Liegen lernen von Frank Goosen, 2001 - Eichborn-Verlag1.) - 2.)

Liegen lernen.
Roman von Frank Goosen (2000, Eichborn).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 16.6.2001:

Hoher Nick-Faktor
Frank Goosen erzählt, was in den Achtzigern das "liegen lernen" bedeutete

Helmut. Der kleine, etwas dickliche Mann mit der Glatze da vorne am Tisch könnte auch ein Helmut sein. Jedenfalls sieht er so aus. Aber er heißt Frank Goosen, kommt aus Bochum, ist die eine Hälfte des im Ruhrgebiet legendär gewordenen, mittlerweile aufgelösten Kabarett-Duos "Tresenlesen" und hat einen Roman geschrieben: liegen lernen, die Geschichte des vermeintlichen Erwachsenwerdens des etwas tumben Helden Helmut, setzt mit dem Beginn der Kanzlerschaft von Helmut Kohl ein, endet wenige Wochen vor deren Ende, und eigentlich hätte Frank Goosen bereits im April in der Carolus-Buchhandlung aus liegen lernen lesen sollen, wenn da nicht die Geburt seines Sohnes dazwischen gekommen wäre, der zwar nicht Helmut, sondern Robert heißt, dafür aber am selben Tag Geburtstag hat wie Helmut Kohl.

Im Grunde müsste man sich über liegen lernen ein wenig ärgern. Eine Nummernrevue aus den achtziger Jahren, voll gestopft mit sämtlichen wohlfeilen Zutaten, die so ziemlich jeder mit dieser Epoche verbindet, bevölkert nicht mit Figuren, sondern mit klischeehaften Platzhaltern: Der Nazi-Onkel, die schöne und politisch engagierte Schülersprecherin, die kleinbürgerlichen Eltern im Panorama der Ruhrpott-Spießigkeit, Nicaragua, der saure Regen, Räucherstäbchen, aromatisierter Tee und so weiter.

Trotzdem macht Goosens Lesung dem Publikum bei Carolus großen Spaß. Das liegt daran, dass der Autor erstens ein begnadeter Dialogeschreiber und zweitens ein ebenso begnadeter Vorleser ist, schließlich lebte auch "Tresenlesen" von Spontaneität und Improvisation - liegen lernen ist auch als CD, vom Autor persönlich gelesen, erschienen.

Richtig komisch wird es dann, wenn Goosen den Ton der krampfhaften Achtziger-Lockerheit auf die Schippe nimmt: Bei Helmuts erstem Besuch bei Britta etwa. Da teilt die sich gerade töpfernd selbst verwirklichende Mutter ("Ich bin die Jutta") Helmut mit, Britta sei "oben in ihrem Bereich". Helmut muss sich auf dem Weg dorthin durch mit Zwieback beklebte Vorhänge kämpfen.

Außerdem erfährt der Uneingeweihte, dass jeder klampfenambitionierte Jugendliche in Ost und West zu dieser Zeit offenbar intensive Bekanntschaft mit "Peter Burschs Gitarrenkurs" auf Schallplatte gemacht hat ("die dicke E-Saite"); jedenfalls ist der zustimmende Nick-Faktor im Publikum hoch.

Helmuts Liebe zu Britta endet natürlich letztlich unglücklich; als 1989 in Berlin die Mauer fällt, trifft er sie auf einer Party wieder, verlebt einige absurde Tage mit ihr und sitzt am Ende doch wieder allein gelassen am Bordstein.

In der anschließenden Selbstbefragung (das Publikum wollte zuerst keine Fragen stellen) erzählt Frank Goosen von den Deutschen, die immer nur gut sagen können, wer oder was sie nicht sind, oder vom autobiografischen Gehalt seines Romans. Viel lustiger ist es aber, wenn er von Namensgebungen auf der Kinderstation des Krankenhauses Gelsenkirchen berichtet, an denen man schon die sozialen Aufstiegshoffnungen der Eltern ablesen könne: Während Joyce Preuß ja eher noch unglücklich klingt, wird Mandy Melody Kwiatkowski sich irgendwann einmal wünschen, Elke zu heißen.

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Liegen lernen von Frank Goosen, 2001 - Eichborn-Verlag2.)

Liegen lernen.
Roman von Frank Goosen (2000, Eichborn).
Besprechung von Barbara Tumfart aus Rezensionen-online *Sz*, Juli 2002:

Das Romandebüt des deutschen Autors Frank Goosen führt den Leser in einer umgreifenden, teils klischeeartigen Retrospektive in die 80er-Jahre zurück und beschreibt mit viel Ironie und Witz das Erwachsenwerden des Helden Helmut.

Wir lernen Helmut als einen Jugendlichen im Alter von 16 Jahren kennen. Sein Leben verläuft in den geregelten Bahnen einer spießbürgerlichen Familie par excellence im Ruhrgebiet.

Dies ändert sich schlagartig mit dem Auftauchen einer neuen Mitschülerin, Britta, die für Helmut das genaue Gegenteil zu seinem bisherigen Leben verkörpert. Die beiden Jugendlichen beginnen eine Liebesbeziehung, die aber durch Brittas plötzliche Abreise nach Amerika ein jähes Ende findet.

In den folgenden Jahren ist Helmut beruflich relativ erfolgreich, schafft es aber nicht eine dauerhafte Beziehung zu einer Frau aufzubauen, da er immer Britta als Idealbild vor Augen hat. Als er sie nach Jahren endlich wieder trifft, erweist sich dieses Bild aber als trügerisch.

Nach einer kräfteraubenden Suche nach seinen Ex-Freundinnen akzeptiert er sein aktuelles Leben und ist scheinbar bereit, erstmals Verantwortung zu übernehmen. Man fragt sich nur, für wie lange?

Das Buch ist in einem witzigen, rasanten und unsentimentalen Ton geschrieben und zeigt die Probleme des Erwachsenwerdens vor dem Hintergrund der turbulenten 80-er Jahre. Für all jene, die selbst aus dieser Generation stammen, ein Muss, für alle Anderen eine unterhaltsame und durchschnittliche Lektüre, die sehr an Hornby's "High Fidelity" erinnert.

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