Liebesgeschichte von Franzobel, 2007, Zsolnay1.) - 3.)

Liebesgeschichte.
Roman von Franzobel (2007, Zsolnay).
Besprechung von Michaela Schmitz, 14.07.2007 im Deutschlandfunk:

Ironisierung der Liebe
Franzobel schreibt eine "Liebesgeschichte"

Manchmal, so der Autor, wisse er selbst nicht, woher all die Narren stammen, die seine immer als harmlos geplanten Geschichten stets zum Kippen brächten, aus jeder Idylle etwas Groteskes machten.

Und schon naht die erste Katastrophe: Familienvater Alexander Gansebohn wird nach nächtlichem Besuch der Geliebten von seiner Frau zur Rede gestellt. Ein kurzer heftiger Ehestreit endet im Drama: Marie nimmt beide Töchter und springt mit ihnen aus dem Fenster. Und Alexander? Bleibt ungerührt, dreht auf dem Fuße um und eilt zur angebeteten Dunja zurück, seiner großen Liebe. Aber Dunja ist in Doyle verliebt. Doyle dagegen, "die affektiert zur Schau getragene Freude an sich selbst", liebt nur sein Ego. Er hält sich seine Dogge und die Frauen zur reinen Selbstbefriedigung. Im Männlichkeitswahn des Womanizers hat Liebe keinen Platz. Denn für ...

Doyle war alles Materie, nichts Geist. Materielle Zerstörung begann im Geist, weswegen auch der Geist Materie sein musste. Geist war Materie und sogar der Nichtgeist war nicht Nichtmaterie, sondern Materie, weil alles Materie war - auch das Nichts, sogar der Geist, die Seele, alles. Alles war nichts, und alles war alles, und alles bedeutete nichts, und nichts bedeutete alles. Und alles war Materie. Also war auch Glück Materie, ja Gott sogar und wenn man jemand flachlegte.

Flachgelegt wird Doyle nun ganz unerwartet selbst. Vom unglücklichen Liebhaber Alexander zur Strecke gebracht. Wofür Dunja den Liebesmörder im Jointrausch in die Michaelergruft verschleppt. Zum Glück für Alexander wird er von seiner Verehrerin Heidrun Scherübl ins Totenreich verfolgt. Sie befreit ihn aus dem Sarg. Von den Toten wiederauferstanden, soll Alexander von Heidruns eifersüchtigem Gatten Peter jetzt endgültig ins Jenseits befördert werden. Bei diesem Vorhaben trifft Peter auf Marie, welche ihn für Alexander hält. Marie hat ihren Fenstersprung nämlich nur inszeniert, um ihren geliebten Ehemann wiederzugewinnen. Mit dem sich Dunja plötzlich doch noch einmal im Wurstelprater treffen will. Auf dem Jahrmarkt findet Alexander nicht seine große Liebe, Dunja dafür bei einem Selbstmordattentat den Tod. Als Selbstmordattentäter will Alexander jetzt selbst seinem Leben ein Ende setzen. Er reist dafür nach Jerusalem und wird dort verhaftet. Doch da taucht unerwartet die totgeglaubte Marie wieder auf. Sie schwört ihrem Mann noch einmal ihre bedingungslose Treue - bevor sie ihm die Liebe zu Peter Scherübl eröffnet. Der hat zuvor seine Frau Heidrun aus dem Weg geschafft. Womit sich der Kreis zum Liebesreigen schließt: zur perfekten Karikatur einer Liebesgeschichte, einer tragischen Komödie der Liebe, frei nach Arthur Schnitzlers "Reigen". Eine Liebesparodie, in der sich der Leser mit Alexander die Frage stellt:

War das die weltberühmte Liebe, um die sich alles drehte? Der Sturzbach, der einen mitriss, wenn man in ihn fiel, der einem die Luft nahm und davontrieb? Oder eine falsche, bösartige Alte? Eine Megäre, die einen den richtigen Menschen zwar finden ließ, aber nur um festzustellen, dass einen dieser Richtige böse zurichtete, weil man selbst nicht der Richtige für den richtigen Menschen war, sondern der Falsche, eine lästige Verrichtung. Sollten immer nur Richtige auf Falsche treffen, sich nie zwei finden, die im Himmel füreinander gemacht waren?

