1.) - 2.)

Liebe.
Roman von Toni Morrison (2004, Rowohlt - Übertragung Thomas Piltz).
Besprechung von Angelika Schader in Neue Zürcher Zeitung vom 25.09.2004:

Der Liebe ans Messer geliefert
Toni Morrisons Variation auf ein unsterblich-tödliches Thema

Freiheit, heisst es in Toni Morrisons Roman «Beloved», bedeute: an einem Ort zu sein, wo man lieben könne, was man wolle. Die Definition wiegt doppelt schwer vor dem Hintergrund eines Buches, in dessen Zentrum der grausame Blutzoll steht, welcher um der Freiheit willen entrichtet wird: Sethe, die entlaufene Sklavin, tötet ihre Kinder lieber mit eigener Hand, als sie wieder der Allmacht der weissen Herren auszuliefern.

Im neuesten Roman der Literaturnobelpreisträgerin spielt sich der Rassenkonflikt nur mehr im Hintergrund ab. Der Handlungsbogen von «Love», unter dem Titel «Liebe» nun von Thomas Piltz ins Deutsche übersetzt, reicht von den dreissiger bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts; in Bill Coseys Strandhotel trägt man dunkle Haut mit Selbstverständlichkeit und Eleganz und steht den Anliegen und Kämpfen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung eher höflich-distanziert bis misstrauisch gegenüber. Die Erfolgsgeschichte des Etablissements, in dem afroamerikanischen Gästen «die schönstmögliche schöne Zeit» geboten werden soll, begann zur Zeit der Wirtschaftskrise und der noch längst nicht überwundenen Rassensegregation; in den goldenen Neunzigern freilich (von denen kein Widerschein in die Erzählung dringt) steht das Hotel verlassen und windschief am verschlammten Strand, und die Figuren bewegen sich in einem nicht minder brackigen Sumpf verirrter Gefühle und erstickender Hoffnungen.

DER LIEBE ANS MESSER GELIEFERT

Wer dem Irrlicht des Begriffs «Liebe» durch Morrisons Werk gefolgt ist, wird sich wohl durch den Titel des Romans schon gewarnt sehen. «Breedlove» hiess, zynisch genug, die desperate Familie im Erstlingsroman der Schriftstellerin, wo der Vater seinem Töchterchen die - ehrlich gefühlte - Zuneigung nur zu zeigen vermag, indem er das Kind beschläft. «Beloved» steht als einziges Wort auf dem Grabstein von Sethes ermordeter Tochter. Die Protagonisten von «Jazz» scheucht das Liebesverlangen aus einer letalen Dreiecksbeziehung in die nächste; und «Liebe» ist die Idee, an welcher der Zwist in der utopischen Gemeinschaft von «Paradise» aufbricht. Die Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen schliesslich, welche die Kernhandlung von «Liebe» umspielt, fällt dem Leser am Ende wie ein vor der Reife verkümmerter und verfaulter Apfel vor die Füsse.

Freiheit bedeute: lieben zu können, was man wolle. Diesen Gedanken schärft Morrisons neuer Roman zu böser Zweischneidigkeit, so dass eine Liebe der anderen ins Messer läuft - wobei der Text, chirurgisch sozusagen, Schicht um Schicht des zertrennten Gewebes freilegt. Von paradiesischer Unschuld ist die erste Liebe: Zwei kleine Mädchen, das eine mit dem Silberlöffel in der Hand, das andere nur mit einem zerlumpten Männerunterhemd am Leib, finden sich am Strand und werden, allen elterlichen Protesten zum Trotz, Freundinnen. Eine nur dünn überzuckerte Perversität scheint die zweite: Der Grossvater des wohlhabenden kleinen Mädchens - es ist Bill Cosey, der verwitwete Besitzer des beliebten Strandhotels - nimmt die kleine Freundin seiner Enkelin zur Braut. Das Mädchen aus dem Slumquartier, dessen einzige Mitgift seine glatte Haut und der seltsame Name «Heed the Night» sind, ist erst elfjährig, als die Wahl es trifft.

