Lietzenlieder von Uwe Kolbe, 2012, S. FischerLietzenlieder.
Gedichte von Uwe Kolbe (2013. S. Fischer)
Besprechung von
Rüdiger Görner in Neue Zürcher Zeitung vom 26.01.2013:

Uwe Kolbes Gedichtband «Lietzenlieder»
Verwunschene Orte

«Lietzenlieder» – wohlgemerkt: keine Lieder vom Lietzensee, der sichelförmig und zauberhaft schön in Berlin-Charlottenburg liegt, sondern Lieder auf Lietzen in Märkisch-Oderland, verträumter noch, von den Templern in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegründet, mit einer Komturei im Besitz derer von Hardenberg, die ein Nest des Widerstands gegen Hitler war.

Welthaltigkeit

Verwunschene Orte sind die bevorzugten Schauplätze der Gedichte Uwe Kolbes. Vineta besonders, so auch der Titel eines seiner früheren Gedichtbände (1998). Kolbes Devise lautet: Zurückkehren in den «Raum der Gedichte», wobei ihm das Gedicht auch «Ausflug» ist, das «Queren eines Bergbaches», ein «Hüpfen von Stein zu Stein», wie es in Kolbes Text «Zehn poetologische Schattenspiele, die Tomas Tranströmer verstehen würde» (1991) heisst. Der Verweis auf den bedeutendsten Lyriker Schwedens war Programm und ist es geblieben; denn wie dieser pflegt Kolbe das Unaufgeregte im lyrischen Ausdruck, die sprachliche Genauigkeit und Eingängigkeit der Verse sowie ihre schiere Welthaltigkeit, die aber nie forciert wirkt.

In den «Lietzenliedern» nun nimmt Uwe Kolbe die «Fussspur von Rilke» auf, hat «John Cages japanische Gärten» verinnerlicht, weiss sich zwischen «Klopstocks Grab» und der Berggasse 19 in Wien. Das «Brackwasser Triests» schwappt gegen die Planken der Verse, und dem «trail of tears» entlang findet er bis nach Toronto. Ganz gleich, ob dieses Ich den Lawrence-Strom hinaufgeht oder in der «Misery Bay» strandet oder ob es gar zurück «in das Raumschiff der Kindheit» kriecht, letztlich überwölbt das kleine Lietzen alle geografischen und zeitlichen Dimensionen; es bestimmt auch die Ahnungen und Erinnerungen sowie das Gespräch mit den Toten (lange hat Kolbe ein solches Gespräch besonders mit Franz Fühmann geführt – in «Lietzenlieder» scheint es einstweilen verstummt). Das «Zurück», «Rückwärts» bestimmt viele dieser Gedichte, aber es ist ein Zurück-nach-vorne, ins bleibend Unbekannte, wo das, was man für vertraut hält, aus Selbsttäuschungen besteht.

Die Gedichte Uwe Kolbes, längst gehören sie zum Wichtigsten, was die deutschsprachige Lyrik seit den achtziger Jahren zu bieten hat, kommen ohne Aufgesetztheiten aus, ohne das Spektakuläre, Überzogene. Es ist dagegen eine Lyrik, die beispielsweise von einem «Mann aus Rheinsberg» weiss, der «sich zum Singen» durchgerungen, «was wohl an ein Wunder grenzt. / Mehr noch, es ist ein Wunder, wenn man recht bedenkt, / was sonst die Mark so ausmacht, sangesloses Land / der Birnen und der Gurken, was an Früchten schenkt / das Urstromtal des Märkers, der, stets angestrengt, / mit Tränen seiner Ahnen wässert seinen Sand.»

Unvergleichliche Wendungen

Man darf bei solchen Versen an Fontane denken, an Bobrowski auch, an Huchel, an so viele, aber diese Wendungen, sie sind unvergleichlich. «Märkische Bewässerung» lautet der Titel dieses sonetthaften Gedichts, und es beginnt mit dem Vers: «Der Quell ostdeutscher Flüsse ist ein Tränenstrom» – und man wähnt sich auf vertrackte Weise – zu Hause. Man liest dieses Gedicht zwei-, dreimal und kann es auswendig. Kann das noch ein Kriterium für sprachlich-lyrische Güte sein? Oh ja, weil dergleichen so selten geworden ist.

Doch dieses Gedicht «Märkische Bewässerung» wirft eine Frage auf, die sich aus einem der Mottos ergibt, die Kolbe seinem zweiten grossen Lyrikband («Abschiede und andere Liebesgedichte», 1981) beigegeben hatte: Kann, soll, darf es das noch geben, das «hohe und reine Frohlocken vaterländischer Gesänge», von dem Hölderlin in einem Brief an seinen Verleger im Dezember 1803 gesprochen hatte? Bei Kolbes Gedicht «Märkische Bewässerung» handelt es sich um einen solchen verantwortbaren «Gesang», weil es dessen schwierige Voraussetzungen beim Namen nennt. Hier ist ein Dichter, der uns sprachgelenkig wie eh einen «Ambiguity Tango» vortanzt, über «Mondseen» geht (doch vielleicht den Lietzensee?!) und das Schweigen gegen den «Heidenlärm» austariert.

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