Alexanders Liebesgöttin ist Dunja. Hatte er nicht sogar einmal den Versuch unternommen, sich mit ihr im Akt innigster Vereinigung dauerhaft zu verschmelzen? Hatte er nicht in einer großen romantischen Aktion zwei Tuben Superkleber zwischen ihre beiden Körper gedrückt, so dass sie zusammenklebten wie siamesische Zwillinge? Hatte er sie nicht angefleht, ihn zu töten, weil er lieber durch ihre Hand sterben als ohne ihre Liebe weiterleben wollte? Mit Heidrun war das etwas anderes. Wie ihre Namensvetterin, die begehrlich hinter jedem Bock herlaufende "Himmelsziege" aus der Edda, schleppt sie ihn direkt aus der Gruft ins Hotel Kairo, um ihn zu vernaschen. Und Alexander? Er versagt, weil er Heidrun nicht liebt. Flieht vor dem alten "Rein-raus-Spiel" aus Angst, den Ausritt nicht zu bestehen. Und wie ist das mit Marie, dem "Schneewittchen"? Mit ihr hatte es eine Zeit unbeschwerter Liebe gegeben. Bevor ihre Lust im spießbürgerlichem Familienalltag erstickte. Einzig das Einbrecherpärchen Eitelbeck, so scheint es, ist nach wie vor ineinander verschossen, turtelt liebestoll und verspeist sich gegenseitig voller Lust. Das tollpatschig dreiste Diebespaar hat sich nämlich inzwischen in Alexander und Maries Wohnung eingenistet und sich wie Herr und Frau Gansebohn benommen:

Daselbst freilich hatten es sich der glasäugige Trickbetrüger Moses Mops Eitelbeck und seine Freundin, die blonde Ramona, bequem gemacht. Sie saß in einem Schaukelstuhl, hatte Maries Brautkleid angezogen, eine kalte, dick mit Mayonnaise bestrichene Hühnerkeule neben sich, blätterte in einem Buch über sexuelle Harmonie und las die angestrichenen Stellen vor:
- Wie befreit man sich von sexuellen Blockaden?
- Die Erwartungen runterschrauben, grinste Moses, der den besten Anzug Alexanders angezogen und den Geburtswein der älteren Tochter, einen Château Rothschild, geöffnet hatte. Er paffte eine Zigarre und schob sich gleichzeitig Pralinen in den Mund. (...)
Ramona hatte nach ihren Titten gegriffen und ließ sie aus ihrem BH hängen - nicht ohne vorher eine Rolle Falschgeld in ihre Träger gesteckt zu haben.
- Spießer, glauben, dass sie's geschafft haben ( ... )
- Wir sind alle Gottes Geschöpfe.
- Ach, halt die Fresse, du versoffener Arsch. Moses gab sich selbst eine Ohrfeige. Beide lachten.
- Komm jetzt, Alter, Infight!
- Du hast ein herrliches Hinterteil, Süße, richtig zum Abbeißen, kam es aus Moses' rotweinrotem Mund, während Ramona ihr Becken kreisen ließ. (...)
- Lass uns tanzen. Unser Lied!
Es war (...) berührend, wie sie über Kleiderhaufen und Weinflaschen stolperten, Mühe hatten, ihre unförmigen Figuren im Takt zu halten und dabei mitsummten. Alexander (...) war ergriffen. Diese beiden Einbrecher vermittelten ihm mehr Lebensfreude als alle Dunjas und Heidruns zusammen.


