Liebeserklärung von Michael Lentz, 2003, S.FischerLiebeserklärung von Michael Lentz, 2003, S.Fischer/Hörverlag1.) - 2.)

Liebeserklärung.
Roman von Michael Lentz (2003, S. Fischer/2003, Hörverlag).
Besprechung von Nicole Henneberg in der Frankfurter Rundschau, 8.10.2003:

Friendly Fire
Michael Lentz erfindet die Liebe als höhere Kriegskunst

Es ist ein düsteres Land, durch das der unglücklich verliebte Erzähler im Spätherbst 2002 reist: staubig, beklemmend und absurd; und die Züge, in denen er reist, fahren unpünktlich und nehmen große Umwege. Vernunft und angemessene Logistik scheinen keine Rolle mehr zu spielen, stattdessen finden sich überall die Spuren vergangener Katastrophen. Da kommt ihm in seiner Verzweiflung das monströse Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gerade recht: "ein Monument des Untergangs, es ist ein Mahnekel, davor der Caran d'Ache komplett versagt, so ein kleiner Kugelstift, so mein Riese, nicht wahr, so ein Völkerschlachtdenkmal ist keinem zu wünschen, die Erfindung Freuds geht auf das Völkerschlachtdenkmal zurück, wenn ich dir sagen würde, ich widme dir das Völkerschlachtdenkmal als Ausdruck meiner Liebe, da muss man ja erschrecken, zurückweichen, zusammenbrechen, wie unerträglich muss alles sein, dass, wenn es vorbei ist, vorbei zu sein scheint, ein solches Monster aus dem Boden wächst, aus der Taufe gehoben wird, da wird das Unerträgliche mit Unerträglichem totgeschlagen".

So schimpft er vor sich hin, während es kalt wird und im Zug immer wieder die Heizung ausfällt. Seine Überlegungen fressen sich gnadenlos wie ein Drillbohrer immer tiefer in die Vergangenheit hinein, gleichmäßig angetrieben vom Geräusch der Räder, und als Leser denkt man unwillkürlich an die lustvollen Schimpftiraden Thomas Bernhards, der wie unser Erzähler in monomanischem Größenwahn jedes Detail auf sich und sein Welterklärungsmuster bezieht.

Im jetzt erschienen ersten Roman des 2001 mit dem Ingeborg Bachmann-Preis ausgezeichneten Michael Lentz nimmt das "Staatsschimpfen", das sich selbst genug zu sein scheint, etlichen Raum ein, bis sich eine Erinnerung querstellt und den Rythmus sprengt. Das geschieht erfreulich häufig und der Erzähler, der dann etwas von Abwegen grummelt, gibt dem anderen Ton schließlich nach und offenbart eine kindlich-zarte Verletzbarkeit, die zu dem Furor und den Paukenschlägen vorher einen verblüffenden Kontrast bildet: wie die Weihnachtsgeschichte, in der er als tieftrauriges Kind versucht, unterm Weihnachtsbaum so glücklich zu sein, wie seine Eltern es von ihm erwarten. Aber alles fühlt sich löchrig und falsch an, und der wattierte Stoffesel verliert prompt seine Form, als ob er ausliefe; wie ein Stimmungsbarometer sackt er zuletzt als leere Hülle in sich zusammen. Mit leisen Worten wird das erzählt, fast stockend, und in den schmerzvoll-ironischen Bildern scheint so viel Enttäuschung auf, dass ein ganzes Leben daran genug hätte.

Es sind diese sich quer stellenden Ebenen, die dem Roman Liebeserklärung seinen Reiz und seine Überzeugungskraft verleihen, weil sie als freies Spiel der Kräfte angelegt sind: sie widersprechen einander, fallen sich ins Wort und verwandeln den zuerst rein monologischen Text in ein Zwiegespräch mit dem Leser, der sich immer mehr in die Ambivalenzen des Erzählers verstrickt sieht.

"Und sag, warum küsst du mich aber nicht am Morgen, obwohl du mich in der Nacht liebst, stöhnst, mich nicht mit jemand anderem verwechselst? Oder hab ich das bloß irgendwo gelesen. Oder Rolf Dieter, stammt das von dir?" Natürlich stammt es von Brinkmann, dem großen, wütenden Autor einer neuen, nicht-bürgerlichen Sensibilität. Und der manische Blick auf fremde Körper, samt der per se unstillbaren, ins Leere laufenden Sehnsucht findet sich so auch bei Lentz, der seinen Erzähler durch kulissenhafte, zwanghaft spießige Städte irren lässt, die noch den Geist der sechziger Jahre atmen.

Nur die Sexualität hat inzwischen eine neue Qualität erreicht: bei Brinkmann war sie etwas Ersehntes, Schwieriges und Tabu-Belastetes; heute ist sie das Einzige, was, mit einem gewissen sportlichen Ehrgeiz betrieben, zuverlässig funktioniert. Das aber macht die Beziehungen zwischen Männern und Frauen nicht leichter: die enttäuschten Hoffnungen, früher genau zu verorten, fühlen sich jetzt wie Querschläger an, die sich störrischer noch als bei Brinkmann zwischen die Liebenden drängen. Wie ist Berührung möglich, wenn die quälenste Frage die nach dem eigenen Ich geworden ist und man im Anderen eigentlich nur einen Spiegel sucht?

So wird ständig angetäuscht und abgewehrt, touchiert oder ein seitlicher Ausfall versucht. Schon der unerbittlich pragmatische Kierkegaard, im Text unschwer hinter dem oft zitierten "alten Dänen" zu erkennen, hatte die Liebe als Kriegskunst erkannt und schied genüsslich zwischen den "eminus" oder "cominus" ausgetragenen Phasen des Kampfes; heute bombardiert man einander mit SMS und überstürzten Einzügen folgt die rigorose körperliche Verweigerung. Da wäre es doch am einfachsten, immer nur Zug zu fahren; denn, so behauptet der Erzähler gut existentialistisch, er liebt sie doch nicht, er sehnt sich bloß nach ihr.

So bleiben, nachdem alle Liebesbeziehungen erwartungsgemäß gescheitert und alle Reisen zu der einen, entscheidenden in die Abgründe des eigenen Bewusstseins zusammengeschmolzen sind, nur noch Stift und Notizbuch, um sich auf dem schwankendem Boden der Gefühle zu behaupten. Das ist wenig genug; aber es bleibt eine Geschichte, die solange dauern kann, wie der bekanntlich solide Caran d'Ache funktioniert.

Eine "Liebeserklärung" an die Sprache, die "Dame Poesie" also, wie sein Erzähler sie nennt, die Michael Lentz uns als die einzig wahre Spezialistin für Kippmomente und Entäußerungen aller Art vorführt. Wenn sie sich auch momentweise in Plattitüden verfängt, bleibt ihre erotische Kraft über die ganze Romanlänge hin doch ungebrochen: die Wortknäuel aus Muttersterben haben sich in vielschichtige erzählerische Bewegungen aufgelöst.

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Liebeserklärung.
Roman von Michael Lentz (2003, S. Fischer/2003, Hörverlag).
Besprechung von Friedhelm Rathjen in Die Zeit, 25.9.2005:

So mag das Leben sein
Die „Liebeserklärung“ von Michael Lentz erklärt nichts

Die Liebe, ach ja – muss uns die jemand erklären? Wir wissen doch alle, wie sie funktioniert, nämlich nach dem Prinzip der Anfangsbegeisterung, der leider in aller Regel ein allmähliches Erlahmen folgt, bis nur noch ein müdes Hin und Her davon übrig ist. Mit manchen Büchern ergeht es uns ebenso, und die Liebeserklärung von Michael Lentz gehört leider dazu.

Aber immerhin, da ist diese Anfangsbegeisterung: „Das ist unsere Geschichte. So weit. Da bist du, und da bin ich. Und wir sind beide noch da. Das ist mehr als erwartet.“ Und das ist fast mehr an Direktheit, als man von den ersten Seiten eines Romans erwarten darf. Michael Lentz wirft seinen Erzähler in die Ursituation schlechthin: Dieser Erzähler stellt sich in die Welt und spricht ein Gegenüber an, ein geliebtes Gegenüber, auch wenn er nicht von Liebe, sondern seltsam verschämt von „Zuneigung“ spricht. Diese Ursituation ist der Höhepunkt, danach kann es nur noch abwärts gehen, die hardcoremäßigen Sexszenen der Anfangsseiten können daran naturgemäß nichts ändern.

Der Erzähler verlässt die eine Frau, um eine andere zu lieben, auch das ist eine Ursituation. Aber nicht eigentlich um Situationen geht es in diesem Buch, sondern um ihre Benennung. Die verlassene Frau heißt Z., die neue Flamme heißt A., die Objekte der Erzählerbegierde umspannen also das Alphabet, das freilich auf den Kopf gestellt wird – alle Schlussfolgerungen sind Umkehrschlüsse, alles Zukünftige ist restituierte Vergangenheit. Von „Kippmomenten“ spricht die Erzählstimme einmal, und Michael Lentz ist sehr bemüht, diese „Kippmomente“ zu den Angelpunkten seiner Prosa zu machen und so „das ineinandergedrehte Verlangen“ direkt in Sprache abzubilden.

„Es fehlt die Sprache“, natürlich fehlt sie, bekanntlich entspringt alle Literatur dem Fehlen von Sprache und dem Versuch, diesen Zustand zu überwinden. Die Formulierung „ich weiß nicht, wo ich hingehör“ ist, wie die Textstimme uns erklärt, „eine bittere Erfahrung, ein schlechter Satz“: Die bittere Erfahrung wäre unter Umständen erträglich, der schlechte Satz ist es nicht. Also versucht der Erzähler, Sätze zu finden, die besser sind, um noch schlechtere Erfahrungen festzuhalten – Sätze vor allem, die den Umschlag von Liebe in Nichtliebe ausdrücken können. Das können nur Sätze sein, die zerrissen werden wie der Liebende oder Nichtmehrliebende: „Es ist ein Oszillieren, ein Hin- und Hergerissenes, Teil, Ganzes, ich, Scherbe, du.“ Sind das überhaupt noch Sätze, ist es nicht nur noch ein sprachlicher Fleischwolf, ein verbales Patchwork? Die Umkehrschlüsse und „Kippmomente“ brechen sich in einem permutativen Umgang mit dem Sprachmaterial Bahn, in Spielereien mit dem Nacheinander und dem Hintereinander: „Berlinnovember, Novemberberlin“; „Nordpol Südpol sind wir“.

Die Erzählstimme leidet daran, „daß wir keine Sprache der Liebe haben“, viel mehr als an der Liebe selbst und ihrem Fehlen; das illusorische Ziel der Liebeserklärung besteht deshalb darin, diese Sprache zu finden, indem sie Dinge als Sprache und die Sprache als Ding einsetzt. Die „Kippmomente“ sind dann die Stellen des Buches, an denen das sprechende Ich sein Gegenüber findet und gleichzeitig verliert: „Das Gegenteil von bin ist du. Von dir gibt es gar kein Gegenteil, sondern du selbst. Und du selbst bist nicht da.“ Die zweite Person Singular ist immer die Abwesenheit. „Du. Immer ist die andere du.“ Michael Lentz setzt dieses sprachliche Paradoxon in Handlung um, indem er seinen Erzähler auf Reisen schickt: Mit der Bahn reist er kreuz und quer durch die Republik, ohne Z., telefoniert zwar ständig mit ihr, kann dadurch die Distanz allerdings nur vergrößern.

Michael Lentz konstruiert seinen Roman der Liebe und ihrer Abwesenheit über dualistische Strukturen, wie es sich bei diesem Thema ja auch gehört: Hier ist das Ich und dort das Du; der Liebende ist unterwegs und die Geliebte anderswo. Deswegen fehlt der Liebe nicht nur die Sprache, sondern auch der Ort, die Textstimme leidet am „unbewohnbaren Heimweh“ und an nichteingehaltenen Fahrplänen: „Von den Fahrplänen muß man nicht reden, nicht wahr, ein Unterwegssein ist kein Hiersein, ein Unterwegssein ist immer woanders.“

So weit, so gut. Leider lässt Michael Lentz sich aber von diesem ständigen „Woanders“ und von den Längenerfordernissen eines Romans auf Abwege führen. Er dickt sein Buch mit unzähligen Verweisen auf Hoch- wie Tiefliteratur an, zitiert oder paraphrasiert Beckett und Bartleby, Joyce und Günter Eich und Laederach und leider auch Grönemeyer; der konkretistische Umgang mit der Sprache verkommt zu billigen Kalauern und Wortwitzchen („je trüber das Gehirnwasser, desto Deutschland“), und „der Rest ist“ nicht, wie die Erzählstimme meint, „Literatur“, der Rest ist nur noch ein gähnendes Nichts aus Inhaltsleere und verbalem Gestochere. Der Erzähler reist ebenso ziellos wie unmotiviert durch Deutschland und beschimpft die unfähig-unpünktliche Bahn (allenfalls ein lahmer Abklatsch der Beschimpfungsorgien Rolf Dieter Brinkmanns oder Thomas Bernhards); zwischendurch ruft er seine Geliebte an oder wird von ihr angerufen und streitet mit ihr darüber, wer wen warum nicht angerufen habe. So mag ja das Leben sein, doch literaturfähig ist das nicht.

„Das ist unsere Geschichte. (…) Jetzt haben wir uns nicht mehr. Aber wir haben diese Geschichte.“ Klare Worte sind das, auf der letzten Seite findet der Erzähler zur naiv und wortscharf benannten Ursituation zurück. Dummerweise hat diese letzte Seite des Buches mit den Zügen der über Gebühr geschmähten Bahn eines gemein: Sie kommt viel zu spät. Die Beschränkung auf den halben Umfang, besser noch das anfängliche Drittel hätte diesem Buch nur gut tun können. Aber so ist das halt mit der Liebe, die Anfänge sind gar zu schnell vorbei, und dann ist es kaum noch zu vermeiden, das große Gähnen.

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