lindennacht.
Gedichte von Reiner
Kunze (2007, S. Fischer)
Besprechung von Frank Thomas Grub aus dem
titel-magazin, 52/2007:
„sieben silben einsamkeit“
Kunzes Gedichte zeichnen sich durch eine
aufs Äußerste konzentrierte Sprache aus. Frei von jeglichem Pathos faszinieren
sie in ihrer schlichten Schönheit.
Es dürfte nur wenige Schriftsteller geben, deren
Texten die Zeit kaum etwas anhaben kann. Reiner Kunze, geboren 1933 im
erzgebirgischen Oelsnitz als Sohn eines Bergarbeiters, zählt zweifellos zu
ihnen. Neun Jahre nach ein tag auf dieser erde hat er einen Gedichtband
vorgelegt, dessen Titel nicht zuletzt auf die Motivwelt der Romantik verweist: lindennacht.
Nahezu ausnahmslos werden Kunzes Verse von einem unverwechselbaren, leisen Ton
bestimmt, der etwas Endgültiges hat. Entstanden sind die Gedichte in den
vergangenen fünf Jahren; sie kreisen um Kindheitserinnerungen an die
Bergmannswelt des Erzgebirges und an die Nachkriegszeit, um zentrale Themen des
Lebens wie Älterwerden und Tod, aber auch um Bildende Kunst, Musik und Natur.
Die Linde kann als Leitmotiv begriffen werden, erscheint sie doch mehrfach,
beispielsweise in „variation über das thema ‚Philemon und Baucis’“, das
zugleich eines der bemerkenswertesten Gedichte des Buches ist. In „nach alter
kinderweise“ greift Kunze das Lied „Maikäfer, flieg“ auf, seine „spottverse“
sind gegen Sprachbeschädigung und Rechtschreibreform gerichtet. Einen eigenen
Zyklus bilden Gedichte über Orte, etwa „im norden“ oder „Finnland bei Nykälä“.
Annährung an den Tod
Kunzes Gedichte zeichnen sich durch eine aufs Äußerste konzentrierte Sprache
aus. Frei von jeglichem Pathos faszinieren sie in ihrer schlichten Schönheit.
Viele der Texte lassen sich als Annäherungen an den Tod lesen; sie sind von
eindrucksvoller Klarheit sowohl im Ausdruck als auch in der Form, die
folgerichtig im Haiku ihren Höhepunkt erreicht.
„Fünf silben demut / sieben silben einsamkeit / fünf silben wehmut“ heißt
es in „schule des haiku“. Und die letzte Zeile von Kunzes „altershaiku“
lautet: „Die welt entfernt sich“. Verklärungen oder falsche
Romantisierungen liegen dem Dichter fern; besonders deutlich wird dies in „dachfenster
bei sternklarer nacht“: „Wie verloren wir liegen // Doch lieber ungeborgen,
/ als über uns / ein ebenbild des menschen“.
[...diese und weitere
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