Denn Alexander ist trotz all seiner Affären immer noch ausgehungert. Hungrig nach "Bestätigung, Anerkennung, Sex, weil man so gezeigt bekommt, dass man etwas richtig macht, das Leben einen Sinn hat", kommentiert der Erzähler. Wie der Puck aus Shakespeares Sommernachtstraum schwebt der allwissende Erzähler nämlich nicht nur über der Geschichte, sondern mischt sich ein, bringt Dinge durcheinander. Er schaltet sich mit Bemerkungen und Rückblenden ein, kommentiert ironisch das Geschehen und stellt zwischen mehreren, oft räumlich oder zeitlich auseinander gelegenen Handlungen Verbindungen her. Eine Manifestation der Franzobel'schen Weltsicht, denn seine Welt sei eine "einzige rhythmische Verstrickung, eine kuriose Chaostheorie." Indem er zahllose Beziehungen knüpft und unzählige Bilder übereinander legt, schafft er einen irritierenden Eindruck: vergleichbar dem oszillierenden Effekt von versehentlich mehrfach belichteten Fotos. Die Entdeckung solcher Mehrfachbelichtungen seien, so Franzobel, sein "künstlerisches Erweckungserlebnis" gewesen. Sein literarisches Ziel: Solche ineinander verschmolzenen Bilder auch im Text zu realisieren. Dabei hänge viel von der Durchmischung der übereinander gelagerten Konstruktions-Bausteine, Liebes-Definitionen, Bewusstseins-Schichten und symbolischen Ablagerungen ab und von der dadurch entstehenden "motivischen Grundierung oder Lasur." Wie hier, wo sich verschiedene Liebesarten übereinander legen und ein vieldimensionales Bild von Liebe, Lust und Leidenschaft ergeben. Selbstverständlich immer mit der auch für die Shakespeare-Komödie typischen süffisanten Ironie. Die Bandbreite geht hier von göttlicher Liebe über erotische Ausschweifungen wie Alexanders "Fellatioroulette", seine pervers-komische Sex-Orgie mit sechsunddreißig Jungfrauen, bis hin zu skurilen Kastrationsphantasien. So erinnert sich Alexander an eine Venedigreise mit Dunja, wo ein Besuch auf dem Fischmarkt in einer grotesken Befreiungsaktion endet:

Sie kauften zwei Tiere (...) und schlenderten dann zu einem kleinen Platz, wo sie die Befreiten in den Kanal setzen wollten. Die Languste machte keine Probleme, aber der Taschenkrebs (...) schnappte gleich (...) nach seinen Befreiern, erwischte Alexander dort, wo es am meisten schmerzt, genau im Schritt, so dass er meinte, beschnitten zu werden. (...)
- Ich werde kastriert, ich werde kastriert! (...)
Dunja, die Jeanne d'Arc der Krustentiere, packte das Tier und rief:
-- Lass seine Eier los! Lass seine Eier los! Du Hodendieb!
Da die Szene neben der Rialtobrücke spielte, bildete sich rasch eine Traube Touristen, die diese sonderbare Osterpassion begeistert akklamierten.
- Komm schon, komm!, schrie Dunja und zog an dem braunen, fußgroßen Krebs, der sich in Alexanders Mitte festgezwickt hatte (...) .
Im Nachhinein (...) erscheint es so, als hätte sie mit Absicht diesen Taschenkrebs auf ihn angesetzt. Vielleicht, um sich für das phallische Prinzip, das Schniedelwutzdenken zu rächen? (...)
- Loslassen! Loslassen!, zerrte und plärrte Dunja, ließ dabei selbst los, was dazu führte, dass (...) Alexander (...) mitsamt seinem Quälgeist in die dunkelgrüne Brühe des Canale Grande fiel. Zum Glück besann sich dort der Taschenkrebs seiner Bestimmung und ließ alles fahren.


Apropos Osterpassion. Ist Alexander mit seiner unstillbaren Liebessehnsucht nicht irgendwie auch ein moderner Liebesritter, ein Kämpfer für die heilige Sache der Liebe? Erinnert er in seiner beharrlichen Suche nach absoluter Liebe nicht sogar manchmal an eine lächerliche Jesusfigur? Vielleicht, so Franzobel in einem Interview, "ist dieser Jesus auch ein beispielhafter Mensch der Gegenwart, ein typischer Vertreter der weißen Mittelschicht." Einer wie Alexander eben. Hinweise auf die christliche Leidensgeschichte gibt es jedenfalls genug. So bezieht sich das erste Kapitel des Romans "Die sechste Stunde" und das letzte Kapitel "Die neunte Stunde" auf die zentrale Stelle vom Tod Jesu im Neuen Testament, wo es heißt: "Als die sechste Stunde kam, brach über das ganze Land eine Finsternis herein. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: (...) Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Sogar diesen Ausruf legt Franzobel Alexander am Ende in den Mund. Zum Schluss findet sich der von Gott und allen seinen Geliebten verlassene Schmerzensmann Alexander auch noch in Jerusalems Grabeskirche wieder. Dem Ort, wo nach christlichem Glauben Jesus gekreuzigt und begraben wurde. Ist das alles pure Provokation und Blasphemie? Nein, denn für Franzobel, so der Autor selbst, "ist alles inhomogen, alles wandelbar, alles ironisch zu nehmen - auch die Wahrheit, auch Gott." So wird der Leidensweg auch entlang der Kapitel-Überschriften des Romans nachvollzogen: Der "Judaskuss", die Schaustellung des "Ecce Homo", das Abschiedsmahl mit "Fußwaschung" und "Eucharistie"; schließlich endet der Kreuzweg über die "Via Dolorosa" in der Auferstehungskirche. Die Aufschrift Kaiphas auf dem Sammeltaxi nach Jerusalem hätte Alexander warnen müssen. Und sahen die zwei greisen Alten mit Holzkreuzen, einer davon Ex-Nachbar Pimpelhuber, nicht wie seine Schächer aus? Aber er hatte sich schon einmal am Ende gesehen. Hatte Gott ihm da nicht ein Zeichen geschickt? Damals, als er nach dem Mord an Doyle aus dem "Schlummerland" erwachte und

