Lines.
Roman von Bettina
Gundermann (2001, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Martin Lüdke aus der Frankfurter Rundschau, 28.4.2001:
Ein
Totentanz
Schon am Anfang am Ende, zu allem bereit:
Bettina Gundermanns Debütroman "lines"
Sage mir, mit wem du umgehst. Und ich sage dir, wer du bist. Diese Lebensweisheit des deutschen Kleinbürgertums versprach, in jenen Zeiten, in denen sich die alte Ordnung endgültig aufgelöst hatte, wenigstens noch einigermaßen Orientierung. Der wahre Adel des Edelmanns lässt sich schon lange nicht mehr an seinen Kleidern ablesen. Der Prozess einer, wie es der Fachmann aus sicherem Abstand nennt, Modernisierung schreitet immer weiter und mit zunehmender Beschleunigung voran. Dabei hat sich mehr als nur die alte Kleiderordnung aufgelöst. Ein Bruchteil der Folgekosten lässt sich in der Bahnhofsgegend größerer Städte besichtigen. Dort spricht man sogar von Kriminalisierung. Die Opfer dieses Prozesses sind zu Tätern geworden. Es geht, kurz gesagt, einiges durcheinander.
Pedro darf als Beispiel gelten. Man schreibt über ihn in den Zeitungen. Es sind allerdings seltsame Überschriften, etwa vom "Jungen aus dem Müll", oder "Talent geerbt vom ermordeten Adoptivvater". Pedro selbst stilisiert sich gern in den wenigen Interviews, die er überhaupt gibt. "Das macht ihn zur Kultfigur. Denn er sieht gut. Ist jung. Enorm reich. Rotzfrech. Und er hat schon eine Geschichte."
Wir bewegen uns hier in Bettina Gundermanns lines - einem Buch, das zu Recht auf jede Gattungsbezeichnung verzichtet - scheinbar in bester Gesellschaft. Pedro könnte, so besehen, als Schwarm einer jeden Schwiegermutter erscheinen. Nur hat der vermögende junge Mann, der erfolgreiche Jung-Unternehmer, das Wunderkind am Neuen Markt, einen kleinen Geburtsfehler.
Er ist als Junkie zur Welt gekommen. Seine Mutter hat ihn weggeschmissen. Er wurde gerettet, von Adoptiveltern aufgezogen und ist zum Mörder geworden. Vor allem aber ist er ein armes Schwein geblieben. Die Mülltonne, in die ihn seine Mutter, gleich nach der Geburt abgesetzt hatte, nicht lange, bevor sie sich selbst den letzten Schuss gab, ist nicht, wie die Beckett'schen Abfalleimer, metaphysisch ausgepolstert, sondern grau, stinkend, und randvoll gewesen, so dass er überleben und entdeckt werden konnte.
Doch, Vorsicht, Bettina Gundermann entwickelt kein realistisches Szenario. Sie will nicht die Verhältnisse, die wir kennen (können), abbilden, sondern zu einem Schelmenstück verdichten. Ihre Menschen sind oft am Anfang schon am Ende und deshalb zu allem bereit: Sie betteln, stehlen, rauben, morden. Sie demütigen, sie prostituieren sich, fast folgenlos, denn sie empfinden kaum mehr etwas. Ihre Selbstachtung und Würde haben sie längst hinter sich gelassen. Deshalb ist ihnen mit Psychologie auch nicht mehr beizukommen. Das ehrwürdige Verfahren unserer Härtling / Muschg / Walser, um nur die aktuellen Marktführer zu nennen, liefe bei ihnen ins Leere.
Mit Einfühlung in diese marode Psyche lässt sich absolut nichts mehr herausholen. Es sind, durch die Bank, abgefuckte Typen, die nie eine Chance hatten und darum auch nichts von Achternbusch Kalauer halten, wonach es sie zu nutzen gelte. Dieser Spruch, der zu Sponti-Zeiten eine steile Karriere erlebt hat, geht diesen Typen, mit Verlaub, am Arsch vorbei. Sie sind fertig. Beim letzten Schuss oder direkt davor.
Wie Anne, die auf der Toilette einen toten "Kumpel" trifft, die Spritze noch im Arm, leider leer. Dafür hat er ein Messer in der Tasche. Anne bedroht damit einen alten Mann. "Der gibt ihr Geld. Nicht gern übrigens." Damit marschiert sie zum Dealer. "Der hat gerade drei Frauen zu Besuch. Die sind nackt und lecken ihm die Stiefel." Der Dealer, von dem es heißt, dass er "einen guten Tag" hatte, verspricht Anne "unter der Bedingung, dass sie ihm einen bläst", den Stoff. "Anne bläst. Dealer gibt. Anne darf sich den Schuss im Bad setzen. Anne setzt sich den Schuss. Scheiß Stoff. Anne tot." So treten die Figuren, die schon durch die Hintertür ins Leben traten, auf dem Abtritt wieder ab, eine nach der anderen.
Erbaulich sind diese Geschichten wahrlich nicht. Auch wenn Bettina Gundermann diese Schicksale nicht nur expressionistisch herausstammelt, sondern zuweilen sogar in behaglichem Tonfall erzählt, kommt sie doch nie in die Nähe der Sozialarbeiter-Prosa. "Du bist nicht zu Gast bei einem Marionettenspieler. Ich habe die Fäden nie in der Hand gehalten. Das wird sich auch jetzt nicht ändern. Das Einzige, was ich ab und an halte, ist mein Schwanz, einen Joint, ein Glas Champagner. Vergiss nicht, ich bin der mit den schwarzen Tränen ..."
Bettina Gundermann schreibt also nicht aus der Psyche ihrer Figuren heraus, sondern aus der Szene, in der sie sich bewegen. Scheinbar mitleidlos. Denn: "Es ist wie es ist." Sie beschreibt Lebensläufe. Manche von der Geburt bis zum Tod. Die Geschichten sind zu einem Reigen verknüpft. Der finale Ausgang dieser Lebensläufe geht nie auf natürliche Ursachen zurück. Es wäre fast ein Bildungsroman geworden. Gestalten, die wir auf ihrem Weg durchs Leben in ihrer Suche nach dem Glück bis zum Ziel begleiten dürfen. Nur: Von Leben kann nicht mehr die Rede sein. Das Glück erschöpft sich im nächsten Trip. Und das Ziel erreichen sie alle, wie Anne, im frühen Tod. Bis auf Pedro überlebt keiner der Protagonisten.
Bettina Gundermann, 1969 geboren, hatte, bevor sie sich aufs Schreiben verlegte, als Tänzerin begonnen, als Dozentin für Tanz gearbeitet. Dieser Totentanz ist nun ihr erstes Buch. Sprachlich oft noch etwas klapprig. Doch wird es nicht das letzte bleiben.
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