennende Fackel anbringt. So jedenfalls jagt er sie auf ihre Felder und zerstört sie. „In der Sprache der modernen Kunst würde man sagen, er veranstaltet mit den brennenden Füchsen ein regelrechtes Happening“, kommentiert Grossmann. Überhaupt zeige Samson ein gehöriges Maß an Kreativität, wenn es darum geht, seine Feinde zu bestrafen, wobei Grossman recht süffisant anmerkt, daß er dabei ausschließlich auf „naturbelassene Biokampfstoffe“ zurückgreift. Nun wäre Grossman nicht Grossman, wenn er in seiner Version des Samson-Mythos nicht einige Seitenhiebe auf die Politik des heutigen Staates Israel verpacken würde. „Ähnlich wie bei Samson scheint die große militärische Kraft, die Israel heute besitzt, häufig ein Schuß nach hinten zu sein“, schreibt er. Solche Analogien muß man nicht gut finden, liefern sie doch genau jenen Kommentatoren Munition, die den komplizierten Nahostkonflikt auf die zum Verständnis wenig hilfreichen Phrasen von David gegen Goliath oder ähnlich dummes Zeug reduzieren wollen. Dennoch läßt einen die Geschichte des Samson, so wie sie Grossman erzählt, nicht kalt. Der gefallene Held berührt das Herz des Lesers, zeigt sich doch in jeder Zeile der Kampf, den er mit sich selbst, seiner Umwelt und seinem Schicksal auszufechten hat. Grossman betont dabei, daß Samson ein „jüdischer Held“ ist: „Der Grund dafür liegt vielleicht darin, daß sich in Samsons Wesen – in seiner Einsamkeit und Verstoßenheit, in seinem starken Bedürfnis, seine Einzigartigkeit und Rätselhaftigkeit zu bewahren, aber auch in seiner großen Lust, sich unter Fremde zu mischen und sich mit ihnen zu vereinen – trotz allem sehr ,jüdische‘ Züge offenbaren.“ Grossman deutet den Mythos Samson als ein völlig säkularer Erzähler. Genau das macht den ganz besonderen Reiz von Löwenhonig aus, denn ein religiöser Autor würde sich kaum die Freiheit nehmen können, Gott und seine Art, Samson als Werkzeug seines Willens zu gebrauchen, so kritisch zu präsentieren.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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