( ... ) wieder zu sich kam, war es dunkel, kalt. Die Luft war modrig, abgestanden und hatte den leicht süßlichen Geschmack von Mäusescheiße. (...) Er tastete weiter, fand einen Stein mit Löchern. Eine Kegelkugel? (...) Alexander griff nach dem Feuerzeug in seiner Hosentasche, ließ es aufflammen und zuckte zusammen - bekam fast einen (...) Herzkasperl. Er hatte, so viel ließ sich erkennen, seine Finger keineswegs in einer Kegelkugel, sondern im Inbegriff aller Bühnenrequisiten, in einem Totenschädel stecken. Er lag (...)in einem Sarg neben einer verwesten Leiche. Schöne Gesellschaft. (...)
- Glaubst du, mir gefällt das? Da kennst du deinen Alexander aber schlecht. Ich bin bekannt dafür, dass ich mit jeder in die Kiste hüpfe. Aber mit dir? Mit so einem knochigen Gestell? Wenn du nicht mit dem Scheppern aufhörst, schlage ich dir die Beißer einzeln aus. (...)
Trotz dieser heiteren Rede fühlte Alexander etwas in sich hochsteigen (...) Angst, die ihn an Gott denken ließ, an den er lange nicht gedacht hatte. (...)
- Wo bist du, Gott? Wo? (...) O schick mir eine Rettung, Gott. Hilf mir, hilf mir raus aus diesem Sarg, und ich werde dir eine Kirche bauen, all mein Vermögen werde ich dir spenden.Täglich beten, nein predigen, deine Herrlichkeit verkünden, eine Mission gründen, aber hilf mir. Schick ein Zeichen. (...)
Und als er das gesagt hatte, erklang plötzlich eine Stimme, die Alexander! Alexander! rief. (...) Heidrun! Heidrun?


Aber nach seiner Bekehrung und Auferstehung aus der Michaelergruft wird Alexander im Deckenfresko des Klosterrefektoriums auch das Jüngste Gericht vor Augen geführt; oder vielmehr eine Karikatur desselben. Denn an der Decke hängt ein echter Pater mit entblößtem Hinterteil in höchst anzüglicher Position direkt vor einem gemalten Geierkopf. Dieser wiederum ist eines von vier das Jüngste Gericht ergänzenden Reliefs: der warnende Zeigefinger des Apostels, eine Schlange, der Leviathan und besagter Geier. Die vier symbolträchtigen Bilder stehen auch als Überschriften über den vier Teilen des Romans; jeweils kombiniert mit einer der vier menschlichen Temperamente Cholerik, Melancholie, Sanguinik und Phlegma. Aber zwischen gekoppeltem Symbol und Temperament lässt sich auf Anhieb kein schlüssiger Zusammenhang herstellen. Ebenso kann man spontan keinen sinnvollen Bezug zur jeweiligen Handlungssequenz finden. Ist auch hier, wie in seinem opus magnum "Fest der Steine", jede Interpretation per se ein Missverständnis? Franzobel bescheinigt auf seiner Internetseite der Kritik jedenfalls pauschal Versagen. Denn sein Text verstehe sich als eine "Bibel des Skeptizismus", in der "jedes Verstehen ein Versehen ist und ganz entschieden gegen den Strich geht". Franzobel und seine Liebesgeschichte wehren sich jedenfalls beharrlich gegen eine glatte Analyse. "Alles war nichts, und alles war alles, und alles bedeutete nichts, und nichts bedeutete alles", philosophierte schon Doyle vieldeutig. Bewirke doch, so der Autor, "jedes methodische Kalkül immer auch Vorhersehbarkeit, Glätte und Wirkungslosigkeit." Letztendlich ist nichts so, wie es scheint. Alexander ist eben auch nicht nur ein "Filou, einer, der seinen Rüssel in jede Blüte steckte", sondern genauso Jesusfigur. Seine Romane, so Franzobel, seien "von schrägen Vögeln bevölkert, keine oberflächlichen Menschen, sondern Leute, bei denen der erste Schein meist trügt." Vielleicht geht es Franzobel ja gerade um die Ironisierung aller Liebesgeschichten, um eine lustvolle Verkupplung aller Liebessüchtigen, eine sinnliche Durchmischung des männlichen und weiblichen Prinzips, von Geist und Materie, Form und Inhalt. Um damit über das Schwarz-Weiß-Denken hinauszukommen und so die von den greisen Alten formulierte Utopie zu beschwören, nämlich

