Lob der Anarchie.
Buch von Harry Pross (2004, Karin Kramer Verlag).
Besprechung von Rudolf Walther in der Frankfurter Rundschau, 5.7.2004:

Freiheitsdefizite
Der Publizist Harry Pross bricht eine Lanze für die Anarchie

Zu einem Buch zusammengestellte Zeitungsartikel erwecken oft den Eindruck von Zufälligkeit und Überflüssigkeit - fehlt ihnen der Kontext, aus dem sie stammen, verlieren sie den Boden unter den Füßen. Am Beispiel der unter dem Titel Lob der Anarchie gesammelten Zeitungsartikel und Radiofeatures von Harry Pross kann man jedoch überprüfen, dass die Regel nicht immer gilt. Seine Artikel können bestehen, obwohl sie zum Teil über dreißig Jahre alt sind.

Harry Pross, der im letzen Jahr achtzig Jahre alt wurde, war Journalist und später Redakteur bei der Deutschen Rundschau, bevor er 1963 Chefredakteur von Radio Bremen wurde. Ab 1968 lehrte er als Professor für Publizistik an der Freien Universität Berlin und schrieb für deutsche und schweizerische Zeitungen. Zweiundzwanzig dieser Artikel legte er nun wieder auf, und als Leser kann man nur staunen, wie frisch diese Prosa geblieben ist.

In den siebziger Jahren wurde "Anarchismus" zum neuen Schimpfwort und zur Parole der Ordnungshüter. Das ist einigermaßen erstaunlich, denn die studentische Protestbewegung bezog sich nicht explizit auf anarchistische Theoretiker oder anarchistische Theorien. Völlig abwegig ist die Bezeichnung der Mitglieder der "Roten Armee Fraktion", die sich an einem autoritären und militaristischen Gemisch aus Leninismus und Maoismus orientierte, als "Baader-Meinhof-Anarchisten". Die damalige "Anarchistenhatz" beruhte, wie Pross 1974 mitten im Handgemenge feststellte, auf "Manipulation und Ignoranz".

Weimarer Lektionen

Die Kampagne von Politik und Presse unter dem falschen Label begann sofort nach dem Hungertod von Holger Meins (9.11.1974) und dem Mord an Richter Günter von Drenkmann einen Tag später. Bereits siebzehn Tage nach dieser vermeintlich politischen, tatsächlich nur verbrecherischen "Aktion" legte die Regierung Entwürfe für eine Verschärfung des Strafrechts und der Strafprozessordnung vor, die das Gesicht der BRD veränderten. Das gilt auch für die Praxis des "Radikalenerlasses", der eine "Massenverfolgung" in Gang setzte und eine "Verdachtstrafe" einführte, die gesetzlich nicht vorgesehen nach der Meinung des ehemaligen Generalbundesanwalts Max Güde (CDU) eindeutig illegal war. Aber an der "Anmaßung der Bürokratie" vermochten auch solche Einwände und Niederlagen der Behörde vor Verwaltungsgerichten nichts zu ändern.

In einem zweiten Kapitel präsentiert Pross vier Artikel, in denen er sich mit den "Weimarer Lektionen" befasst. Dazu gehören die Lehren aus der gescheiterten Rätebewegung 1918/19 in München ebenso wie eine kritische Bilanz des Friedensvertrags von Versailles, in dem Pross den Keim für neue Kriege und Konflikte ausmachte. Im dritten Teil des Buches porträtiert Pross vier Wissenschaftler und Intellektuelle, die für ihn selbst wichtig geworden sind. Das sind der herausragende Jurist und Justizminister Gustav Radbruch, der 1919 ermordete Anarchist Gustav Landauer, der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber und der französische Philosoph Albert Camus.

Die Gewalt der Ordnung

In allen vier Porträts verweist Pross auf den Gewaltanteil von Ordnungen, insbesondere staatlicher, Ordnungen sowie deren Freiheitsdefizite. Bei Radbruch beeindruckte Pross dessen Auffassung von Recht, das nicht in der Normierung der bestehenden Verhältnisse aufgeht, sondern immer auch auf Verbesserung und Veränderung zielt. Am stärksten verbunden fühlt sich Pross mit dem Werk und dem "rebellischen Denken" Gustav Landauers, der die skeptische Sprachphilosophie Fritz Mauthners mit der Mystik von Meister Eckhart vereinen wollte. Die Utopie von "Zusammengehörigkeiten und Gemeinschaften" jenseits der gesellschaftlichen Zersplitterung und des Egoismus inspirierte auch die Religionsphilosophie Martin Bubers, mit dem Landauer befreundet war.

Der letzte Abschnitt des Buches enthält kleine Porträts von Heine und Tolstoi, aber auch Erinnerungsblätter an den weithin vergessenen Philosophen Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski (1828 -1899) und den Publizisten Herwarth Walden (1878 - 1941), den Herausgeber der Zeitschrift Der Sturm. Diese war die deutsche Antwort auf den italienischen Futurismus und die "futuristischen Manifeste" Marinettis. Walden und seine Zeitschrift wurden zum wichtigsten Sprachrohr des Expressionismus.

In einer kleinen Auflage mit nummerierten Exemplaren erscheint zusammen mit der Aufsatzsammlung der Briefwechsel, den der Verleger Bernd Kramer während der Textauswahl und Produktion des Buches mit Harry Pross führte. Dessen Briefe zeigen einen ebenso launigen ("Bier aus Bayern... macht dick und schmeckt nach nichts") wie nachdenklichen Autor: "Wer Anarchie lobt, rechnet mit vergleichsweise logischem Denken; aber das ist sein Irrtum, nicht der Irrtum der von der Gewalt zu Befreienden. Selbstgemachte Menschenbilder sind immer falsch, nicht nur die der Konsumindustrie und der Justiz."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

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