Letzte Tänze von Günter Grass, 2003, Steidl1.) - 3.)

Letzte Tänze.
Gedichte+Zeichnungen von Günter Grass (2003, Steidl).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 27.8.2003:

"Schwerer als Federnblasen / ist die fleischliche Liebe"
Neue Zeichnungen und Gedichte von Grass

Es muss eine anthropologische Konstante sein, dass sich in den späten Jahren eines erfolgreichen Manneslebens, das zudem der Kunst gewidmet ist – und in diesem Fall ist es gleich mehreren Künsten gewidmet – die Milde einstellt; Milde allerdings gepaart mit einer größeren Prise Stolz, wenn das Paradox gestattet ist. Nach der schwergewichtigen Novelle Im Krebsgang um den Untergang des Ostseekreuzers "Wilhelm Gustloff" habe Günter Grass erst einmal eine Pause gebraucht, verrät er in dem Eingangsgedicht seines neuen, auf den persönlichen Kreis eingeschränkten Buchs. Der Band ist äußerst sorgfältig gedruckt und gebunden, wie man es von Gerhard Steidl, dem gelernten Drucker, gewohnt ist. "Als ich des Schiffes Untergang / und den nachhallenden Schrei/ zum Buch verkürzt hatte,/ wollte ich etwas Heiteres/ zum Gegenstand meiner Laune machen." Nun, die Laune war offenbar gut, und der gefundene – nicht nur heitere – Gegenstand darf wie folgt resümiert werden: Erinnerte Tänze der Jugend, Liebes-Tänze des Alternden, tänzelnde Kopfstände eines Mannes, der seine Tage gezählt sieht.

Die meist freien, gelegentlich gereimten Verse lesen sich flott weg; der Ton ist süffig, schelmisch, genießerisch und selbstsicher. Im Mittelteil werden, knapp und mürrisch-lüstern, die Kopulationen eines vertrauten Paars beschworen. Das mag auf den ersten Blick ein bisschen beherzt wirken – wenn etwa das "Wunder" geschieht und "er" steht –, doch fühlt man auch Rührung angesichts solchen Muts zur Blamage und zur zotigen Ironie. Derlei zwiespältige Gelegenheitsverse wären vielleicht im Nachlass vornehmer verwahrt, doch ein G. G. scheint nicht der richtige Mann fürs Aufbewahren, fürs Liegenlassen zu sein. Hinaus mit Dir, Vers, lauf, hüpf, tanze einen Foxtrott, einen Tango, einen Walzer oder einen Military Blues. Der Selbstillustrator Grass schöpft aus dem Vollen einer erotischen Gemütlichkeit, die genauso virtuos wie peinlichkeitsgrenznah ist: tricky. Anknüpfend an Picassos erotische Zeichnungen, faszinieren ihn gelenkige Konstellationen; die Rötel- und Kohleblätter sind tadelloses Handwerk. Sobald es ins Schlüpfrig-Warme, ins Innere des Weibs geht, wechselt die Farbe ins Rötliche. Das hat System. Und Kalkül.

Am originellsten sind gewiss die erinnerten, also keineswegs "letzten" Tänze des ersten Teils. Nervös der Strich, dunkle Augenhöhlen, ekstatische Bewegungen – ein paar Blätter ragen ganz und gar heraus aus der kunsthandwerklichen Gefälligkeit, zu der manches von Grass (auch hier) neigt. Vom Männermangel der Nachkriegszeit ist die Rede und davon, dass "Ich" schnell, schnell in die Schlingen aus Tanz und Hingabe hineingeriet. Früh lernte Grass zu tanzen, fieberhaft muss es zugegangen sein damals, zum Beispiel "in der Löwenburg". Ein bisschen Blechtrommelwirbel klingt nach, wenn es heißt: "Wie einst, als ich vierzehn,/ und sie mich, war siebzehn,/ freiweg in den Griff nahm/ (...) die richtigen Männer / warn draußen im Krieg." Hier erinnert sich einer gerne. Macht also nicht’s, wenn er seine Melancholie am Ende mit Großvaterstolz ein bisschen überwürzt.

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Letzte Tänze von Günter Grass, 2003, Steidl 2.)

