1.) - 3.)
Letzte
Tänze.
Gedichte+Zeichnungen von Günter
Grass (2003, Steidl).
Besprechung von Ina
Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 27.8.2003:
"Schwerer als Federnblasen /
ist die fleischliche Liebe"
Neue Zeichnungen und Gedichte von Grass
Am originellsten sind gewiss die erinnerten, also keineswegs "letzten" Tänze des ersten Teils. Nervös der Strich, dunkle Augenhöhlen, ekstatische Bewegungen – ein paar Blätter ragen ganz und gar heraus aus der kunsthandwerklichen Gefälligkeit, zu der manches von Grass (auch hier) neigt. Vom Männermangel der Nachkriegszeit ist die Rede und davon, dass "Ich" schnell, schnell in die Schlingen aus Tanz und Hingabe hineingeriet. Früh lernte Grass zu tanzen, fieberhaft muss es zugegangen sein damals, zum Beispiel "in der Löwenburg". Ein bisschen Blechtrommelwirbel klingt nach, wenn es heißt: "Wie einst, als ich vierzehn,/ und sie mich, war siebzehn,/ freiweg in den Griff nahm/ (...) die richtigen Männer / warn draußen im Krieg." Hier erinnert sich einer gerne. Macht also nicht’s, wenn er seine Melancholie am Ende mit Großvaterstolz ein bisschen überwürzt.
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Leseprobe I Buchbestellung I home 0803 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
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2.)
Letzte
Tänze.
Gedichte+Zeichnungen von Günter
Grass (2003, Steidl).
Besprechung von Christine
Diller aus der Münchner
Merkur, 29.8.2003:
Wenn das passiert, muss der Künstler schon sehr in Ekstase geraten sein: "Die Pfeife lag abseits, kalt", schließt das Gedicht "Gottähnlich". Neben seinen Zeilen drehen Kohlestriche ihre Pirouetten: ein tanzendes Paar, sie und er die Hüften wiegend, einander den Rücken zugekehrt, sich nur zart, aber doch unlösbar über ihren Köpfen an den Fingerspitzen haltend. Oder, an anderer Stelle, wenig elegant aneinander prallend, mit verzerrten Mienen, stierem Blick, steilem Haarschopf, schrecklich verzückt.
Ein Veitstanz, ein Zappeln und Rappeln, hässlich, komisch und rührend zugleich. Rahmen für "Tango Nocturno" und "Tango Mortale", welcher mit beschwingtem Valse-Rhythmus schließt: "Der Schmerz ist nur Maske. Wir gleiten verkleidet/ auf grenzloser Fläche, dem Tod auf den Fersen,/ uns selbst hinterdrein."Ein wahrer Schaffensrausch und eine Lebenslust, wie als dringend benötigtes Gegengift zum schwermütigen Untergangsthema, müssen Grass erfasst haben, dass sogar die Worte wieder nur so aus ihm flossen und mal mit schönen Verdichtungen, tiefen Einsichten oder eher schlichten, aber lebensfrohen Betrachtungen Seite um Seite voll wirbelten.
Es ist wohlgemerkt vorrätiger, alt riechender Ton, den Grass verwendet und der sich zur Substanz auch seiner Verse verfeinert. Denn das Altern klingt immer wieder an, die Belustigung über das eigene Vergreisen: "Liebste, nur wenige Takte,/ bevor du mich und dich -/ wie immer um diese Zeit -/ mit Tabletten versorgst: einzelne/ und gezählte."
Umso stärker lässt der Tänzer-Dichter den
Kontrast gellen, die riesige, unstillbare Lust. Man ahnt es: Wo der Tanz in die
Ekstase mündet, ist die Erotik nicht mehr weit.
Gut ein Drittel der dynamisch gezeichneten Blätter zeigt sich liebende Paare -
nicht melancholisch schwarz wie die Tanzbilder gezeichnet, sondern in
satt-erdiger Sepia. Ein Fest der Sinne, Bild für Bild, in ihrem allzu
ernsthaften Überschwang fast schon lächerlich, wäre da nicht diese
Selbstironie: diese ehrgeizig verrenkten, fürchterlich angestrengten, ulkig
staunenden Figürchen. "Zuerst klirrten die Gläser,/ dann zweistimmig
wir,/ doch nichts ging in Scherben."
