Lilys Ungeduld von Klemens Renoldner, 2011, folio

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Lilys Ungeduld.
Roman von Klemens Renoldner (2011, Folio Verlag).
Besprechung von Barbara Mader aus Kurier, Wien, vom 27.01.2012:

Warum "Lilys Ungeduld" ihren Tod bedeutete

Architekt Sebastian Zinnwald bekommt Besuch von seiner Tochter. Er hat Veronika seit zwölf Jahren nicht gesehen. Wollte nicht, seit sich seine jüngere Tochter Lily von einer Brücke in den Tod gestürzt hat. Er zog sich nach dem Selbstmord der 24-Jährigen zurück, verwilderte zusehends. Jetzt bittet er Veronika zum Gespräch über die Vergangenheit. Die Begegnung gestaltet sich schwierig, die Fronten sind verhärtet, beide voll Selbstgerechtigkeit.

Das klingt bis hierher nicht sehr spannend, und trotzdem wird die mühsame Annäherung, die sich nach dem Prinzip "ein Schritt nach vorne, zwei Schritte zurück" gestaltet, zum "Pageturner". Man will den großen Familienfragen, die um das "Warum" des Selbstmordes kreisen, nachgehen. Klemens Renolder initiiert aus dem mageren Handlungsstrang, der per se nur aus Veronikas Fahrt zum Vater und ihrem Aufenthalt in seinem Bauernhaus besteht, nach und nach die Substanz der komplexen Familiengeschichte. Ohne aufdringliche Volten zu schlagen, wird die Erzählung mit Hinte rgründen angereichert, bis man "Lilys Ungeduld" versteht.

Der 1953 in Schärding geborene Renoldner studierte Literatur und Musik. Was man ankreiden kann: dass Renoldner viel weiß und (zu) viel in den Roman hineinpackt. Malerei, Musik, Kulinarik: Sebastian Zinnwald kennt sich aus. Das kann zäh sein. Stupend ist Renoldners Genauigkeit. Etwa, wenn er sprachliche Unschärfen, vermeintlich Poesie, humorvoll aufs Korn nimmt: Eine Nebenfigur verwendet das Wort "Samtkuss": "Wie die Erfahrung lehrt, können uns die Sinneseindrücke belügen, aber wir glauben die Wörter zu verstehen: Samt und Kuss. Über ihre interaktive Verknüpfung wird noch zu reden sein."

KURIER-Wertung: **** von *****

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Lilys Ungeduld von Klemens Renoldner, 2011, folio2.)

Lilys Ungeduld.
Roman von Klemens Renoldner (2011, Folio Verlag).
Besprechung von Daniela Strigl in Der Standard, Wien vom 25.02.2012:

Zu ungeduldig zum Leben
Klemens Renoldners Roman über eine Frau, die auf Veränderung und eine Wende zum Besseren wartet

Ein originelles Thema ist Selbstmord nicht. In Klemens Renoldners Debütroman wird dennoch etwas ganz Eigenes daraus. Nach dem Erzählband Man schließt nur kurz die Augen (2008) schreibt der Autor seine Typologie des Scheiterns fort: Vor zwölf Jahren hat sich Sebastian Zinnwalds Tochter Lily mit 24 das Leben genommen. Zinnwald, ein deutscher Architekt, Anfang siebzig, lebt im Engadin. Seit damals wollte er von seiner älteren Tochter Veronika, Kinderärztin in Berlin, nichts mehr wissen. Nun bittet er sie zu sich.

In den miteinander verschränkten Perspektiven von Vater und Tochter ist Raum für Rückblenden in die Zeit, als Lily noch lebte, und in die knapp nach ihrem Tod. Die Mutter ist schon früh an Krebs gestorben. Zinnwald, heißt es, ist das Leben "aus der Hand geschlagen". Nach einem schweren Sturz über die Stiege seines Hauses, mit dem er quasi Lilys Sprung von der Brücke wiederholt, verstummt er für lange Zeit total.

Veronika ist tief gekränkt, weil ihr Vater sie behandelt hat, als würde sie nicht um Lily trauern, ja, als wäre auch sie gestorben. Die Wiederbegegnung findet zu Pfingsten statt, dem Fest der vom Heiligen Geist beseelten und gelösten Zunge. Doch das familiäre Pfingstwunder bleibt aus. Der Roman beschreibt prägnant den komplexen Prozess von Annäherung und Abstoßung zwischen Vater und Tochter, die wiedergefundene Intimität und die darauf folgenden Fluchten Veronikas. Beide quält die nicht beantwort-bare Frage nach dem Warum. Hat Lily sich das Leben genommen, weil sie manisch-depressiv war? Weil sie sie im Stich gelassen haben? Weil sie ihre Tabletten nicht mehr nahm? Oder hat sie den Freitod tatsächlich frei gewählt?

