Leyla von Feridun Zaimoglu, 2006, KiWi1.) - 3.)

Leyla.
Roman von Feridun Zaimoglu (2006, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Sibylle Thelen in der Stuttgarter Zeitung vom 13.2.2006:

"Wildnis" hätte das Buch ursprünglich heißen sollen. Doch das, befürchtete man beim Verlag, könnte allzu männlich klingen. Stattdessen erscheint Feridun Zaimoglus neuer Roman jetzt unter dem Titel "Leyla", und jeder begreift auf Anhieb: aha, es geht um eine Frau. Auf 525 Seiten entfaltet der Autor die lebenspralle, atmosphärisch-dichte Entwicklungsgeschichte einer Türkin, die in den dreißiger Jahren in einem südostanatolischen Dorf zu Welt kommt, als junge Frau nach Istanbul zieht, um dann schließlich nach Deutschland aufzubrechen.

Es ist die klassische Spur der Migration. 1961 wurde sie mit dem deutsch-türkischen Gastarbeiter-Anwerbeabkommen offiziell besiegelt. Auch Zaimoglus Eltern kamen zum Arbeiten nach Deutschland, vom Schwarzen Meer, wo der Sohn 1964 im kleinstädtischen Bolu geboren wurde. Wenige Jahre später saß er in München auf der Schulbank. Doch so wie er sich als schon Schüler nicht in die deutsche Schablone für Gastarbeiterkinder pressen ließ, so hat er sich auch als Autor von Anfang an den gönnerhaften Erwartungen an Gastarbeiterliteratur widersetzt.

Der Schriftsteller singt schon deshalb nicht das Leidenslied vom armen Ali, dem Malocher in der kalten Fremde. Er fertigt keine Betroffenheitsliteratur an, zur Therapie der Opfer- und Überforderungsgefühle in der ersten Zuwanderergeneration. Über solche Romane, wie sie Fakir Baykurt oder Aras Ören damals mit einigem Erfolg schrieben, ist die Zeit hinweggegangen. Die wundersamen Wanderungserfahrungen sind nicht mehr nur Stoff für Nischenliteratur. Das hat Emine Sevgi Özdamar mit ihrer "Brücke vom Goldenen Horn" bewiesen, das zeigt nun auch Zaimoglu mit "Leyla".

Für das Buch hat der Autor dort recherchiert, wo alles anfängt: in der tiefen türkischen Provinz, die vor fünfzig, sechzig Jahren auf heute unvorstellbare Weise von der Welt abgekoppelt war. Dort wächst Leyla heran, als jüngstes unter fünf Geschwistern, Tochter einer zärtlichen, aber hilflosen Mutter und eines selbstgerechten Vaters. Er regiert die Familie mit brutaler Hand. Doch Leyla entzieht sich dem "Nährvater", der für sie nur der Mann der Mutter, nie "mein Vater" ist. Sie ist auf naive Art geistig eigenständig, ein nettes Kind, in dem eine robuste Widerstandskraft schlummert, die es immer wieder die Grenzen der Männergesellschaft testen lässt. Zaimoglu, der aus Leylas Perspektive erzählt, entwickelt eine vielschichtige Persönlichkeit. Nicht zufällig konterkariert er das Klischeebild der plumpen Anatolierin.

Überhaupt meidet der Autor gängige, aber falsche, vereinfachende und vereinheitlichende Vorstellungen. Seine Hinweise auf den geschichtlichen Kontext sind sparsam, aber aussagekräftig: auf die "Korealöwen" etwa, auf jene 4500 türkischen Soldaten also, die in der UN-Friedenstruppe gegen Nordkorea kämpften. Für den höchst verlustreichen Einsatz wurde die Türkei 1952 mit der Nato-Mitgliedschaft belohnt. Wie nebenbei vermittelt Zaimoglu ein Gefühl dafür, wie heftig der politische Wandel das Land in den fünfziger Jahren geschüttelt hat. Der Kalte Krieg tobt, und auch die Türkei, die sich im Zweiten Weltkrieg neutral verhielt, wird hineingezogen. Das Volk kann sich der Polarisierung nicht entziehen. Es verabscheut die Kommunisten, bewundert ängstlich die Amerikaner - und vergisst darüber die eigene historisch gewachsene Identität.

