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Letzter
Wunsch.
Roman von Vladimir
Vertlib (2003, Deuticke).
Besprechung von Michael Wuliger aus Jüdische
Allgemeine:
Wie in einem Spiegel
„Letzter Wunsch“: Vladimir Vertlibs deutsch-jüdischer
Gegenwartsroman
„J’he scholom rabbo min schemajo“: „Es komme hoher Friede vom Himmel“.
Der Friede, den Gabriel Salzinger im Kaddisch beim Begräbnis seines Vaters
Daniel herbeifleht, wird jäh gestört, als die Sekretärin der Jüdischen
Gemeinde von Gigricht auf den Friedhof gerannt kommt, um die Zeremonie zu
unterbrechen. Der Verstorbene, hat sie gerade anhand alter Akten herausgefunden,
war nämlich kein richtiger Jude, jedenfalls nicht nach den Kriterien der
Gigrichter Gemeinde. Daniel Salzingers Mutter, eine geborene Christin, war zwar
1933 aus Solidarität mit ihrem jüdischen Mann mit ihrem damals dreijährigen
Sohn zum Judentum übergetreten. Doch diese Konversion hatte ein liberaler
Rabbiner vorgenommen – und liberale Konversionen werden in Gigricht nicht
anerkannt: „Wir sind eine toratreue Gemeinde!“
Die Geschichte, die Vladimir Vertlib in seinem Roman Letzter Wunsch erzählt,
mutet an wie eine Posse. Ein schlechterer Autor hätte sie wahrscheinlich auch
dazu gemacht. Doch Vertlib ist kein Possenreißer, sondern ein wunderbar genauer
Beobachter. Um das verhinderte Begräbnis herum zeichnet er ein wirklichkeitsgetreues trauriges Bild des deutsch-jüdischen
Gegenwartslebens. Da ist der polnischstämmige Schoaüberlebende mit seiner
fleckigen Haut und dem schlechtsitzenden Anzug, der einer deutschen Schulklasse
die Synagoge zeigen und das Judentum erklären soll und an seinen jungen Zuhörern
vorbeiredet; der Gemeindevorsitzende, so gefangen in der Angst vor
Antisemitismus, daß er die Realität nur noch paranoid erfassen kann; der aus
den USA importierte orthodoxe Rabbiner, der sich angesichts der glaubensfremden
GUS-Zuwanderer fühlt wie ein christlicher Missionar bei den Wilden; der
Clubraum der Gemeinde mit der Atmosphäre einer Bahnhofswartehalle –nur kommt
kein Zug, der die Gigrichter Juden an ein Ziel bringt. Nach der Wirklichkeit
gezeichnet ist auch der philosemitische Zeitungsredakteur, der Salzingers Begräbnisgeschichte
nicht publik machen will: „Euer Rabbiner mag ein Fundamentalist und euer Präsident
ein Trottel sein, aber es ist nicht die Aufgabe und das Recht von uns Deutschen,
euch den Spiegel vorzuhalten!“ Nicht zu vergessen der alltägliche, „nicht bös’
gemeinte“ Antisemitismus, den der Ich-Erzähler in einer Call-In-Sendung des
Lokalradios erlebt: „I hob nix gegen Juden. I kenn ja net amol an oanzigen.
Aber die Israelis san net besser als die Nazis. Und wenn oaner so eitel und überheblich
ist wie der Friedman ...“
Gabriel Salzinger klemmt zwischen Baum und Borke. Der engstirnig orthodoxen
Gemeinde fühlt er, der Agnostiker, sich nicht zugehörig. Als deutschen Juden
verbindet ihn mit den dort dominierenden Osteuropäern auch kulturell nichts. In
Israel möchte er nicht leben. Doch weil die deutsche Umwelt ihn, ganz im
Sartreschen Sinn, als Juden wahrnimmt, zwingt sie ihn in Solidaritätsaffekte,
die er weder will noch eigentlich empfindet.