SELTSAMER WOHLTÄTER

Als «Freund», «Wohltäter», «Ehemann», «Vater» tritt Bill Cosey in entsprechend betitelten Romankapiteln an: wobei freilich deren Inhalt die Überschrift mit Regelmässigkeit und aus verschiedensten Richtungen unterläuft. Cosey mag zwar einen einfachen Vorarbeiter aus der Fischfabrik zu frühmorgendlichen Angeltouren und vertraulichen Gesprächen auf sein Boot einladen; aber ein Stück seiner Ländereien an Farbige vom Ort zu verkaufen, kommt nicht in Frage. Bei der Hochzeitsreise darf sich die kleine Heed - wie sie kurz genannt wird - mit allem eindecken, was ihr in die Augen sticht und in die Hände fällt; aber kein liebevoller Rat bewahrt das in Seidenfummel, Netzstrümpfen und hochhackigen Pumps daherstolpernde Kind vor dem giftigen Spott, der es allenthalben - und vorab in Coseys eigener Familie - erwartet. Denn dort hat die Erhebung des armseligen kindlichen Gastes zur neuen Hausherrin Neid und Entfremdung gesät: Coseys Schwiegertochter May, aus ihrer mit unermüdlicher Arbeit errungenen Autoritätsposition verdrängt, wird über der Enttäuschung langsam den Verstand verlieren - nicht ohne zuvor ihr Töchterchen Christine, das kleine Mädchen mit dem Silberlöffel, mit dauerhaftem Hass gegen die einstige Freundin geimpft zu haben.

Mit Inversionen und tückischen Spiegeleffekten zwischen den denkbar unterschiedlichen Charakteren und Lebensläufen entwickelt der Roman die Schicksale der Frauen in Bill Coseys Bannkreis. Der von Figur zu Figur gleitenden äusseren Erzählinstanz wird eine ins Romangeschehen integrierte, aber distanzierter referierende und kommentierende Stimme zur Seite gestellt. «L», wie sich diese Sprecherin nennt (erst der Schluss verrät, dass der dahinter verborgene Name auch der Titel des Buches ist), hat als Köchin im Hotel gedient und öfters auch die in der Besitzerfamilie hochsiedenden Emotionen gebändigt.

SYMMETRIEN

Als May, brave Tochter eines blutarmen Wanderpredigers, nach der Hochzeit mit Bill Coseys Sohn nur gerade ihren Pappkoffer abstellt, ein Alltagskleid überstreift und die Ärmel hochkrempelt, taxiert L. nüchtern: «Wenn ich eine Dienerin in diesem Haus war, so war May dessen Sklavin.» Laut und verzerrt gellt das üble Wort Jahre später über den Hof, als Mays Tochter Christine es der frisch verheirateten Heed in der Geheimsprache entgegenschleudert, die eben noch Teil ihrer Kinderfreundschaft war: Eine Sklavin sei sie, gekauft um den Preis eines Schokoladenriegels und einer Jahresmiete. - So wie May in späteren Jahren, krank und dement, von der Hilfe der verhassten Heed abhängig ist, wird wiederum Heed, von Arthrose gelähmt, sich von der zur Erzfeindin gewordenen Christine versorgen lassen müssen. Und wenn Christine, die um Heeds willen jahrzehntelang aus dem Haus verbannt bleibt, irgendwo auf ihrer schiefen Lebensbahn den siebten Abort einleitet, schwenkt der Fokus zu Heed, der das ersehnte Kind - die Frucht ihres einzigen Seitensprungs in einer durch das regelmässige Fremdgehen ihres Gatten längst zerrütteten Ehe - im Leib verdorrt.

«Sie kämpften weiter, als wären sie Heldinnen und nicht Geopferte», heisst es einmal von Heed und Christine, die sich nach Bill Coseys Tod in einem bitteren, von gelegentlichen Gewaltausbrüchen zäsierten Kampf um Coseys Erbe ineinander verbeissen. Hinter der Formulierung verbirgt sich die etwas fragwürdige Grundformel des Romans: eine allmähliche, durch den allzu gefühligen Schluss nochmals potenzierte Überwälzung der «Schuld» für das Geschehen auf die männliche Hauptfigur, die aber weder genügend Kontur noch Substanz gewinnt, um dieses Gewicht zu tragen. Wo in «The Bluest Eye» Cholly Breedloves zerstörerischer Liebesakt eine qualvolle, aus der ganzen Materie des Romans geballte Plausibilität hatte, wirkt Bill Coseys nachlässiger Griff nach der Kindsbraut gerade vor dem Hintergrund des um diesen Protagonisten entfalteten Milieus wenig wahrscheinlich; und keinerlei tieferen Sinn im Romangeschehen entwickelt auch die magische Aura, durch die das Porträt des Verstorbenen noch die gossenschlaue junge Frau in Bann geschlagen haben soll, die in den Erbstreit zwischen Heed und Christine gezogen wird und die Antagonistinnen ihrerseits nach Kräften gegeneinander ausspielt.

