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Lisa.
Roman von Thomas Glavinic,
(2011, Hanser).
Besprechung von Caro Wiesauer aus Kurier, Wien vom
6.2.2011:
Thomas Glavinic: "Meine nervöse Fantasie"
Der neue Roman Lisa handelt von
unserer paranoid gewordenen Welt, in der es an Glückshormonen fehlt.
Die Frau ohne Gesicht, das Phantom von Heilbronn,
hat Thomas Glavinic zu seinem neuen Buch inspiriert. Der 38-jährige Steirer
griff die Geschichte, die sich 2009 praktisch im Nichts auflöste auf und
entwickelte sie fantasievoll weiter (aufgrund von verunreinigten
DNA-Wattestäbchen wurde in 40 Fällen in Süddeutschland, Österreich und
Frankreich nach einer nicht existenten Mörderin gefahndet). Der Autor schickt
einen Ich-Erzähler auf die Flucht vor "Lisa" , nachdem bei ihm eingebrochen und
DNA-Material der Verbrecherin in seiner Wohnung gefunden wurde ... Ein
KURIER-Gespräch über Politik und Handke,
Weltbilder und Grausamkeiten und das Leben im globalen Dorf.
KURIER: Die große Frage des Buches - wer ist Lisa - ist die für Sie beantwortet?
Gibt es dieses bestialische, mythologische Frauengestalt wirklich?
Thomas Glavinic: Das DNA-Phantom gab es ja, das habe ich nicht erfunden. Diese
Geschichte, die eine Weile durch die Medien geisterte, hat sicher nicht nur
meine Fantasie beschäftigt. Und mir kam schließlich der Gedanke: Was, wenn diese
unbefriedigende Auflösung - dass es kein Phantom gibt, sondern nur die
DNA-Stäbchen verunreinigt waren - nicht stimmt? Und es gibt etwas Schlimmeres,
etwas ganz Reales, nur will man uns das nicht sagen?
Hat das mit Ihrer Neigung, misstrauisch zu sein, zu tun?
Ja, in mein Weltbild passt so eine Idee wunderbar.
Heutzutage glaubt man, dass alles erklärbar ist. Wie stehen Sie dazu?
Ich bin skeptisch, wenn jemand sagt, dass man alles erklären kann. So, wie wir
heute über das lachen, was man vor 200 Jahren geglaubt hat, so wird man eines
Tages über uns lachen. Weil man dann wissen wird, was wir heute nicht wissen.
Und ohne ins Esoterische abdriften zu wollen, glaube ich, dass es vieles gibt,
das für uns nicht wahrnehmbar ist, weil wir heute die Zusammenhänge noch nicht
kennen. Das ist auch der Hintergrund dessen, was ich versucht habe, mit "Lisa"
auszudrücken.
Das Weltbild des Ich-Erzählers - entspricht das dem Ihrigen?
Dieser Mensch kokst viel zu viel, und er trinkt viel zu viel, doch er ist
Realist, wenn auch ein paranoider. Einiges in seinem Weltbild kann ich zumindest
sehr gut nachvollziehen.
In seinen Rundumschlägen - von Politik über Hundehalter, Feng-Shui und Religion,
von Machogehabe bis zum Frauenversteher - ist der Typ aber weiter von Ihnen
persönlich weg als z. B. das Ich in "Das bin doch ich" ...
Ja, das stimmt. Wenn man die Möglichkeit hat, fürchterliche Dinge über alles und
jeden abzusondern, ohne dafür haftbar gemacht werden zu können - und das bin ja
nun wirklich nicht ich (lacht) - macht das Spaß.
Sie werden aber auch konkret, z. B. die ablehnende Haltung gegen Peter Handke:
Ist das er oder sind das Sie?
Naja, das ist schon der Erzähler, der da schimpft. Aber ich stehe zu der
Aussage, dass es problematisch wird, wenn man Diktatoren bzw. Mörder besucht und
ihnen die Hand schüttelt und zu ihrem Begräbnis geht. Ich finde, als
Schriftsteller sollte man sich fernhalten von der Macht. Trotzdem,
"Gerechtigkeit für Serbien" war für mich ein langweiliges - aber nicht
skandalöses Buch.
