Lichtaxt von Michael Buselmeier, 2006, WunderhornLichtaxt.
Gedichte von Michael Buselmeier (2006, Wunderhorn Verlag).
Besprechung von Michael Braun in Die Rheinpfalz vom 19.1.2007:

Menetekel aus der Kriegsgrube
Michael Buselmeiers neuer Gedichtband „Lichtaxt“

Die Toten lassen ihn nicht mehr los, die Stimmen der Gemarterten und Verstümmelten, die Bilder von Schrecken und Schmerz. Schon die ganz frühen Gedichte des Heidelberger Schriftstellers und Pfalzpreisträgers Michael Buselmeier sprachen von traumatisierenden Begegnungen mit „Kriegsversehrten“, die sich mit ihren Arm- und Bein-Stümpfen durch Nachkriegsdeutschland schleppten und an die furchtbaren Jahre der Verheerung erinnerten. Die Erinnerung spricht auch in seinen neuen Gedichten – und sie führt den Autor erneut an die Schauplätze des Untergangs, zu den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit. So landen wir gleich zu Beginn in der „Kriegsgrube“, wo die Bestialitäten der Spezies Mensch zu besichtigen sind: Schädelknochen gefolterter Kriegsgefangener, zerfetzte Häftlingsnummern, rostige Waffen im Feuerlöschteich.

Man ist ja in der deutschen Gegenwartsliteratur gewöhnt, dass gleich das Tremolo der antifaschistischen Rhetorik einsetzt, wenn die Rede auf die deutsche Schuldvergangenheit kommt. So war das Entsetzen groß, als sich Günter Grass vor einigen Monaten zu dem sehr späten und verdrucksten Bekenntnis durchrang, als Siebzehnjähriger ein Soldat der Waffen-SS gewesen zu sein. Ein Gesinnungsgenosse von Grass, der Autor Uwe Timm, war drei Jahre zuvor wesentlich vorsichtiger. Aus der sicheren Distanz des Nachgeborenen (Timm ist Jahrgang 1940) rekonstruierte er die Geschichte seines Bruders, der sich einst freiwillig und voller Begeisterung zur einer „SS-Totenkopfdivision“ gemeldet hatte. Timm bekam heftigen Beifall für sein Erfolgsbuch „Am Beispiel meines Bruders“, weil er das Verhalten seines Bruders als Verblendung der „Tätergeneration“ zensierte.

Auf Timms wohlfeile moralische Entrüstung über die Täterschaft seines Bruders reagiert nun ein Gedicht in Michael Buselmeiers neuem Band „Lichtaxt“. Es ist eins der wenigen Gedichte des Buches, die sich zu einer strengen musikalischen Form zwingen. Eine formale Selbstdisziplinierung, die die Wirkung des Textes intensiviert: „Und wieder in Reihen angetreten die toten Soldaten / getrocknete Uniformhosen über dem blutigen Brei / ein Junge knapp achtzehn vom eigenen Bruder verraten / vor Kursk ohne Beine ruckend auf Krücken vorbei“.

Buselmeier zeigt den Schrecken in verstörenden Bildern, aber er moralisiert nicht. Er zitiert das Schicksal von Uwe Timms Bruder, dem nach seiner schweren Verwundung beide Beine amputiert wurden, als Exempel für ein elendes Sterben, ohne den Zeigefinger zu heben. Auch in den übrigen Texten des Buches präsentiert sich der Autor als lyrischer Geschichtsarchäologe, der die Alpträume der Zerstörung so nah an den Leser heranrückt, dass einem der Atem stockt. Beeindruckend hier, wie Buselmeier in dicht geknüpfter Bilder-Textur seine „Grabungen“ durchführt, wie er in Traumgesichten und Phantasmagorien durch eine Landschaft des Terrors geht – ein Schlafloser durchstreift das Totenreich. Dabei überlagern sich reale Erinnerungsbilder mit den Fetzen des deutschen Mythos: Nicht zufällig trägt das Gedicht, das Uwe Timms Bruder-Geschichte zitiert, den Titel „Nibelungen“.

Das Zentrum dieses Gedichtbands bildet der Zyklus „Sommerwald“ – sicherlich zählen diese grellen Figurationen der Kinderzeit, diese Wunschbilder einer frühen Liebe und die Hadeswanderungen durch eine verwüstete Natur zu den stärksten Gedichten, die Buselmeier je geschrieben hat. Schon die „frühsten Zeichen“, die das Kind wie ein Menetekel an der Decke des Schlafzimmers entziffert („Die Lichtaxt von der Decke bleckt dich an“) verweisen in die „Todeszone“.

Nur in zwei, drei ungeschützt autobiografischen Gedichten, und in einem etwas schwärmerisch geratenen Lobgesang auf sein Enkelkind gönnt sich der Autor ein bisschen Erholung. Aber am Ende dieses aufregenden Buches wählt Buselmeier wieder den Weg in die Finsternis – in einem rhapsodischen Gesang auf das südliche Afrika und den sich verschärfenden Kulturkampf zwischen Schwarz und Weiß. Ein paar phantastisch geschliffene Haikus zur „African Queen“ beschließen den Band. Das bedrohliche Funkeln dieser „Lichtaxt“ wird uns lange verfolgen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Die Rheinpfalz]

Leseprobe I Buchbestellung 0107 LYRIKwelt © Michael Braun