So wirkt Toni Morrisons neuer Roman mit seiner raffiniert verzögernden Enthüllungstaktik, seinen Verspiegelungen und Schichtungen (aus den nur anskizzierten Biografien der Figuren liesse sich Stoff für zwei, drei weitere Bücher ziehen) mehr durch den Sog der Handlung als durch die Tiefe, in die er führt; mehr aus den Einzelporträts heraus denn aus dem Zusammenspiel der Charaktere. Die Freiheit, lieben zu dürfen, was man will - so müsste vor dem Hintergrund dieses Romans der eingangs zitierte Satz wohl differenziert werden -, bedeutet noch mitnichten, dass man auch zu lieben vermag.

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2.)

Liebe.
Roman von Toni Morrison (2004, Rowohlt - Übertragung Thomas Piltz).
Besprechung von Maike Albath in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:

Betörender Gesang
Toni Morrison bleibt dran: Die polyphone Erzählung der Liebe unter Schwarzen

Die biblischen Geschichten über die Kraft der Liebe und die Verwerfungen des Hasses sind seit jeher Teil der mündlichen afroamerikanischen Erzähltradition, und so verblüfft es eigentlich nicht, dass Toni Morrison sich dessen annimmt. Sie kündigt ihr Thema schon im Titel an: Liebe heißt ihr neuer Roman schlicht und programmatisch. Sogar eine ihrer Erzählerstimmen agiert unter diesem Namen. Unter der Abkürzung "L" ergreift ein runzeliges altes Weib das Wort, weise und gelassen, summend und raunend, das sich in einer Sphäre zwischen der wirklichen Welt und dem Reich der Toten aufhält und an beidem teilhat. Die Herkunft ihres Namens aus dem Ersten Korintherbrief, Kapitel 13 offenbart sich erst gegen Ende, aber L besitzt von Anfang an göttliche Verfügungsgewalt, weiß über alles Bescheid und wacht über das Schicksal der Beteiligten. Ihr Wissen zieht sich als roter Faden durch das jüngste Werk der amerikanischen Nobelpreisträgerin, die sich mit Menschenkind (1987), Jazz (1992) und Paradies (1997) schon mehrfach den Pathologien der Liebe widmete.

Erotisches Zentrum und Ursprung allen Hasses ist der Selfmademan Bill Cosey, genannt "Papa". Der schwarze Unternehmer hatte in den 30er Jahren das Küstenstädtchen Up Beach an der Sooker Bay zu einer Blüte geführt. Mit Gespür für den Sound der Saison verpflichtete er die richtigen Bands für sein mondänes Hotel plus Tanzsaal und machte das Seebad zur angesagtesten Sommeradresse der aufstrebenden schwarzen Mittelschicht.

Larbeitete damals als Köchin für Cosey und unterstütze mit ihren legendären Süßkartoffeln, Gumboschoten und Reiseintöpfen den hervorragenden Ruf des Hotels. Bill Cosey, verheiratet und Familienvater, häufte nicht nur privat großen Reichtum an, sondern verhalf auch dem Städtchen zu Vollbeschäftigung und neuem Selbstbewusstsein. Aus diesem Grund wird er noch Jahrzehnte nach seinem rätselhaften Tod von ehemaligen Angestellten verehrt.

Doch sein Vermächtnis scheint zweischneidig zu sein - seine Enkelin Christine und seine Witwe Heed sind bis aufs Messer miteinander verfeindet. Inzwischen hoch betagt, führen sie von morgens bis abends einen erbitterten Kleinkrieg um Wohnhaus, Schmuck, Möbel, aber auch darum, wem mit Bills Tod mehr genommen wurde. Bis die findigere Heed eines Tages eine langbeinige Schönheit namens Junior als Sekretärin engagiert, deren Sex Appeal die übrig gebliebene männliche Einwohnerschaft des Ortes zu Wachsfiguren erstarren lässt

Plötzlich: Teenagervitalität

Junior, aufgewachsen in einem sozial schwachen Viertel und flüchtige Heiminsassin, ist einiges gewöhnt und kennt die Abgründe der Psyche. Sie bringt das chronifizierte Gefüge ins Wanken. Im Gegensatz zu den beiden alten Damen verschreibt sie sich ganz der Gegenwart und verführt den Enkel des Nachbarehepaares Romen. Auch wenn L an Juniors freizügiger Art herummäkelt und sich nach der weiblichen Diskretion der 40er Jahre zurücksehnt: die Vitalität der Teenagerin hat etwas Befreiendes.

Toni Morrison, eine Meisterin der erzählerischen Polyphonie, wartet auch dieses Mal mit einer komplexen Stimmführung auf, und darin liegt die Schönheit des schillernden Geschichtengewebes. Ergänzt wird Ls betörender Singsang über Liebe, Rache, Begehren und Abweisung durch ein Geflecht aus Szenen, die abwechselnd die kecke Junior mit Romen, die verbitterten Schwestern samt ihren Erinnerungen und Romens Großeltern, ebenfalls beide gut mit Bill Cosey bekannt, zum Gegenstand haben.

Die glamouröse Vergangenheit des Hotels, inzwischen ein verwitterter Kasten, wird ebenso herauf beschworen wie die Aufbruchsstimmung unter den Schwarzen und der zwiespältige Charakter Bill Coseys. Morrison porträtiert in Liebe die Phase vor Martin Luther Kings Menschenrechtsbewegung und beleuchtet die Lage der Schwarzen aus einer verblüffenden Perspektive. Der ethnische Separatismus hatte viele Vorteile: aus eigener Kraft war eine schwarze Community gewachsen, die für ihresgleichen Sorge trug. Es ist kein Zufall, dass das Hotel parallel mit dem Erstarken des Civil Rights Movement seinen Niedergang erlebte. Eigene Institutionen zählten nicht mehr viel, stattdessen wollte man es nun den Weißen gleichtun, was unter den Afroamerikanern zu Spaltungen führte. Das Zerwürfnis der beiden alten Frauen ist nur ein Beispiel.

Magischer Bezugspunkt sämtlicher weiblicher Figuren bleibt aber der Patriarch Bill Cosey. Er gibt das Parameter der Frauen vor. Nur in Abhängigkeit von seiner Wertschätzung definiert sich ihre Stellung, ob erste Gattin oder zweite, ob Mätresse, Köchin, Hausmädchen oder Enkelin. Erst nach und nach schält sich heraus, was tatsächlich geschah. "Papa" verlor zuerst seine angebetete Frau und dann seinen geliebten Sohn. Kurzerhand beschloss er, die beste Freundin seiner Enkelin Christine zu heiraten, die damals elf Jahre alt war: eben jene Heed. Weil Christine den Großvater vergötterte und nun in seiner Gunst sinkt, entzweiten sich die beiden Mädchen. Erst als Junior auf Heeds Weisung eine Testamentsfälschung in Angriff nimmt und alles in eine Gewalttat gipfelt, löst sich der Groll plötzlich auf.

Toni Morrison hat nicht nur einen faszinierenden Roman über die archaische Kraft des Hasses geschrieben, der Menschen stärker aneinander bindet als alles andere, sondern sie betreibt auch eine Analyse der Geschlechterverhältnisse, fragt nach dem Selbstverständnis der Afroamerikaner und durchleuchtet die Entstehung von Macht und Gewalt. Ob die metaphorische Macht des Geldes, physische Züchtigung oder psychische Nötigung - das Phänomen wird in allen Spielarten vorgeführt. Der Schluss gehört noch einmal L: Aus den Tiefen des Gedächtnisses steigen Bilder der verliebten kleinen Freundinnen Heed und Christine herauf. Dass sie das letzte Wort hat, ist immerhin ein Hoffnungsschimmer.

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