Wie kamen Sie auf die Idee, den Typen über sich via Internet reden zu lassen?
Ich musste ihn in eine isolierte Situation packen, aber ihn auch seine
Geschichte erzählen lassen. Und ich brauchte auch "Live"-Effekte. Zuerst hatte
ich die Idee mit CB-Funk, aber das wär dann doch zu anachronistisch (lacht) .
Für Internet-Radio braucht man ein Mikro und die Software auf dem Notebook,
fertig. Dazu kommt, dass ich ein fahrlässig bequemer Mensch bin und ungern
recherchiere.
Was meinen Sie - hat er Zuhörer bei seiner Sendung?
Wenn ich Facebook-Statusmeldungen poste, weiß ich nicht, ob sie jemand lesen
wird. Wenn ich twittere, weiß ich nicht, ob das jemand wirklich wahrnehmen wird.
Also - er weiß es auch nicht, es ist ihm aber egal.
Nochmal zurück zur Recherche - diese Kriminalfälle, mit gehäuteten, gekochten,
gegessenen Leichen - sind die echt passiert?
Tja, das ist leider Gottes meine nervöse Fantasie ... Um mir solche
Hässlichkeiten auszudenken, brauche ich keine fünf Minuten, sie sind
gewissermaßen sowieso immer da. Aber - ein paar vergleichsweise harmlose Dinge
davon hat dieses "DNA-Phantom" damals schon ins Werk gesetzt.
Wofür steht Lisa? Für alles, was wir nicht wissen?
Ja, wahrscheinlich. Für das, was wir nicht wissen. Wir glauben, die Wirklichkeit
kontrollieren zu können, dabei verstehen wir so wenig von dem, was auf der Welt
passiert.
Ihr Ich-Erzähler beschreibt uns Zeitgenossen einmal so: "Alle haben Angst zu
scheitern, und niemand hat etwas zu sagen. Alle sind nichts. Alle wollen etwas
sein. Und alle haben Angst, Angst, Angst ..." Ihre Diagnose?
Ja, an dieser Stelle trifft er einen Nerv. Vielen Menschen fehlt
Unbeschwertheit, die geht unserer Zeit leider sehr ab. Es ist, als hätte die
gesamte Gesellschaft ein Serotonin-Problem (ein Mangel an Glückshormonen, Anm.).
Woran liegt das?
Die Welt wird immer unübersichtlicher - obwohl sie im Sinne des globalen Dorfes
angeblich immer kleiner wird. Aber das stimmt überhaupt nicht. Sie wird größer.
So vieles ist greifbar - ich kann z. B. um die Welt reisen, aber das heißt auch,
ich muss eigentlich. Es war doch jeder schon überall! Wir haben unbegrenzte
Möglichkeiten und gleichzeitig das Gefühl, dass Gelegenheiten vorüberziehen.
Dabei merken wir nicht, dass es den andern auch nicht anders geht.
Schreiben Sie schon am nächsten Buch?
Schon seit Jahren - das wird etwas Umfangreicheres.
Kritik: Was will man mehr
Horror in der Einschicht, aber nicht nur: "Lisa" ist auch
witzig; und immer voll Schwung. Ein Ich-Erzähler ist mit seinem Sohn in die
Einschicht geflohen. Er hat panische Angst vor einer bestialischen Mörderin. In
seiner Wohnung war eingebrochen worden, und die seit langer Zeit polizeilich
Gesuchte hatte dabei ihre DNA-Spuren hinterlassen.
In einem Wahn, der sich aus Unmengen an Kokain und Alkohol einerseits und aus
paranoider Furcht anderseits speist, hält er täglich Sessions via Internet-Radio
ab. Abseits der Story rund um die Phantomfrau und sein isoliertes Leben wirft er
seinen Zuhörern häppchenweise allerlei Weisheiten um die Ohren: Politische
Ansichten, machohafte Einsichten, Haltungen zu Esoterik, Feng-Shui und
Religionen, ...