( ... ) die Menschenverachtung zu bekämpfen, hinter die Wörter zu gelangen, weil Wörter nur zudecken. Rechts und links, Politik und Sport, bürgerlich, revolutionär, oberer Leib und unterer Leib, das ist Unsinn, was oben ist, ist unten, das Innere ist außen, rot ist grün, Körper ist Seele, Gott Gedanke, Gedanken sind Fleisch und das Immaterielle ist materiell, Liebe Hass und der Tod lebendig. Das sind alles Wörter, die das Ich zerfressen und das Göttliche, die Schöpfung - nur Leere lassen.

Und was hat das alles mit dem photorealistischen Bildmotiv auf dem Buchcover zu tun? Es zeigt einen Mann und ein Mädchen bei Schwimmenlernen in tiefdunklem Wasser vor felsigem Ufer. Halb ängstlich, halb stolz schaut sie zum Betrachter auf. Wie in fast allen Romanen Franzobels hängt letztendlich irgendwie alles mit allem zusammen. In seinen Geschichten so der Autor, werde alles zusammen "wörtlich genommen und zu einer Wirklichkeit verstrickt, in der dann das Hundertste mit dem Tausendsten zusammenhängt - wo wie bei einem Zaubertrick, jedes Anziehen an einem Motiv-Bommel völlig unerwartete Bewegungen ganz woanders auslöst." So hat Liebe, weiß der allwissende Erzähler, auch immer mit Anerkennung, also auch etwas mit Elternersatz zu tun. Und sehnen sich nicht alle, wenn sie nach Liebe suchen, im tiefsten Inneren eigentlich immer noch nach der Bestätigung der Eltern? Wie die Tochter des Künstlers Michael Andrews in seinem Bild auf dem Buchumschlag mit dem Titel "Melanie and Me swimming"? Neben allen turbulenten, witzigen Momenten rührt Franzobels Liebesgeschichte dabei auch an das Unterbewusstsein. In seinen Texten, so der Autor selbst, gehe es darum, "poetische Löcher in die dichten Maschen der Logik zu reißen. Da sind Zugänge zum Unterbewußten (...) nicht schlecht." Seine typisch skurrile Mischung aus Kasperletheater, Shakespearescher Liebeskomödie, Dick-und-Doof-Filmen und Comic ist eben vieles: zum Lachen und zum Gruseln, etwas für Herz, Kopf und Bauch, ein nicht immer ernst gemeintes tiefenpsychologisches Experiment und höchst sinnliches Lustspiel, ganz einfach nur zum Genießen. Genau das, so Franzobel, sei die "Aufgabe der Literatur, eine andere Welt zu zeigen, drastischer, halsbrecherischer, herzzerreißender, poetischer."

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Liebesgeschichte von Franzobel, 2007, Zsolnay2.)

Liebesgeschichte.
Roman von Franzobel (2007, Zsolnay).
Besprechung von Claus Philipp aus Der Standard, Wien vom 3.08.2007:

In der Welt des Schlummers
Mit seinem neuen Roman "Liebesgeschichte" landet Franzobel im Barbara-Karlich-Country

Wo wird man begehrt, geliebt? In der Welt des Schlummers. Wo haben Menschen kugelrunde Köpfe und sind im nächsten Augenblick ganz dünn? Wo riecht es nach frisch gemähtem Gras, regnet es nie? Wo sprechen alle Letzeburgisch, Flämisch, Dänisch oder eine andere Sprache, die keine Diktatoren hervorbringen kann? In der Schlummerwelt."

