Hintergrundbericht
über
Elisabeth Borchers
Poetikvorlesungen
in Frankfurt/Main

Lichtwelten. Abgedunkelte Räume.
Frankfurter Poetikvorlesungen von Elisabeth Borchers (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Zingg in Neue Zürcher Zeitung vom 24.07.2004:

«Lichtwelten»
Elisabeth Borchers' Poetikvorlesungen

Die Aufregung lässt sich heute kaum mehr vorstellen. 1960 erschien in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ein Gedicht, das mit diesen Versen begann: «eia wasser regnet schlaf / eia wasser schwimmt ins gras / wer zum wasser geht wird schlaf / wer zum abend kommt wird gras». Es hagelte empörte Leserbriefe, weit über hundert waren es am Ende, und während Wochen wurde in literarisch interessierten Kreisen aufgeregt debattiert. Durfte man so etwas schreiben?

Elisabeth Borchers, von ihr stammt das Gedicht, erwähnt dies in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen, die nun unter dem Titel «Lichtwelten. Abgedunkelte Räume» vorliegen. Das Gedicht und die Aufregung, die es auslöste, sind in die Geschichte der deutschen Literatur nach 1945 eingegangen, und sie stehen am Anfang eines umfangreichen und beeindruckenden Werkes. Elisabeth Borchers, geboren 1926, hat Gedichte geschrieben, Erzählungen, Kinderbücher, Hörspiele, sie hat zahlreiche Anthologien kompiliert und vieles übersetzt, dies alles neben einem grossen Pensum als Lektorin.

In ihren fünf Frankfurter Vorlesungen, die sie im Sommer 2003 gehalten hat, geht es in erster Linie um Gedichte und dabei auch immer wieder um Anfänge. Um ihre Anfänge als Autorin und um das, was allem Schreiben vorausgeht, um Kindheitserinnerungen etwa, um die scharfen und unscharfen Bilder jener Tage. Und um die Scheu, diese endgültig gerinnen zu lassen. Am Beispiel einzelner Gedichte zeigt die Autorin, wie deren «Einzugsgebiete» aussehen: Was hat alles dazu beigetragen, dass dieses Gedicht entstehen konnte, was ist alles hineingeflossen? Es gibt für das Schreiben von Gedichten, darauf weist Elisabeth Borchers sanft und beharrlich hin, kein theoretisches Kleingeld, keine Faustregeln. Jedes Gedicht ist ein Wagnis. Selbst dann, wenn zuweilen ein Gedicht vor allem darum geschrieben wird, weil darin eine bestimmte Zeile, ein bestimmtes Wort unterkommen soll.

Über literarische Werke ist vor allem dann sehr viel zu erfahren, wenn sie in eine andere Sprache übersetzt werden. Hier greift Borchers auf ihre Erfahrungen als Lektorin zurück und zeigt an konkreten Beispielen, wie riskant die Arbeit des Übersetzens stets bleibt. Dabei bleibt sie vorsichtig und genau, so genau, wie die Arbeit der Übersetzer auch aussehen soll.

Ihren Blick auf die eigene Arbeit beendet Elisabeth Borchers mit einer anrührenden und kundigen Hommage an drei Lyrikerinnen, die ein schweres Los zu tragen hatten und dabei auch schrieben: Christine Lavant, Nelly Sachs und Hertha Kräftner. Freundlicher, unaufdringlicher lassen sich deren Werke kaum vermitteln, als dies hier geschieht, von einer Dichterin unter Dichterinnen.

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