Leser, denen "Das bin doch ich" zu autobiografisch schien und denen "Das Leben
der Wünsche" zu märchenhaft war, dürfen sich auf "Lisa" (Hanser, 18,40 €)
freuen. Dieses Buch kann eigentlich alles, was man von einem Buch erwarten kann.
Es ist spannend, witzig, böse, satirisch, interessant und mit atemberaubendem
Schwung geschrieben. Was will man mehr.
KURIER-Wertung: ***** von
*****
[...diese und weitere
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LYRIKwelt
© Kurier, Wien
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2.)
Lisa.
Roman von Thomas Glavinic,
(2011, Hanser).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ
vom 11.2.2011:
Die Spuren des Wahns –
Glavinics neuer Roman
In einem
literarischen Laborversuch erkundet Thomas Glavinic moderne Er- und
Vermittlungswege. Dabei zeigt er in seiner Parabel, dass heute Nachrichten
schneller sind als Gedanken.
„Die Frage ist nicht, ob du paranoid bist“, heißt es
einmal im neuen Roman des österreichischen Erzählers Thomas Glavinic, „die Frage
ist, bist du paranoid genug?“ Reichen unsere Wahn- und Verfolgungsfantasien aus
für den Kosmos, in dem Glavinic seine Helden ansiedelt? Jonas etwa, Protagonist
in Glavinics Romanen „Die Arbeit der Nacht“ und „Das Leben der Wünsche“,
schleuderte ja durch albtraumhafte Fiktionen: Erst war er das letzte Lebewesen
der Welt, dann wurden seine geheimsten Wünsche wahr – bis hin zum Tod seiner
Frau.
Gemessen daran hat es der Erzähler im neuen Werk, „Lisa“,
richtig gemütlich. Er sitzt in einer einsamen Waldhütte vor dem Computer und
quatscht alle, die es via Internetradio hören wollen, mit einer wilden Story
voll. Whiskey und Koks tragen ihn durch diese Nächte. Tagsüber kümmert er sich
um seinen Sohn Alex (sagt er). Er fühlt sich verfolgt, deshalb will er seinen
Namen nicht preisgeben, „ich bin ja nicht ganz blöd, nennt mich Tom. Tom, das
ist eine Idee von mir. Ich bin eine Idee von Tom.“
Die DNA-Spur einer Frau
Des wirren, abschweifungsreichen Gestammels kruder Kern:
die Verwirrung um die DNA-Spur einer Frau, die an vielen, bis aufs gruseligste
nacherzählten Verbrechen in aller Welt beteiligt gewesen sein soll – sowie am
Einbruch in „Toms“ Wohnung. Bei den Ermittlungen freundet sich „Tom“ mit dem
Polizisten Hilgert an, der nicht an die offizielle Lösung des Falles glaubt:
dass die DNA-Spuren bereits an den Teststäbchen hafteten, dass sie von einer
Mitarbeiterin des Stäbchen-Herstellers stammen. Hilgert forscht nach. Und
verschwindet. „Tom“ versteckt sich.
Glavinic schmales Buch ist eine Parabel: Auf eine Welt, in
der Nachrichten schneller sind als Gedanken. In der „die Öffentlichkeit“ einen
Raum jenseits der realen Welt beschreibt. Einmal sagt „Tom“, dessen
Dauergequatsche über Fußball, Filme oder die Frage, warum die guten Schlagzeuger
alle so früh sterben, als Parodie durchgeht: „Es ist, als ob mir nichts
passieren könnte, solange ich hier sitze und rede, rede, rede.“ Bleiben Sie
dran!
Doch nicht erst beim trashigen Ende der vor lauter
Gruselblut glitzernden Story stellt sich leichte Enttäuschung ein. Dass Glavinic
eine einzige, schräge Idee mit aktuellen Bezügen – die DNA-Panne mit
verunreinigten Proben gab es ja einst wirklich – literarisch auszuloten weiß,
hat er mehrfach bewiesen. Hier aber bleibt er in der oberflächlichen
Dauerplauderei seines Helden gefangen. Schade.
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