Vladimir Vertlib wurde 1966 in Leningrad geboren, ging als Kind mit seinen
Eltern nach Israel, übersiedelte von dort nach Österreich. Er ist also kein
deutscher Jude. Dennoch (oder deshalb?) ihm ist mit Letzter Wunsch gelungen, was
bisher so oft vergeblich eingefordert und gelegentlich versucht wurde: Ein
realistischer deutsch-jüdischer Gegenwartsroman. Kaum ein Buch bisher hat das jüdische
Leben in Deutschland heute atmosphärisch so genau erfaßt wie dieses. Immer
wieder ertappt man sich beim Lesen dabei, daß man denkt: Ja, so ist es, genau
so. Déjà vu wohin man schaut. Jüdische Gemeinden wie die im fiktiven
Gingricht gibt es in der Wirklichkeit mehr als genug, mit ihrer Kleingeistigkeit
und paranoiden Enge. Vertlib schreibt, wie es ist. Daß er dabei ohne Mätzchen
auskommt, ohne die krampfhaften Überzeichnungen eines Rafael Seligmann 0der die
sexuellen Obsessionen eines Maxim
Biller, ist ein Grund mehr, dieses Buch zu
lesen.
[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]
Leseprobe I Buchbestellung 1203 LYRIKwelt © Jüdische Wochenzeitung
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2.)
Letzter
Wunsch.
Roman von Vladimir
Vertlib (2003, Deuticke).
Besprechung von Gerhard Zeilinger aus Rezensionen-online
*LuK*:
Kann Tradition bloß Borniertheit
sein?
Vladimir Vertlibs Roman "Letzter
Wunsch"
Während der nationalsozialistischen Herrschaft hat es für viele die unliebsame und oft folgenschwere Überraschung gegeben, daß im Zuge der Erstellung des sogenannten Ariernachweises plötzlich ein jüdischer Großelternteil zutage getreten ist. In Vladimir Vertlibs Roman mehr als sechzig Jahre später ist es genau umgekehrt. Da will jemand seinen Vater auf dem jüdischen Friedhof einer deutschen Kleinstadt beerdigen lassen und wird plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, daß es da eine christliche Großmutter gegeben hat. Und da nach jüdischem Verständnis nur Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde, ist der verstorbene Herr Salzinger auf einmal mit dem Makel behaftet, nicht dazuzugehören. Zwar ist Herrn Salzingers Mutter rechtzeitig zum Judentum übergetreten und hat ihr Leben als Jüdin in Israel beschlossen, doch wie sich im Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde von Gigricht nun einmal nachweisen läßt, hat der Rabbiner, der damals die Übertrittsbescheinigung ausgestellt hatte, dem Reformjudentum angehört, und das heißt, im eigentlichen, im orthodoxen Sinne war der Übertritt ungültig.
Dieses scheinbar kleine Detail in der Vorgeschichte hat eine fatale Wirkung, es veranlaßt alles, was in diesem Roman geschieht, ja, es ist Ursache, Thema und Konflikt dieses selbst. Nun ist jeder Anlaß ein legitimer, und je früher man mit ihm konfrontiert wird, umso eher darf der Leser fragen, wohin ihn der Autor führen will. Denn Vertlib erzählt uns hier nicht nur eine individuelle Geschichte, die einer prekären Vater-Sohn-Beziehung, die wenigstens im nachhinein ihre Erfüllung finden soll. Es wird nicht nur ein innerjüdischer Konflikt problematisiert zwischen orthodoxen und Reformjuden. Jüdische Geschichte über drei Generationen, welche Vorkriegs-, Nazi- und Nachkriegsdeutschland ebenso umfaßt wie die Emigrationszeit in Palästina, wird exemplarisch abgehandelt, mit der deutschen Geschichte kurzgeschlossen und als chronikaler Subtext mitgeliefert. Vor allem geht es um Identitäten, im mehrfachen Sinn, und wenn das Anliegen und Problematik des Romans sind, dann ist er ein zweifellos wichtiges, ein gelungenes und ein verdienstvolles Projekt, auch wenn Vertlib hier etwas, was die gesamte Gesellschaft angehen sollte, vorweg zu einem Randthema fokussiert, noch dazu auf die Gefahr hin, die Einschätzung von etwas "Exotischem" zu evozieren, dem man heute erst recht distanziert und fremd gegenübersteht, als dürfte man sich eine Meinung zu einem genuin jüdischen Problem nicht weiter erlauben.