In dieses Dunkel leuchtet Zaimoglu hinein, vorsichtig und mit kurz aufblitzenden Schlaglichtern, um dennoch klar erkennbar zu machen: dieses angeblich so einheitlich türkische Anatolien beherbergt ein buntes Völkergemisch, die Nachkommen des vor gar nicht langer Zeit zerfallenen Osmanischen Reichs. Ein kurzer Fluch, hingeworfen nur: "armenische Hure" schimpft der "Nährvater", selbst stolzer Tschetschene, seine Frau. Ein einziges Mal, gleich am Anfang, taucht das Wort auf. Erst viel später erfährt man, dass die Mutter keine Angehörigen hat. Über ihre Geschichte wird eisern geschwiegen. Doch wie es so ist mit Familiengeheimnissen, sie bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche, und so kommt raus, dass die Mutter eine blutige Vertreibung samt Vergewaltigung erlebt hat. Man muss nicht lange herumrechnen, um im Jahr 1915 zu landen.

Zaimoglu selbst rechnet nicht, so wie er auch nicht anklagt oder mit erhobenem Zeigefinger über den Bewusstseinsschwund doziert. Er will nach Leibeskräften erzählen, von allem, was das Leben zum Leben macht. Sein Roman ist auch voll skurriler Geschichten, er erzählt nicht nur von der Kraft der Familie und der Tradition und vom autoritären Vater Staat, sondern auch von Teufelsaustreibungen und Prophezeiungsträumen, von Brautwerbung und Entjungferung, von schrecklichen Unfällen und Abtreibungen. Mit wahrer Hingabe beschreibt hier ein männlicher Autor die weiblichen Initiationsriten im anatolischen Dorf: das Färben der Haare mit Henna, die Enthaarung der Beine und Achseln mit Agda, einer fiesen hausgemachten Zuckersiruppaste, und den Besuch im Dampfbad, der von einer groben Prügelei unter Frauen gekrönt wird..
...Fortsetzung

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Leyla von Feridun Zaimoglu, 2006, KiWi2.)

Leyla.
Roman von Feridun Zaimoglu (2006, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Nevfel Cumart aus den Nürnberger Nachrichten vom 5.4.2006:

Von Anatolien zum Münchner Bahnhof
Feridun Zaimoglu zeigt in seinem anrührenden Roman „Leyla“ ein neue, poetische Seite

Der türkischstämmige Feridun Zaimoglu ist sicher nicht dafür bekannt, Verfasser von sensibler Poesie zu sein! Der mit vielen Preisen ausgezeichnete und seit 1985 in Kiel lebende Zaimoglu avancierte insbesondere mit seinen Büchern „Kanak Sprak“ und „Abschaum“ zu einem hart und provokant schreibenden Kultautor. In diesen Büchern ließ Zaimoglu türkische Jugendliche, Lehrlinge, Zuhälter, Arbeitslose und Dealer in ungeschminkter, vulgärer Sprache zu Worte kommen.

Diese literarisch verarbeiteten „Misstöne vom Rande der Gesellschaft“ machten den mit sechs Jahren nach Deutschland eingereisten „kultivierten Krawallmacher“ zum literarischen Sprachrohr der türkischen Underdogs. Umso mehr überrascht sein neues Buch „Leyla“ mit einer anrührenden und hoch poetischen Sprache und einem Thema, das man bei dem mit Ringen und Silberkettchen ausstaffierten Autor kaum erwartet hätte.

Zaimoglu vollzieht einen völlig unerwarteten Wandel und schlüpft in die Rolle eines Mädchens. Er erzählt fast durchweg aus der Ich-Perspektive die Lebens- und Leidensgeschichte des türkischen Mädchens Leyla, das in den fünfziger und sechziger Jahren als jüngstes von vier Geschwistern in einem anatolischen Dorf aufwächst. So zärtlich und fast weise Leylas Mutter Emine auch ist, aus der unbeschwerten Kindheit wird für Leyla nichts.

Denn über der hilflosen Mutter mit dunkler Vergangenheit und der Familie steht der selbstgerechte Vater Halid. Er, den Leyla immer nur „Nährvater“ oder „der Mann meiner Mutter“ nennt, regiert die Familie mit brutaler Hand. Unter einem solch grausamen und herrschsüchtigen Vater bleibt für Leyla und ihre Familie kaum Luft zum Atmen. Kein Wunder, dass Leyla und ihre beiden älteren Schwestern Yasmin und Selda von der romantischen Liebe träumen, von verständnisvollen Geliebten, die sie aus dem häuslichen Elend retten und ihnen „elektrisches Leben“ mit Kühlschrank und Bügeleisen bescheren. Doch es bleibt beim Traum, denn in dieser verkrusteten Welt des anatolischen Kleinstadtlebens herrschen traditionelle Ehrengesetze und Tabus, Demut und Gehorsam, herrscht Machotum statt Emanzipation.

Später siedelt die Familie nach Istanbul über, wo Leyla einen jungen Mann heiratet, um endlich aus dem „Familiengefängnis“ ausbrechen zu können. Istanbul ist auch der Ort, wo der Vater windige Geschäfte macht und scheitert, wo sich Leylas studierende Brüder Djengis und Tolga gegen den Despoten auflehnen und wo die Familie langsam auseinander bricht. Leylas Mann Metin sieht für sich und seine kleine Familie keine Zukunft in der Türkei. Um der Armut endlich zu entfliehen, sucht er sein Glück schließlich als Arbeiter in Deutschland. Auf den letzten Seiten des Buches folgt Leyla gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem namenlosen kleinen Sohn ihrem Ehemann, dem „Gastarbeiter“ Metin.

Zaimoglu gelingt eine unter die Haut gehende Schilderung einer Familiengeschichte und des Lebensweges einer Türkin vom ostanatolischen Dorf bis zum Münchner Hauptbahnhof. Das Buch könnte leichtfertig als ein Beitrag zur derzeitigen heftigen Debatte um Ausländer, Integration, Einbürgerung etc. pp. gelesen werden. Es könnte ebenso leichtfertig in die Schublade der Migrantenliteratur gesteckt werden. Zu verhindern wären beide Fehleinschätzungen nicht, doch schade wäre es allemal. Denn „Leyla“ sollte nicht auf diese Schlagworte reduziert werden.

Das Buch ist mehr als das, viel mehr. Der Roman ist schlicht und ergreifend wunderbare Literatur, dessen Verfasser zauberhaft aus dem türkischen Bilderschatz schöpfen und meisterhaft mit der deutschen Sprache umgehen kann und dessen literarischer „Sound“ einzigartig ist in der deutschen Literatur. Man sollte Zaimoglu für dieses Buch lieben!

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Leyla von Feridun Zaimoglu, 2006, KiWi3.)

Leyla.
Roman von Feridun Zaimoglu (2006, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Maike Albath aus der Neue Zürcher Zeitung vom 31.5.2006:

Mein Goldkörnchen, mein Silberstern
«Leyla» – Feridun Zaimoglus Roman über das Leben einer Frau

Leylas Leben besteht aus vielen Regeln. Sobald ihr Vater das Haus betritt, darf das kleine Mädchen in der ostanatolischen Kleinstadt weder sprechen noch Blicke erwidern, sie muss die Augen niederschlagen und dem Hausherrn die Pantoffeln reichen. Und wenn der jähzornige Mann seine Familie beschimpft, das Mittagsmahl aus dem Fenster wirft, Schläge austeilt, seinen Töchtern den Schulbesuch verbietet und seine Söhne für sich arbeiten lässt, wird das klaglos hingenommen. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Anstand, Ehre, Gehorsam, Demut – so lauten die Formeln für den Umgang miteinander. Jeder Verstoss gegen die ungeschriebenen Gesetze wird streng geahndet. Dennoch gibt es Schlupflöcher, und diese Schlupflöcher auszunutzen, ist Sache der Frauen.

Leylas Erzählungen

Tausend Farben hat die Frauenwelt in Feridun Zaimoglus wundersamem Roman «Leyla». Gerade das, was muslimischen Frauen in Gesellschaft von Männern untersagt ist, wird hier durchbrochen: Die Heldin Leyla erhebt selbst ihre Stimme und erzählt von ihrer Kindheit in dem gottesfürchtigen Städtchen mit den althergebrachten Sitten und Gebräuchen. Sie, ihre Mutter, die Schwestern und Freundinnen sind keine sprachlosen Geschöpfe, im Gegenteil: Der Wortteppich aus unzähligen Kosenamen, Geschichten, Märchen und Träumen, mit dem sie sich in ihrer Sphäre umgeben, wirkt wie ein Gegenentwurf zur patriarchalen Kargheit und Strenge ausserhalb des Hauses. Und Leyla erzählt auch nicht einfach: Sie umkreist die Figuren und Ereignisse, Gesichter und Gestalten tauchen auf und verschwinden, allesamt durchdrungen von Phantasien, Ängsten und Gelüsten.

Da gibt es die geliebte Mutter, von Nachbarinnen wegen ihrer Traumdeutungskunst geschätzt, es gibt Besuche im Badehaus, eine betörend freizügige Kinobesitzerin und immer wieder die Züchtigungen durch den Vater, dessen Gewalt auch bei ihren Brüdern abgrundtiefen Hass auslöst. Es gibt den stark ritualisierten Alltag auf der einen Seite und die dämonische Kraft der Sexualität auf der anderen; in jeder Geste lauert das Verderben, jeder Lidschlag setzt die Ehre eines Mädchens aufs Spiel.

Eine Heirat scheint der einzige Weg zu sein, der Sippe und dem brutalen Regiment des Vaters zu entkommen. Der Umzug nach Istanbul stülpt die Verhältnisse um, aber die Frauen sind wieder nur Dienerinnen, jetzt bei den besser gestellten Verwandten in der Stadt. Leyla verliebt sich in den sanftmütigen Metin, der bald in Deutschland Arbeit finden sollte, sie wehrt sich gegen die Enttäuschungen ihrer Ehe, bekommt einen Sohn und folgt nach dem Tod des Vaters ihrem Mann in das fremde Land.

Mehrere Zeitalter werden in dem zwischen 1950 und 1970 spielenden Roman durchschritten, und jeder Wandel bedeutet Entwurzelung. Die mythisch-religiöse Agrargesellschaft löst sich auf, aber die Menschen klammern sich an ihre Überreste. Ohne es nur einen Moment lang zu verklären, vermittelt Zaimoglu das Archaische der ländlichen Welt: die Wucht der Emotionen, die Triebhaftigkeit, die Gewalt. Der deutsche Schriftsteller türkischer Herkunft ist ein Meister der Schattierungen. Anpassung ist nicht gleich Anpassung und Unterwerfung nicht gleich Unterwerfung – es gibt unzählige Zwischenstadien, Umdeutungen der Regeln, kleine Fluchten. Seine einfühlsam gestalteten Figuren werden dem Leser unmittelbar gegenwärtig, sie sind vielschichtig und entwickeln sich: die duldsame Mutter mit ihrem zähen Lebensmut, die stolze Schulfreundin Manolya, eine Kurdin, der Bruder Djengis, der sich dem Willen des Vaters beugt und eine reiche, hässliche Frau heiratet.

Grosse Sinnlichkeit

Aber nicht nur das Personal und die epischen Handlungsschleifen machen die Spannkraft des Romans aus. Dem ursprünglich-poetischen Weltverständnis seiner Heldin entsprechend, legt ihr Feridun Zaimoglu eine verspielte, bildmächtige Sprache in den Mund. Das Experiment gelingt. Bis auf wenige Brüche besitzen Leylas Schilderungen grosse Sinnlichkeit, von blumigem Kitsch keine Spur. «Leyla» ist ein farbenprächtiger Roman, und es ist ein berückendes Buch über das Schicksal einer Frau und die Vielfalt gelebten Lebens.

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