Letzte Tänze.
Gedichte+Zeichnungen von Günter Grass (2003, Steidl).
Besprechung von Christine Diller aus der Münchner Merkur, 29.8.2003:

Eine Lebenslust
Zeichnungen und Gedichte von Günter Grass

Wenn das passiert, muss der Künstler schon sehr in Ekstase geraten sein: "Die Pfeife lag abseits, kalt", schließt das Gedicht "Gottähnlich". Neben seinen Zeilen drehen Kohlestriche ihre Pirouetten: ein tanzendes Paar, sie und er die Hüften wiegend, einander den Rücken zugekehrt, sich nur zart, aber doch unlösbar über ihren Köpfen an den Fingerspitzen haltend. Oder, an anderer Stelle, wenig elegant aneinander prallend, mit verzerrten Mienen, stierem Blick, steilem Haarschopf, schrecklich verzückt.

Ein Veitstanz, ein Zappeln und Rappeln, hässlich, komisch und rührend zugleich. Rahmen für "Tango Nocturno" und "Tango Mortale", welcher mit beschwingtem Valse-Rhythmus schließt: "Der Schmerz ist nur Maske. Wir gleiten verkleidet/ auf grenzloser Fläche, dem Tod auf den Fersen,/ uns selbst hinterdrein."

Die Pfeife, das Zeichnen, Dichten und Tanzen - kein anderer geriert sich hier "gottähnlich" als Günter Grass, formt Menschen, Tänzer vor allem, nach seinem Bilde. Aus Ton zunächst, so beschreibt es das Auftaktgedicht des akkuraten, kunstvoll gestalteten Bandes "Letzte Tänze". "Als ich des Schiffes Untergang/ und den nachhallenden Schrei/ zum Buch verkürzt hatte,/ wollte ich etwas Heiteres/ zum Gegenstand meiner Laune machen/ und begann aus Töpferton,/ der feucht und vorrätig alt roch,/ Figuren - Mann und Frau in Bewegung -/ als Hohlkörper zu formen". So heiter war dem Dichter nach dem Abschluss seiner Novelle "Im Krebsgang" über den Untergang der "Wilhelm Gustloff" offensichtlich geworden, dass es beim Töpfern nicht blieb.

"Wollte ich etwas Heiteres/ zum Gegenstand meiner Laune machen"
Günter Grass

Ein wahrer Schaffensrausch und eine Lebenslust, wie als dringend benötigtes Gegengift zum schwermütigen Untergangsthema, müssen Grass erfasst haben, dass sogar die Worte wieder nur so aus ihm flossen und mal mit schönen Verdichtungen, tiefen Einsichten oder eher schlichten, aber lebensfrohen Betrachtungen Seite um Seite voll wirbelten.

Es ist wohlgemerkt vorrätiger, alt riechender Ton, den Grass verwendet und der sich zur Substanz auch seiner Verse verfeinert. Denn das Altern klingt immer wieder an, die Belustigung über das eigene Vergreisen: "Liebste, nur wenige Takte,/ bevor du mich und dich -/ wie immer um diese Zeit -/ mit Tabletten versorgst: einzelne/ und gezählte."

Umso stärker lässt der Tänzer-Dichter den Kontrast gellen, die riesige, unstillbare Lust. Man ahnt es: Wo der Tanz in die Ekstase mündet, ist die Erotik nicht mehr weit.

Gut ein Drittel der dynamisch gezeichneten Blätter zeigt sich liebende Paare - nicht melancholisch schwarz wie die Tanzbilder gezeichnet, sondern in satt-erdiger Sepia. Ein Fest der Sinne, Bild für Bild, in ihrem allzu ernsthaften Überschwang fast schon lächerlich, wäre da nicht diese Selbstironie: diese ehrgeizig verrenkten, fürchterlich angestrengten, ulkig staunenden Figürchen. "Zuerst klirrten die Gläser,/ dann zweistimmig wir,/ doch nichts ging in Scherben."

