Liebe heute von Maxim Biller, 2007, KiWiLiebe heute.
Short Stories von Maxim Biller (2007, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 20.03.2007:

Heimatlos in der Liebe
Maxim Billers Buch ist stark und schwach zugleich. In allen Belangen.

Einst in den Achtzigern hatte Maxim Biller sich als nassforscher, manchmal schwer nachvollziehbarer Kolumnist des Zeitgeistmagazins "Tempo" in den Literaturbetrieb geschrieben. Die jüdische Abstammung des 1960 Geborenen und die Flucht mit den Eltern aus der Geburtsstadt nach dem Prager Frühling hatten ihn mit Themen jenseits des goldenen Käfigs bundesdeutscher Jugend versorgt. Durchs Fadenkreuz eines Sohnes blickt er seither auf ein Jahrhundert, wobei er das Stoff spendende Glück seiner Herkunft mit der Arroganz der Tempojahre verbindet. Sein Ton ist milder geworden, indem er mit den Jahren versucht, bei sich anzukommen. Doch ist Biller ein pointenverliebter Provokateur geblieben. Die Geschichte seines Romans "Esra", der gleich im Erscheinungsjahr 2003 nach einer Klage wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten aus dem Handel genommen wurde, ist ebenso bekannt wie die Forderung der sich dargestellt sehenden beiden Frauen auf Entschädigung - in Existenz gefährdender Höhe.

Von Liebe, Liebenden und Geliebten

Die Liebe ist titelgebendes Thema und durchgehendes Motiv der 27 Kurzgeschichten des neuen Bandes. Oder besser: ihre Gefährdung, ihr Erstarren, ihr Hin und Her, die Flucht vor ihr und die Flucht in sie, ihr Stillstand und eigentlich ihre Unmöglichkeit. "Sie streckte sich ihm entgegen und drehte sich gleichzeitig weg", heißt das in einem Text und in einem anderen: "Sie wartete, ob noch ein anderes Gefühl käme, aber es kam nicht."

Das Buch ist stark, wenn Biller seinen Ton bis in die Verunsicherung dämpft, wenn aus der Leere heutigen Daseins die utopische Ahnung einer Sehnsucht wächst. Es ist schwach, wenn es dröhnt, tönt und protzt. Beides hält sich die Waage in diesen Geschichten, die in Tel Aviv, Berlin, Prag, München, Frankfurt, New York oder Bagdad spielen. Man trifft durch die Welt Getriebene. Viele sind Schriftsteller und Künstler, andere Architekt, Arzt, junge Prager Hure oder etabliertes Model. Doch: Berührungen bleiben Randerscheinungen. Solches Erstarren im Für und Wider verwirbelt die Texte und macht sie austauschbar.

Man ist müde und wartet, man bleibt drin oder sitzt im Café mit seinen Kalamitäten, man war unterwegs und trifft sich wieder nach Jahren. Man kann ohne einander schwer sein, doch miteinander erst recht nicht. Diese Texte sind manchmal pathetisch in der Abbildung des Tristen und ebenso oft trist, wenn sie ihr Pathos erschlägt. Manchmal sind sie weit hergeholt und manchmal so nah, dass es wehtut. Sie haben frappierende Wendungen und wollen in ihrer Lakonie an Hemingway denken lassen. Zu oft aber wollen sie vor allem chic sein, wenn sie die Heimatlosigkeit im Jahrzehnt nach den Tempojahren umkreisen. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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