Der Schriftsteller Franzobel träumt den Träumen hinterher. Irgendwann in seinem jüngsten Buch Liebesgeschichte zieht er seinen Heldinnen und Helden eins über den Schädel oder lässt sie, und da sind sie gerade erst mal 75 Seiten lang in der Dauerbredouille, einfach erschöpft wegdämmern, in ein Reich, in dem man selbst vordergründig platte Fragen formulieren darf wie: "Wo glaubt man an ein Heil der Liebe, steht einem nicht das Hirn im Weg, die mitteleuropäische Krankheit des Liebespessimismus?"

Franzobels Liebesgeschichte ist in diesem Sinne auch eine Schlummergeschichte, wiewohl mit albtraumhaften oder zumindest sehr makabren Einsprengseln: Ein Mann kommt nachhause, seine Frau überführt ihn des Seitensprungs, mit beiden Kindern springt sie aus dem Fenster, und jetzt glaubt zumindest der Mann, Alexander Gansebohn, dass sie tot ist.

Dabei ist das, was als Ende daherkommt, für Franzobel und seinen Protagonisten, nur der Anfang – wie ein harter erster Satz, von dem aus man meint: Das könnte einen Film mit hohem Tempo ergeben. Oder wie ein schlechter Witz, von dem aus man – auch im Sinne von: Hirn abstellen – nur tiefer sinken kann.

Gansebohn wird in weiterer Folge zum Mörder werden, Terrorist in Jerusalem sein wollen, Sexstatistiken studieren, Frauen etwas vormachen und ihnen nachher hinterherweinen. Er wird, nachdem er sich anfangs eine Drahtspange aufsetzt, die ihm ein entstelltes Grinsen verleiht, irgendwann halbphilosophische Gespräche führen über Gott und die Welt und darüber, dass es darum geht, "hinter die Wörter zu gelangen, weil Wörter nur zudecken". Manchmal hat man bei dieser Liebesgeschichte das Gefühl, dass die Wörter – die Schimpf- und Sex- und Gewalt- und Monster-Wörter – tatsächlich etwas zudecken, das der Autor gerne, aber möglichst nicht zudeckend, mit "Liebe" umschrieben sähe. Und sei es nur eine Liebe zum enthemmt erotischen Spiel mit Sprache, bei dem er sich möglichst nicht einbremsen lassen möchte.

Vier Stücke von Franzobel hatten allein im Verlauf der letzten zwei Jahre Premiere (zuletzt Zipf im Theater Hausruck); sein Werkverzeichnis nimmt, spätestens seit dem Bachmann-Preis für Krautflut 1995, quer durch diverse Verlagsprogramme atemberaubende Ausmaße an; der Autor schreibt über Fußball, er schreibt Romane, es überfällt ihn die Lust an Gedichten, "ein, zwei Mal im Jahr wie Feuerschübe"; wenn keiner sein jeweils jüngstes Buch rezensiert, dann tut er’s halt selbst (geschehen rund um Das Fest der Steine oder die Wunderkammer der Exzentrik) – und tatsächlich ist auch dieses neue Buch, das insgesamt sehr hastig geschrieben und hernach sprachlich ein wenig poliert anmutet, letztlich nur ein Fragezeichen hinter der Frage: Was treibt eigentlich Franzobel an? Er selbst hat sich einmal als "Arbeitstier" bezeichnet, nicht ganz falsch ist vielleicht auch die Einschätzung, dass ein Autor von etwas leben muss. Zutreffend ist wohl auch die Beobachtung, dass Franzobel in seinen besseren Texten, egal ob in Buchform oder anderswo, so etwas wie eine poetische Zeitgenossenschaft anstrebt, in der sich so wie über Kopf und Handwerk und Bauch auch über das Schreiben permanent Alltag und Welt filtert und verdichtet. Andere lösen das über Tagebücher. Franzobel spielt sich mit den Textsorten, mit Stilformen, mit Genres. Die Gefahr, dass letztlich etwas misslingt oder weniger gut gelingt, kalkuliert er ein.

Und seine Liebesgeschichte? Vielleicht hätte er insgesamt noch mehr Mut zum schnellen Trash- und Kolportageroman (siehe bereits seinen Austrian Psycho) aufbringen müssen, vielleicht hätte er gleich eine "Sexgeschichte" schreiben sollen, vielleicht hätte er insgesamt mehr Geduld mit sich und einem guten Material aufbringen sollen, das jetzt phasenweise so daher kommt, als sollte sich der ORF schleunigst die Rechte für ein TV-Movie Marke Sat1 sichern.