Lilys Geschichte erinnert an die der Dichterin Hertha Kräftner, die sich mit 23 umgebracht hat. In ihrem Essay Wenn ich mich getötet haben werde analysiert Kräftner den Freitod als die Beleidigung der Überlebenden: " Dieses Mädchen stand am Anfang ihres Lebens, sie war weder gefährlich krank noch hässlich oder verunstaltet; sie war gescheit und gebildet (...) Wo immer sie hinkam, war sie den Leuten sympathisch (...). Sie hatte einen Freund, der sie liebte, wenn sie aber neben ihm nicht glücklich war, so hatte sie Gelegenheit genug, einen anderen zu wählen. Sie hatte eine sorgende Familie und bekam nicht nur, was sie brauchte, sondern auch was sie sich wünschte. Hatte dieses Mädchen also Grund, sich zu töten?"

In Renoldners Buch kommt ein Studienfreund Lilys der Wahrheit zumindest ziemlich nahe: "Das Verhängnis war Lilys Ungeduld." Ihre Ungeduld beim Warten auf Veränderung, auf eine Wende zum Besseren. Renoldner kommt in seinem scharfsichtigen Familienpsychogramm ganz ohne Psychologen-Jargon aus.

Lilys Ungeduld ist eine existenzielle Analyse, genau und glaubwürdig in eine reale Situation gebettet. Der Roman zeigt, was es heißt, trostlos zu sein, einen Schicksalsschlag ohne den Stoßdämpfer der Religion zu überstehen; er zeigt, wie das Reden, das angeblich immer hilft, mitunter eben auch nicht hilft; wie Gespräche keinen Weg ins Freie eröffnen, sondern sich zwanghaft im Kreis drehen. Die eigenwilligen Überschriften der 63 kurzen Kapitel, die auf das Ungenügen der Sprache und den brüchigen Boden der Gewissheit verweisen, stammen zu einem Gutteil von Wittgenstein: "Weiß die Katze, daß es eine Maus gibt?" Oder: "Könnte der das Wort Schmerz verstehen, der nie Schmerz gespürt hat?" Oder: "Eine Vorstellung ist kein Bild" - "aber ein Bild kann ihr entsprechen", heißt es bei Wittgenstein weiter. So versucht der Autor Bilder zu finden, die den Vorstellungen von Trauer entsprechen.

Lilys Bild entsteht dabei aus Erinnerungen. "Erinnerung ist das eigentliche Element der Unglücklichen", lautet eine Überschrift (die allerdings von Kierkegaard stammt). Es ist das Bild einer im Grunde starken, allzu intensiv lebenden jungen Frau mit dem Hang zu Unbedingtheit und einem Hauch von Hochmut. In Lilys Zitaten aus Dialogen und Briefen wird tatsächlich eine eigene, markante Stimme hörbar. Gegen den Paradiesvogel Lily bleibt Veronika, die brave Schwester, seltsam blass.

Zinnwald hingegen erscheint zwiespältig. Obszön egozentrisch beharrt er auf seinem Schmerz, will als Maler den von der Kunstgeschichte übersehenen "pater dolorosus" rehabilitieren. Dabei hat er, wie sich herausstellt, die letzten Jahre keineswegs als mönchischer Einsiedler verbracht.

Und doch ist er ein Mann, der allemal Mitleid verdient. Zu den Höhepunkten der Erzählung gehören die Karikatur des tüchtig-dreisten Zinnwald-Biografen Welti und die Galerie der fiktiven Zinnwald-Bilder: Die Beschreibung von Kunst ist eine Kunst.

Seelenruhig und genüsslich frönt der Erzähler seiner Lust an essayistischer Verbreiterung, manchmal übertreibt er's. Am Schluss steht eine raffinierte Antwort auf Stifters Erzählung Der Hagestolz und ihre pädagogische Botschaft: ein Showdown zwischen Vater und Tochter im New Yorker "Museum of Natural His-tory", der nicht mit Veronikas Unterwerfung endet und nicht mit der Einsicht des Alten.

Ein verstörendes, unversöhnliches Buch über die Radikalität des Trauerns, ein Buch, das etwas Bohrendes hat, aber zugleich auch etwas Helles.

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