Am schönsten aber gerät Grass der ganz spezielle Blues seiner Liebenden - sie
betrachten die Welt auf dem Kopf stehend: "Drum bitt um Nachsicht ich, wenn
meine Kopfständ gleichen/ letztendlich einem Fragezeichen." Und am
gelungensten die Gedichte dort, wo der Autor sich eben nicht zu ihrer Erzeugung
auf den Kopf und seine dichterische Potenz so dringend unter Beweis stellen
muss. Sondern wo sie ganz lapidar daherkommen, wie der "Tanz der
Kakteen": "Fällt ein Arm, wurzelt er blindlings,/ treibt später
Glieder,/ geübt in Ekstase."
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Leseprobe I Buchbestellung 1203 LYRIKwelt © Münchner Merkur
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3.)
Letzte
Tänze.
Gedichte+Zeichnungen von Günter
Grass (2003, Steidl).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ, 1.9.2003:
Tango fatale mit
Ausfallschritt
"Letzte
Tänze": Nobelpreisträger Günter Grass legt ein neues Buch mit Gedichten
und Zeichnungen vor.
Es war im vergangenen Jahrhundert, dass Menschen im Gefolge eines Philosophen aus Trier wirklich noch glaubten, "die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zwingen" zu können. Und wie Marx glaubten viele auch, dass man besagten Verhältnissen nur "ihre eigene Melodie vorsingen" müsse, und schon sei die Revolution quasipraktisch gar nicht mehr aufzuhalten. Dass Günter Grass derlei Versuche unternommen hat, ist eine Weile her; beim letzten Mal war's ein kleiner Blechtrommler, der mit einer bösen Melodie aus Charleston, HJ-Marsch und Jazz die junge Republik auf ihrem Schleichweg ins Vergessen aus dem Takt brachte. Aber schon mit dem "Tagebuch einer Schnecke" legte er sich ein Wappentier zu, das so froh über jedes bisschen Fortschritt sein musste. Da war die Sache mit dem Tanzen so gut wie vergessen. Dabei tanzt Grass selbst so gerne. Und so oft, dass etliche der schönsten Fotos den zukünftigen oder gerade ernannten Literaturnobelpreisträger bei dem zeigen, wovon andere in seinem Alter nur noch reden: beim lebensprallen, so gerade noch vom Takt gebremsten, sinnendrallen Tanzbeinschwingen. Mal mit Frau Anna, mal mit Frau Ute, mal mit Tochter - und immer mit der halben Welt im Arm.
Ein wenig genervt, aber von Tippsen erregt
Nun aber legt Grass seine "letzten Tänze" hin, Gedichte und Zeichnungen, die sinnieren und resignieren ganz nach Art alter Männer, eingebettet in versförmige Werkstattberichte aus der Töpferei, die Günter Grass auch noch betreibt - vom ewigen "Schleiertanz" der Geschichte "ein wenig genervt". Trotz alledem noch ein rhythmisierter Antikriegskommentar gegen den Bushkrieg im Irak, aber seufzend "Nach alter Melodie" überschrieben. Oder ein Bedauern über die schwarzen US-Militärs und -Minister, die wie früher "das globale Geschäft ihrer beherrschenden Bosse" besorgen: "Military Blues". Fröhlich wird's nur in Erinnerungen mit körperlichem Erregungspotenzial, und wir lesen von "Tippsen", die aus kriegsbedingtem Männermangel auch Knaben auf den Tanzboden zerrten... Gänzlich grobianisch in Wort und Bild und manchmal komisch geraten Grass seine Ausflüge in beinahe hartkernige Erotik, wo Erektionen als "ein Wunder" bestaunt und zweisame Zungenzuneigungen mit dem Anstieg der Benzinpreise um Aufmerksamkeit konkurrieren müssen.Aber dann, kurz vor Schluss, ein schönes Gedicht von der Sehnsucht nach dem Ausfallschritt, wenn's schon mit dem Tanzen verhältnismäßig schwer wird: "Sah einen Schwan / auf schwarzem Tümpel. / Nicht er, ich erschrak. / Zuviel Schönheit mit Gleichmut gepaart. / Hielt das nicht aus. Ging. / (...) Ach stünde die Welt doch Kopf! / Vielleicht fiele ihr was / aus der Tasche. / Der Schlüssel, zum Beispiel, / passend für einen Ausweg." (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0903 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung