Liebesbrand von Feridun Zaimoglu, KiWi, 2008Liebesbrand.
Roman von Feridun Zaimoglu (2008, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Michael Hametner in Freitag, 26.9.2008:

Lieber Liebe als Dax
Feridun Zaimoglus Buch "Liebesbrand" besitzt die Qualitäten eines Gesellschaftsromans

Ich will dein Geliebter sein!", sagt David im Roman Liebesbrand von Feridun Zaimoglu einer jungen Frau in einem Cafe in Nienburg an der Weser. Er ist in Liebe entbrannt. So kann nur ein Idiot reden, würden die Umsitzenden wohl sagen, wenn sie wüssten, dass David diese Frau so gut wie nicht kennt. Sie ist ihm nur ein einziges Mal begegnet, in der Türkei, in einer außergewöhnlichen Situation. David war in einem Nachtbus unterwegs, der in einen Unfall verwickelt war. Zwölf der Busreisenden kamen ums Leben. Ihn hat ein Engel gerettet. Am Rande der Ohnmacht sah er in das Gesicht seiner Helferin, der Frau aus Nienburg. Sie kam an der Unglückstelle vorbei, eine Deutsche wie er, und half den Verletzten. Bevor sie weiter fuhr, konnte sich David die ersten beiden Buchstaben des Kennzeichens merken: NI - deshalb ist von dieser Frau auf den ersten hundert Seiten des Romans stets als "Nienburgerin" die Rede.

Zaimoglu hat sich beeilt mit seinem neuen Roman. Die Plagiatsvorwürfe um sein letztes Werk Leyla (Freitag 24/2006) dürften dabei eine Rolle gespielt haben. Nach nur zwei Jahren hat er nun seinen neuen Roman Liebesbrand vorgelegt, immerhin fast 400 Seiten, die bestätigen, dass Zaimoglu nicht plagiieren muss, um gut zu sein. Nach dem Prosaband Zwölf Gramm Glück (2004), nach Leyla sowie seinem neuen Buch, darf der 1964 in der Türkei geborene und schon als Kind nach Deutschland eingewanderte 43jährige als einer der besten Erzähler der mittleren Generation gelten.

Freilich gab es vor den genannten Büchern noch einen ganz anderen Zaimoglu: den Autor von Kanak Sprak, von German Amok, Koppstoff und dem Roman Abschaum. Als Kind von türkischen Gastarbeitern lebte er in der Unterschicht und hatte alles vor Augen: die Ausgrenzung, die Diskriminierung, die Not junger türkischstämmiger Deutscher. Er fing an, die Misstöne vom Rande der Gesellschaft aufzuzeichnen. Nicht als ethnische Konflikte, sondern als soziale. Zorn und Wut hielten ihn davon ab, das Material zu ästhetisieren. Kritik und Öffentlichkeit hielten Zaimoglu nicht für einen Schriftsteller, sondern für einen Sozial-Chronisten, auch wenn von Anfang an nicht jede dieser Geschichten authentisch war. Damals machte er aus den Leseorten Gospel-Kirchen, die seine aufrührerischen Worte schon mal in Flammen setzen konnten. Heute sitzt er als Autor vor dicht besetzten Zuhörerreihen und sammelt Literaturpreise. Neunzig Prozent seiner Zuhörer sind weiblich.

Zaimoglu lehnt es ab, sich als gelungenes Beispiel für Integration auf die Lesepodien rufen zu lassen. Letzten Endes fühlte er sich auch als Abgesandter an Innenminister Schäubles Tisch zur bundesdeutschen "Islamkonferenz" fehl am Platze. Im Grunde seines Herzens lehnt er das Wort Integration ab, weil es nur Anpassung der einen Seite suggeriert. Natürlich leugnet Zaimoglu seine türkische Herkunft nicht, aber er, der als kleines Kind Deutschland und die deutsche Sprache für sich entdeckte, der in Kiel lebt und in das Land seiner Eltern mit dem Gefühl eines Touristen reist und schon vorab erklärt hat, eines Tages in Deutschland sterben zu wollen, will nicht mehr als "Osmane von Kiel" gesehen werden. Er sagt es am liebsten so, wie in seinem Roman: "Du bist doch kein Deutscher? Doch, ich bin eben etwas später dazugekommen."

Menschen, die später dazukommen, machen ihre Sache meist besser, als alle, die schon immer dabei gewesen sind. Für einen Schriftsteller beginnt es mit der Sprache. Zaimoglu benutzt sie gleichermaßen: die neuen und die alten Wörter. Das macht seinen Erzählstil direkt und lebendig und - weil er in viele Nuancen hineinkommt - zart zugleich. Vielleicht auch deshalb greift er in Liebesbrand auf die deutsche Romantik zurück, weil sie ihm so weit entfernt nicht ist. Wenn David sich leidenschaftlich nach seiner Nienburgerin sehnt, wenn er ihr nach Prag und Wien hinterher reist und der Liebesroman also als Reiseroman weitergeführt wird, dann hat der Autor einiges aus dem Depot der Romantik aufgeboten. Wozu er das macht? Aus Protest gegen das, was bereits den Autoren der Romantik sauer aufstieß: der Bruch zwischen den Verstandesmenschen und den Gefühlsmenschen, zwischen denen die, das Vernünftige feiern, und denen, die sich ins Wunderbare träumen.

Nicht ohne Grund ist Zaimoglus Protagonist ein Börsenmakler, der kurz vor dem Börsencrash mit einem kleinen Vermögen ausgestiegen ist, weil er sich ausgebrannt fühlte. Bevor er ein Dax-Krüppel werden konnte, wurde er ein Liebender. Mit diesem Motiv steckt nämlich auch ein großes Körnchen antikapitalistischer Protest in Zaimoglus Liebesbrand. Für Menschen, die drin sind im System, ist David, Zaimoglus Alter Ego, ein Nichtsnutz, ein Idiot. Tyra, die von seiner Liebe überfallene Frau, verweigert sich ihm zwar nicht, aber entzieht sich verstört der Absolutheit der ihr nachgetragenen Liebe und teilt dem Mann auf einem Zettel am Morgen nach der gemeinsamen Nacht mit: "Ich will dich nicht näher kennenlernen. Es bleibt bei dieser Nacht. Werben ist zwecklos. Lebewohl."

So ablehnend bleibt Tyra nicht. Dass die Reise zu seiner Geliebten den Liebenden in die Arme einer ganz anderen Frau führt, ist eine besondere Pointe des Romans. Zaimoglu plädiert mit seinem Roman für die überströmende Leidenschaft, die absolute Liebe, die nie aufzugebende Hoffnung und er propagiert eine schier grenzenlose Frauenverehrung. Man nimmt ihm dieses überbordende Plädoyer allerdings niemals übel. Denn sein Erzählen ist so reichlich mit Witz und Humor ausgestattet, dass es nirgend etwas von einem Predigerton hat.

Das Bemerkenswerte an Liebesbrand ist, dass er Liebes- und Gesellschaftsroman in einem ist. Denn natürlich plädiert der Autor nicht allein für die wahre Liebe - er zupft und zaust auch an den allzu Vernünftigen, die sich den Ausgang einer Liebe ausrechnen und deshalb höflich von weiterem Engagement zurücktreten, nach dem bekannten Motto: Ich verbrenn´ mir doch nicht die Finger! So kalkuliert Zaimoglu die Dinge des Lebens nicht und erzielt mit Liebensbrand beim Leser tatsächlich Erfolg. Der bekommt nämlich beim Lesen so heiße Hände, dass er sie zwischen dem Umblättern der Seiten an eisgekühlte Wasserflaschen halten muss. Vorbeugend den Wundmalen, die sich dort sonst eines Tages zeigen würden. Dabei treibt es dieser Autor mit der Romantik doch nur der wahren, tiefen, echten Liebe wegen!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

Leseprobe I Buchbestellung 0908 LYRIKwelt © Freitag/Michael Hametner