Ob es der Autor auf eine solche verbetene Einmischung von außen angelegt hat, um mit dem Leser in einen kritischen Diskurs zu treten, weiß ich nicht, ich registriere nur: die nichtjüdischen Figuren in diesem Roman haben ein ziemliches Problem damit, sie halten sich zurück, reagieren, wenn überhaupt, überwiegend verstört und allemal befangen. Wie muß es dann erst den (fast ausschließlich nichtjüdischen) Lesern ergehen? Aber kehren wir zum Ausgangspunkt zurück. Da ist Herr Salzinger, der als Kind erlebt, wie sein Vater gedemütigt, betrogen und von der Gestapo aus der Wohnung geholt wird, der mit seiner Mutter schließlich nach Palästina flüchten kann, dort mitansehen muß, mit wieviel Gewalt und Blut der Staat Israel errichtet wird, der schließlich nach Deutschland zurückkehrt, über eine bescheidene Existenz nie hinauskommt und mit der Zeit zum Misanthropen, zum Zyniker wird, der sich stets "in Opposition zur Welt gesehen" hat. Kurz vor seinem Tod äußert er seinen letzten Wunsch: auf dem jüdischen Friedhof in Gigricht neben seiner Frau beerdigt zu werden. Mit Religion hat das zwar nichts zu tun, vielleicht auch nicht einmal etwas mit Tradition, aber Gabriel Salzinger, der einzige Sohn, ist bereit, diesen Wunsch zu respektieren. Das Kaddisch ist schon gesprochen, die Erde schon auf den Sarg geworfen, als die Totengräber auf Anordnung des Kantors den Sarg wieder nach oben ziehen. "Es tut mir Leid, Herr Salzinger, aber es gibt ein Problem", wird dem außer sich geratenen Sohn mitgeteilt. "Ihre Großmutter ist für uns offiziell immer noch Nichtjüdin, und somit ist auch ihr Vater kein Jude. Wir können leider keinen Juden auf einem jüdischen Friedhof eine letzte Ruhestätte zur Verfügung stellen. So sind die Regeln." Und später wird Gabriel noch hören, daß es "nichts Wichtigeres auf Erden als das Gesetz" gebe, das Gesetz wäre alles.
Nun mag dem Leser in den Sinn kommen, ob die jüdischen orthodoxen Gesetze, solcherart angewandt, nicht ein Pendant zu den Nürnberger Rassegesetzen sind, und man beobachtet neugierig, wie Gabriel, der betroffene Sohn, damit umgeht. Er sucht Rat bei seinen nichtjüdischen Freunden, er erlebt die kleine private Welt des Rabbiners, der ihm etwas zu erklären versucht, wofür Gabriel kein Verständnis hat, er geht schließlich, und das schafft erst recht Mißverständnisse, mit der heiklen Angelegenheit an die Öffentlichkeit und er läßt sich am Ende auf einen faulen Kompromiß ein, den es noch zu korrigieren gilt. Wie Vertlib die Reaktionen des Betroffenen, aller Betroffenen zeichnet, wie er die Kleinbürgerlichkeit der orthodoxen Rabbinersfamilie wiedergibt und das falsch verstandene Interesse einer Öffentlichkeit karikiert, die das alles gar nichts angeht, ist großartige Literatur. Auch das Portrait, das er von Gabriel Salzinger, dem einzigen Sohn, entwirft, seine Orientierungslosigkeit, die die Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation ist, zeugt nicht nur von großem literarischem Können, sondern auch von einer reifen Erfahrung, von einem präzisen Studium des Milieus. Hier stimmt einfach alles, ob das die kurze blutige Episode im israelischen Kibbuz ist oder das soziale Umfeld, in dem Gabriels Vater in einer erneut antisemitischen Gesellschaft im Nachkriegsdeutschland voller Distanzen und loser Bindungen lebt. Es ist erstaunlich, wie ein Autor, der Jahrgang 1966 ist, - unabhängig von der eigenen jüdischen Herkunft - derart authentisch von diesen Dingen zu erzählen versteht. Authentisch ist Vertlib auch im Tonfall, der stets sachlich und lakonisch bleibt. "Manchmal berichtete Vater von Ereignissen, die andere verschwiegen hätten. […] Er zeigte mir ein Stück Seife, das er ein paar Jahre nach dem Krieg auf dem Markt gekauft hatte - der Verkäufer habe sie als ›echte Judenseife‹ bezeichnet -, und meinte, dies sei vielleicht das Fett meines Großvaters." Schonungslos gewiß, nämlich um der Wahrheit willen, die weder Sentiment noch Pathos braucht. Genau auf dieses Mittel versteht sich der Autor, auf einfaches Erzählen und Zitieren - kaum ein anderer in der österreichischen Gegenwartsliteratur beherrscht die Technik des Dialoges so überzeugend, vor allem daraus bezieht Vertlibs Gestaltung ihre eigentliche Kraft.
Dennoch habe ich mit diesem Roman ein Problem, und das beginnt mit der Frage, ob mich diese Geschichte überhaupt interessieren muß. Zweifellos, sie hat mich interessiert! Aber wirkt sie nicht allzu sehr erfunden, auch wenn ihre Folie noch so realistisch gearbeitet ist? Manchmal weiß man nicht, worauf Vertlib eigentlich hinaus will - auf eine deutsche Provinzposse, auf religiöse Borniertheit oder gar zu zeigen, wie kleinbürgerlich auch die vermeintlich weltläufige jüdische Gesellschaft in Mitteleuropa sein kann, wenn es ans "Eingemachte" geht? Nur, was ist dieses Eingemachte, es wird in diesem Roman so wenig definiert wie problematisiert, dabei sollte doch das - wenn meine Lektüre nicht fehlgegangen ist - das eigentliche Thema dieses Romans sein. Er will, so bekundet es Gabriel Salzinger im Studio des Gigrichter Lokalradios, "auf die Gefahr des Fundamentalismus und der Intoleranz aufmerksam machen" und provoziert damit die Frage, ob Juden Rassisten sein können. Es ist aber nie klar, ob der Roman diese Frage zuläßt.
Wenn Vertlib mit seiner Geschichte allerdings eine Perspektive entwerfen will, dann wird man als Leser besorgt sein müssen. Alles was von der jüdischen Welt in Deutschland übriggeblieben ist, ist eine in den Augen der Öffentlichkeit wohl kleinkarierte Gesetzesauslegung, die so wenig zukunftsweisend scheint wie die Figur des Gabriel Salzinger: der einzige Sohn ist unfruchtbar, mit ihm endet der Stamm, eine Katastrophe in der jüdischen Tradition. Daß Vertlib daher auch dem Sohn eine Geschichte, eine Vorgeschichte zu geben versucht, ist nur allzu richtig. Sie führt uns ins Wiener Studentenmilieu, in eine gescheiterte Ehe, die sich ganz in das Bild des Sohnes fügt, der uns als distanzierter, in mancher Hinsicht gleichgültiger Mensch begegnet, der Gefühle kaum äußert und am Sinn des Lebens natürlich vorbeizugehen hat. Die Rückblenden haben nicht nur ihren Platz - die Schilderungen des Ehelebens bis zur urologischen Untersuchung -, sie beleuchten schließlich die Bedeutung des Sohnes im Judentum und benennen das Defizit, andererseits dokumentieren sie die Befangenheit im Umgang zwischen Juden und Nichtjuden, auch die merkwürdige Scham der Opfer: "Fremden gegenüber erwähnte ich meine ermordeten Großeltern selten, denn die meisten reagierten darauf so, als erzählte ich etwas Unanständiges."
Natürlich ist da noch viel mehr in dem Buch, hier werden viele und vielschichtige Geschichten erzählt, und das macht diesen Roman auch so lesenswert. Auch wie gültig Vertlib uns eine engstirnige Welt vorführt, in der doch alles begründet liegt, was wir kulturelle Errungenschaft nennen. Daher: Kann Tradition wirklich bloß Borniertheit sein? Wie ist es mit dem Respekt vor der Tradition? Diese Frage, erst recht ihre Lösung, bleibt uns der Text schuldig. Und daß das so ist, hat mit einem völlig unangemessenen Ende zu tun. Denn am Ende - ich weiß, dieses verrät man nicht - wird der Vater, der schließlich in nichtjüdischer Erde beigesetzt wurde, in einer nächtlichen Aktion wieder ausgegraben. Wer nun meint, daß ihn der Sohn mit Hilfe eines Freundes heimlich dort beerdigen würde, wo sich der Vater begraben zu werden gewünscht hatte, irrt. In derselben Nacht wird der Sarg über die Grenze nach Holland gebracht und schließlich im Meer versenkt. Was der Sinn dieser Aktion sein soll, bleibt völlig unverständlich, erst recht, weil sich der Autor damit alle Glaubwürdigkeit nimmt.
Vertlib baut eine vielversprechende Romanhandlung auf, konstruiert und problematisiert - lange Zeit überzeugend - einen diffizilen Konflikt, um ihn am Ende in einem "narrativen Event", für das es gar keine Notwendigkeit gibt, ziemlich ratlos aufzulösen. Ich halte dieses Ende für verfehlt, und von einem falschen Ende her, pardon, erscheint letztlich immer alles fragwürdig.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]
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