lichtschur von Elfriede Kehrer, 2005, Skarabaeuslichtschur.
Gedichte von Elfriede Kehrer (2005, Skarabaeus).
Besprechung von Helmut Schönauer, 2.10.2005:

Die beste Definition von Lyrik ist noch immer jene einfache Formel: „Lyrik ist das, wovon zumindest Autor, Verleger oder Leser glauben, dass es Lyrik ist.“ Im Falle von Elfriede Kehrers „lichtschur“ haben bereits Autorin und Verleger von dieser Formel Gebrauch gemacht, jetzt muss es nur noch der Leser schaffen.

Also vorsichtig formuliert sind diese geschorenen Gedichte dünn, kurz, oft gibt es nur ein paar Wörter und Wortteile zu sehen und zu verstehen. Verstehen ist vielleicht gar nicht so wichtig, die semantischen Pflugscharen im Sprachacker sind oft nur abgestellte Geräte, mit denen in einer besseren Jahreszeit etwas passieren könnte.

So wird „lichtschur“ zu einem guten Motto: die Begriffe sind ihrer überschüssigen Bedeutungswolle entledigt und gehen kahl geschoren lichtem Sinn entgegen. Manchmal werden die Kompositionen ziemlich stark strapaziert, wenn etwa „in scheiterndem grün“ (84) Kassandra lächelt. Manchmal werden auch die Gesetze der Optik etwas heraus gefordert, wenn es um farbvolle Schatten geht (62) oder etwas aufwärts dunkeln muss (47).

Eine gute Einschätzung für die Qualität von Lyrik bietet dem Leser oft die Verwendungsquote von Partizipia praesentia, das sind diese komischen „nd“-Fügungen, die schwingend, hüpfend und bebend manche Gedichte bevölkern. In lyrischen Anfängerkursen von Creative Writing gibt es die Spielregel, wonach diese Fügungen nur einmal am Tag eingesetzt werden dürfen. Aber was tun, wenn jemand jeden Tag neu dichtet? Dann kommt es eben zu einer lyrisch summenden Invasion und man hat als Leser Pech gehabt.

Man tut sich als Leser nicht leicht, diese dünnspröden Gedankensplitter überhaupt zu sehen und dann aus dem Augapfel zu wischen. Da helfen auch die Zeichnungen von Franz Kehrer nicht viel. Seine Andeutungen von Gesichtern und Blättern wollen offensichtlich das Verschwinden dokumentieren, eigentlich tut es ihm leid, dass er gezeichnet hat, aber es ist ohnehin so dünn und zart, dass es vielleicht nicht weh tut, meint er.

Warum muss Lyrik immer wieder von gezeichneten Bildern unterlegt sein? – Ein Rätsel, das wohl nie gelöst werden kann. Eine große Definition von Lyrik besagt, dass lyrische Texte belanglos sein können, also keinen unmittelbaren Zweck verfolgen müssen. So gesehen ist „lichtschur“ große Lyrik.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenhauer-literatur.com]

Leseprobe I Buchbestellung 1109 LYRIKwelt © Helmuth Schönhauer