Spiel mit Allgemeinplätzen, schön und gut. Hier wird jedoch manchmal allzu lang im Barbara-Karlich-Country verweilt. "Wissen Sie, was es heißt, einen Mann zu verlieren? Wissen Sie, was es heißt, verlassen, nicht mehr begehrt zu sein? Ungeliebt? Es ist schrecklich!" Nicht, dass man solche Sätze nicht öfter hören würde. Aber in Buchform? Und Franzobel schreibt sicher schon wieder an mehreren neuen Projekten.

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Liebesgeschichte von Franzobel, 2007, Zsolnay3.)

Liebesgeschichte.
Roman von Franzobel (2007, Zsolnay).
Besprechung von Guido Rohm in textem.de, 11.08.2009:

Ein Brief an Franzobel

Lieber Franzobel,

nicht, weil wir ein Tauschgeschäft mit Blut besiegelt hätten und dabei eine Seele den Besitzer gewechselt hätte, sondern aus dem archaischen Grund, dass wir schlicht zwei Gegenstände ohne Vertragswerk und Tricks tauschten, sitze ich nun hier und schreibe dir. Eigentlich handelt es sich doch nicht nur um Materie (über die du dich in deinem Roman so herrlich auslässt), sondern um Ideen, die aber auch wieder Materie sind oder in Materie transformiert werden. Da kann dann ein Buch sichtbar werden, oder auch ein Film, ein Bild, ein Skalpell, in manchen Fällen auch eine Atombombe. In unserem speziellen Fall aber waren es nur, und im Antlitz des Atompilzes, der nicht einfach wegzupflücken wäre, muss man das betonen, Bücher, die über den Postweg sich kreuzten, ohne sich zu bemerken.

Wir tauschten also unsere Bücher. Du wurdest auf die Spur von „Keine Spuren“ gesetzt, während ich mich einer „Liebesgeschichte“ aussetzen sollte. Hab ich getan. War ein braver Bursche. Wollte es ja auch so. Ich hoffe, du willst auch noch, wenn du dies alles hier gelesen hast. Aber schlimm wird es nicht, soviel sei schon verraten. Aber das Schlimme haust ja meist im Auge des Betrachters und was dem einen schlimm scheint, ist für den anderen eine Wohltat. Man befrage da nur so manchen Besucher einer eifrig-strengen Domina, die sich züchtig züchtigend des schwierigen Falls des Herrn Bischof erbarmt, der doch ansonsten ebenso wie sie, so züchtig züchtigend von der Kanzel seine Lämmer ermahnt, ja nicht der Sünde zu verfallen. Ansonsten, so schockt er die Zuschauer, verfällt recht rasch der wahre Glaube wie auch der Körper, der sich bald zuckend in einem Rollstuhl wieder finden wird. Man kann nur an die vielen Fälle von hemmungsloser Masturbation erinnern, die noch in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Millionen in den Rollstuhl brachten. Beflügelte zwar die Kassen der herstellenden Firmen von Rollstühlen, nicht aber die Engel im Himmel, die sich ob dieser Abscheulichkeiten rasch vom Menschengeschlecht abwandten. Kein Wunder also, dass es mit uns bergab ging.

Irgendwie und irgendwo habe ich den Faden verloren. Nicht in einem Labyrinth, sondern in dem jetzigen Moment vor dem Computer, den du so gar nicht erleben kannst. Verpasst auch nichts, weil das ein eher scheußliches Bild abgibt. Der Rohm mit kurzer Hose und nach Zigarettenqualm stinkend, der sich in die nächste Wortohnmächtigkeit hineinschreibt. Eine Rezension wollte er doch eigentlich schreiben, der Rohm, und nun ist noch nicht mal bei deinem Roman gelandet. Wo soll das mit dem Rohm noch enden? Fragten meine Eltern sich nie offiziell, aber vielleicht in so manch ruhiger Minute vor dem Schlaf, der sich nicht einstellen wollte, weil der Herr Sohn wieder mal bis in die frühen Morgenstunden unterwegs war.

Leider habe ich schon wieder den Einstieg in die Rezension verpasst. Was soll ich also machen? Aussteigen? Da bin ich zu alt für. Zumindest fühle ich mich zu alt dafür.

Das muss anders gehen.