Am schönsten aber gerät Grass der ganz spezielle Blues seiner Liebenden - sie betrachten die Welt auf dem Kopf stehend: "Drum bitt um Nachsicht ich, wenn meine Kopfständ gleichen/ letztendlich einem Fragezeichen." Und am gelungensten die Gedichte dort, wo der Autor sich eben nicht zu ihrer Erzeugung auf den Kopf und seine dichterische Potenz so dringend unter Beweis stellen muss. Sondern wo sie ganz lapidar daherkommen, wie der "Tanz der Kakteen": "Fällt ein Arm, wurzelt er blindlings,/ treibt später Glieder,/ geübt in Ekstase."

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Letzte Tänze von Günter Grass, 2003, Steidl3.)

Letzte Tänze.
Gedichte+Zeichnungen von Günter Grass (2003, Steidl).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ, 1.9.2003:

Tango fatale mit Ausfallschritt
 "Letzte Tänze": Nobelpreisträger Günter Grass legt ein neues Buch mit Gedichten und Zeichnungen vor.

Es war im vergangenen Jahrhundert, dass Menschen im Gefolge eines Philosophen aus Trier wirklich noch glaubten, "die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zwingen" zu können. Und wie Marx glaubten viele auch, dass man besagten Verhältnissen nur "ihre eigene Melodie vorsingen" müsse, und schon sei die Revolution quasipraktisch gar nicht mehr aufzuhalten. Dass Günter Grass derlei Versuche unternommen hat, ist eine Weile her; beim letzten Mal war's ein kleiner Blechtrommler, der mit einer bösen Melodie aus Charleston, HJ-Marsch und Jazz die junge Republik auf ihrem Schleichweg ins Vergessen aus dem Takt brachte. Aber schon mit dem "Tagebuch einer Schnecke" legte er sich ein Wappentier zu, das so froh über jedes bisschen Fortschritt sein musste. Da war die Sache mit dem Tanzen so gut wie vergessen. Dabei tanzt Grass selbst so gerne. Und so oft, dass etliche der schönsten Fotos den zukünftigen oder gerade ernannten Literaturnobelpreisträger bei dem zeigen, wovon andere in seinem Alter nur noch reden: beim lebensprallen, so gerade noch vom Takt gebremsten, sinnendrallen Tanzbeinschwingen. Mal mit Frau Anna, mal mit Frau Ute, mal mit Tochter - und immer mit der halben Welt im Arm.

Ein wenig genervt, aber von Tippsen erregt

Nun aber legt Grass seine "letzten Tänze" hin, Gedichte und Zeichnungen, die sinnieren und resignieren ganz nach Art alter Männer, eingebettet in versförmige Werkstattberichte aus der Töpferei, die Günter Grass auch noch betreibt - vom ewigen "Schleiertanz" der Geschichte "ein wenig genervt". Trotz alledem noch ein rhythmisierter Antikriegskommentar gegen den Bushkrieg im Irak, aber seufzend "Nach alter Melodie" überschrieben. Oder ein Bedauern über die schwarzen US-Militärs und -Minister, die wie früher "das globale Geschäft ihrer beherrschenden Bosse" besorgen: "Military Blues". Fröhlich wird's nur in Erinnerungen mit körperlichem Erregungspotenzial, und wir lesen von "Tippsen", die aus kriegsbedingtem Männermangel auch Knaben auf den Tanzboden zerrten... Gänzlich grobianisch in Wort und Bild und manchmal komisch geraten Grass seine Ausflüge in beinahe hartkernige Erotik, wo Erektionen als "ein Wunder" bestaunt und zweisame Zungenzuneigungen mit dem Anstieg der Benzinpreise um Aufmerksamkeit konkurrieren müssen.

Aber dann, kurz vor Schluss, ein schönes Gedicht von der Sehnsucht nach dem Ausfallschritt, wenn's schon mit dem Tanzen verhältnismäßig schwer wird: "Sah einen Schwan / auf schwarzem Tümpel. / Nicht er, ich erschrak. / Zuviel Schönheit mit Gleichmut gepaart. / Hielt das nicht aus. Ging. / (...) Ach stünde die Welt doch Kopf! / Vielleicht fiele ihr was / aus der Tasche. / Der Schlüssel, zum Beispiel, / passend für einen Ausweg." (NRZ)

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