Liquidation vonImre Kertész, 2003, SuhrkampLiquidation.
Buch von Imre Kertész (2003, Suhrkamp - Übertragung Laszlo Kornitzer und Ingrid Krüger).
Besprechung von Sabine Dultz im Münchner Merkur, 30.09.2003:

Die Schmach des Lebens'
Bedrückende Wahrheit: "Liquidation" von Imre Kertész

Ein Nobelpreisträger in der Stadt. Vor einem Jahr wurde der Ungar Imre Kertész mit der höchsten Ehrung für Literatur ausgezeichnet, womit die Schwedische Akademie vor allem seinen "Roman eines Schicksallosen" würdigte. Jetzt hat er seinen neuen Roman vorgelegt, "Liquidation", aus dem er heute, 20 Uhr, in den Münchner Kammerspielen liest.

Das Wort Liquidation beinhaltet mehreres. Einmal ist darunter zu verstehen die Kostenabrechnung freier Berufe sowie die Auflösung eines Geschäftes, zum anderen die Tötung aus politischen Gründen. Bei Kertész fügen sich die drei Bedeutungen zusammen zu einem ungemein dichten, philosophisch-politisch abgerundeten, mitunter auch kriminalistischen Lebens- und Liebespuzzle; ausgebreitet über drei Zeitebenen. Einmal die Nachwende-Zeit, also die 90er-Jahre; dann die Jahre von Stalinismus und Sozialismus; und schließlich der Ort des Grauens, Auschwitz, den der Autor selbst als Kind erleiden musste. "Liquidation" erzählt von ungarischen Intellektuellen, von Buchmachern, Dichtern und Lektoren, und davon, wie ihnen durch die Wende der Widerstand - die Messlatte an die eigene Existenz - abhanden gekommen ist und damit der Prüfstein für das eigene, kämpferische Ich.

"Er langweilt sich radikal. Das ist inzwischen sein einziger Radikalismus. Das, was ihm von den großen Zeiten geblieben ist. Die Langeweile.", heißt es in dem Theaterstück, die der Verlagslektor Keserü aus dem Nachlass des Freundes, Übersetzers und Schriftstellers Bé gerettet hat. Bé hat sich umgebracht. Aber wer hat ihm das Morphium gegeben, wer hat ihn tatsächlich als Erster gefunden, wie viele Abschiedsbriefe gab es? Bé, der in Auschwitz geboren wurde und durch Zufall die Hölle überlebte, hat sich, nachdem auch die Qualen des Stalinismus und die Gängelungen des Sozialismus überstanden waren, das Leben genommen. Warum?

Während Keserü mit allen, auch üblen Mitteln zur Beantwortung der Frage nach dem großen Roman, den der Tote hinterlassen haben muss, vergeblich sucht, sind ihm die für die Bühne geschriebenen Texte sicher: eine Komödie, die Bé "Liquidation" nannte. Welche Verwirrung, welch Geheimnis: Unter den handelnden Personen - die vier Kollegen des Verlags - befindet sich auch Keserü selbst und in den Dialogen die Vorwegnahme jener Gespräche, die die Freunde nach dem Selbstmord Bés führen.

Dichtung und Wahrheit, Literatur und Logik vermengen sich hier auf brillante Weise. Dazu die Problematik, wie Bés Leben und Sterben in Worten greifbar zu machen ist. Wie diese, "im Grunde unerzählbare Geschichte" zu Protokoll geben?

Nach seiner Vernehmung zum Selbstmord Bés weiß Keserü: "Dort in jenem Amtszimmer, wo sich, wie ich empfand, die ganze Gleichgültigkeit der Welt verdichtete, dort habe ich begriffen, daß alle Geschichten zu Ende sind, daß unser aller Geschichte zu Ende ist und daß er, B., der einzige war, der daraus auf seine Weise, also so, wie er es immer tat, das heißt radikal, die Konsequenzen gezogen hat."

Ein Schluss, der alle betrifft, denn von der Auschwitz-Realität ist niemand befreit. Nicht die Freunde Bés. Nicht seine Geliebte. Genauso wenig seine frühere Frau, die versucht hat, durch eine neue Ehe der seelischen Pein und ihrer jüdischen Geschichte zu entkommen. Und auch nicht die Literatur: "Das wahre Ausdrucksmittel des Menschen", wird der verstorbene Bé zitiert, "sei sein Leben. Die Schmach des Lebens über uns ergehen lassen und schweigen: das sei die größte Leistung." So das bedrückende, quälende Fazit des Literaturnobelpreisträgers. Ein großes Werk.

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