Schlagen wir das Buch auf. Obwohl mir das fast zu gewalttätig klingt. Öffnen wir das Buch und beginnen wir zu lesen. (Das mit dem Öffnen gefällt mir. Hat was von Siegelbruch, von Eindringen, Rumstöbern. Da ist man meist einem, wenn auch belanglosen, Geheimnis auf der Spur.)

Du bist ein Fabulierer, schreibst in manchen Sätzen wie ein Gestriger, nur um uns dann das Gestrige heute noch um die Ohren zu hauen. Das Lachen, das sich fortwährend einstellt, bleibt einem nicht im Halse stecken, weil es wie ein Schwall Erbrochenes an die Luft will, um sich zu zeigen. „Seht mal her“, will es sagen. „Ich war in dem da drin.“ Und ich wusste gar nicht, was alles in mir drin ist, bis du es heraus gekitzelt hast.

Die Gesetze des Buches finden sich auf Seite 24. Ich bitte nun die anwesenden Leser und Leserinnen (beachten Sie bitte die politisch nicht korrekte Bevorzugung der männlichen Leserschaft) eiligst Seite 24 aufzuschlagen, damit wir fortfahren können. Sie wissen nicht, welches Buch wir hier besprechen? Tölpel! Sie können gehen. Die anderen blättern zur Seite 24. Haben wir das alle? Sehr gut!

Auf Seite 24 im letzen Absatz unten finden wir die Sätze: „Einem Liebenden war alles zuzutrauen. Die Liebe setzte alles außer Kraft, die Liebe hatte ihre eigenen Gesetze.“

Das ist natürlich ein böser Schachzug von mir, solcherlei Sätze ans grelle Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Immerhin könnten die ja auch von Barbara Cartland stammen. (Keine Angst, mein lieber Franzobel, mit der ollen Kamelle würde ich dich nie vergleichen. Und darauf essen wir erst mal eine Praline.) Ich habe diese Sätze deshalb beigeschleppt, weil sie dem Roman das Programm vorgeben.

Und wie sieht dein Programm aus? Dein Programm ist es, alle Programme zu zerstören und dies mit einer Wortmächtigkeit, dass jedem Bischof in deiner Nähe das göttliche Wort im Halse stecken bleiben müsste. Du durchstöberst die Räume der Literatur wie eine böse Spitzwegfigur, die sich nach vorne beugt, um unter dem Wortteppich nachzusehen. Und was man da alles so finden kann. Du zeigst es uns. Und dies immer mit Humor, weil der Humor in der „Liebesgeschichte“ das oberste Gebot ist. „Lachet über euren Nächsten, wie auch über euch selbst.“

Alexander Gansebohn, dein Held, deine Hauptperson, dein Hirngespinst, kommt von der Geliebten nach Hause. Es gibt eine schreckliche Szene. Die Frau stürzt sich mit den Kindern aus dem Fenster. Er begibt sich eilig zur Geliebten. Bringt den Hausfreund der Geliebten um die Ecke, träumt sich hinfort. Begibt sich auf eine groteske Tour.

Klingt nicht unbedingt nach Barbara Cartland, um den Vorwurf ein für alle mal auszuräumen. Weil um das „Ausräumen“ geht es vor allem in diesem Roman. Die Sprache, sie ist der eigentliche Held, die Hauptperson, das Hirngespinst. Sie räumt er aus, leert sie von ihren kollektiven Bedeutungen, aber nur um sie mit seinen eigenen Bedeutungen wieder voll zu räumen, so voll, bis sie bald zu platzen scheint. Da werden dann die Franzobelbedeutungen zum Allgemeingut.

Ich bin dir also auf die Spur gekommen. Du bist ein barocker Sprachspieler, mit einem Hang zum Dadaismus. Obenauf findet sich dann Franzobel. Sonst nichts. Gibt es Franzobel wirklich oder ist er nur sein eigenes Hirngespinst? Die Erfindung eines anderen?

Da habe ich dir nun also den Ball zugespielt. Jetzt bist du am Zug. Per Mail kannst du mich ja jederzeit erreichen und mich davon überzeugen, dass es dich als Worte, die sich zu Sätzen auf eine Schnur ziehen lassen, gibt. Den Beweis deiner körperlichen Existenz musst du noch erbringen. Hast ja meine Anschrift und kannst mich jederzeit besuchen.

Alles Liebe und Gute!

Guido Rohm

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Leseprobe  I Buchbestellung 0809 LYRIKwelt © textem.de/Guido Rohm