1.)
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Letzte Nacht
in Twisted River.
Roman von John Irvng (2010,
Diogenes
- Übertragung Hans M.
Herzog).
Besprechung von Ulrich Schilling-Strack in der WAZ
vom 18.5.2010:
In einem guten Buch von John Irving, und alle Bücher von John Irving sind gut!, kommen vor: Ein Schriftsteller als Hauptfigur. Amputationen diverser Körperteile, meist schmerzhaft. Sexuelle Einführungskurse, farbig illustriert und vermittelt durch ältere Frauen. Privatschulen in Neu-England sowie diverse Ringer und Bären. Wer nun denkt, aus solch kantigen Klischees kann keine Literatur entstehen, liegt falsch. Natürlich ist es möglich. Auch der zwölfte Roman des 67-jährigen Amerikaners ist ein Meisterwerk praller Erzählkunst, vielschichtig, herzzerreißend, durch die epische Fülle der Handlung an englische Autoren des 19. Jahrhunderts wie Charles Dickens oder Thomas Hardy erinnernd.
Wie seine Bücher entstehen, enthüllt Irving bei jeder Gelegenheit. Er beginne einen Roman erst, wenn er den letzten Satz zu Papier gebracht habe, heißt es da. Die Reise vom letzten Satz zurück zum ersten Satz dauert lange, manchmal fast zwei Jahre. Dennoch wird der letzte Satz in diesem Prozess nie mehr verändert, bleibt in Stein gemeißelt bis aufs Komma. Im neuen Buch hat Irving nicht einmal der Versuchung widerstehen können, die allerletzten Worte zum Titel zu machen. Auch deshalb erinnert die „Letzte Nacht in Twisted River“ ein wenig an die Geschichten, die man als Kind mit roten Backen verschlang, die einen Spannungsbogen besitzen, der mächtig und weit ist und dennoch nie zerfällt.
Natürlich gibt es Lehren in Irvings Büchern. Etwa: Das Leben ist voller Unfälle. Genieße deshalb die Zeit mit denen, die du liebst. An Unfällen mangelt es denn auch nicht in Twisted River, einem Holzfäller-Camp im New Hampshire der Fünfziger. Gleich im ersten Absatz stirbt Angel Pope, der junge Kanadier, der beim Flößen den Halt verliert und ertrinkt, während sich die Baumstämme „wie ein Teppich“ über ihm schließen.
Der Koch Dominic Baciagalupo, der mit seinem zwölfjährigen Sohn in Twisted River lebt, hat zu diesem Zeitpunkt bereits seine Frau verloren, ebenfalls an den wilden Fluss, und kurz darauf tötet der Junge die Geliebte seines Vaters. Mit einer Bratpfanne, weil er sie mit einem Bären verwechselt, was ebenso tragisch wie komisch ist. Es folgen eine Flucht, die sich über mehr als 700 Seiten und ein halbes Jahrhundert erstreckt, die Anschläge vom 11. September inklusive – sowie Menschen, Menschen, Menschen, die auch abseits des wilden Flusses von Baumstamm zu Baumstamm springen, oft ausrutschen, sich verzweifelt festklammern, sich zu retten versuchen, und deren Geschichte wir auch deshalb intensiv verfolgen, weil wir nicht nur über ihr Innenleben, sondern auch ihren Alltag viel erfahren.
Seine Recherche nimmt John Irving nämlich ernst. Am Ende wissen wir alles über das Fällen eines Baums und die Zubereitung einer Lasagne. Am Ende wissen wir auch wie immer viel über Irving selbst. Danny Baciagalupo, der Sohn des Kochs von Twisted River, wurde schließlich im selben Jahr wie Irving geboren, besucht sogar den „Iowa Writer’s Workshop“, wie Irving, hat dort den bekannten Autor Kurt Vonnegut als Lehrer, wie Irving – und dennoch beteuert John Irving, dass Danny Baciagalupo lediglich die biographischen Daten mit ihm teilt: „Sein Leben hat nichts mit dem zu tun, was mir im Leben zugestoßen ist, aber es hat alles, wovor ich mich fürchte!“ Und weil Irving so ein großer Erzähler ist, tauchen wir gern mit ihm tief in seine Ängste hinab und wundern uns nicht, dass Holzfäller und Köche offenbar ihre Tage mit furchtbaren Gemetzeln und absurden Peinlichkeiten füllen.
Im vorletzten Buch, das „Bis ich Dich finde“ heißt und natürlich ebenfalls von Verlust und Gewalt, schüchternen Männern und starken Frauen bevölkert wird, stand übrigens der Sohn eines Organisten und einer Tätowiererin im Mittelpunkt, der als Hollywood-Star einen Oscar bekommt. Völlig unglaubwürdig, sagen Sie? Völlig normal, sagt John Irving. So ist das Leben.
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2.)
Letzte Nacht
in Twisted River.
Roman von John Irvng (2010,
Diogenes - Übertragung
Hans M. Herzog).
Besprechung von Peter Pisa aus Kurier, Wien vom 23.5.2010:
Heiliger Dünnschiss! (Das
darf man sagen, das muss man sagen, weil ein großer Teil, der beste noch dazu,
1954 in einem Flößer- und Holzfällerlager spielt, und da zeugt ein solcher
Aufschrei geradezu von Manieren.)
Heiliger Dünnschiss, ist "Letzte Nacht in Twisted River " ein feines Buch
geworden! Man kann freilich auch schimpfen und sich ärgern. Denn John Irvings
zwölfter, dicker Roman lädt dazu ein, Seiten zu überblättern. Der 68-jährige
Amerikaner ist ja ein begnadeter und gnadenloser Schwafler.
Ein Beispiel: Da geht eine Frau - die Gründe mögen uns im Moment egal sein-
NICHT in die Nähe der Old North Church. Macht nichts. Aber was macht Irving? Er
erzählt trotzdem, dass der Kirchturm 1912 restauriert wurde; dass es eine
Episkopalkirche ist; und dass im Schrein aus Glas Ziegelsteine aus einer
englischen Gefängniszelle verwahrt werden, in der Pilgerväter eingesperrt waren.
Spinnt er?
Er sorgt nur, indem er genüsslich vom Gas steigt, für
Heißhunger auf die Fortsetzung der Geschichte, die zu seinen allerbesten gehört.
Wenn er auch neugierig in alle amerikanischen Nebengassen schaut - auf die
Hauptstraße, die uns durch fast fünf Jahrzehnte führt, vergisst er nie. Als
Leser steht, sitzt, liegt man vor einer komplexen Konstruktion, die den einen
Sinn hat: Dass man alle möglichen Gefühle kriegt. 20 Jahre hatte der
Bestsellerautor die Handlung in groben Zügen im Kopf.
Aber - er spinnt ja doch ein bisschen - er kann erst mit dem Schreiben beginnen,
wenn er den letzten Satz hat. Er schreibt von hinten nach vorn. Wahrscheinlich
lässt sich "Twisted River" sogar gut von hinten nach vorn lesen. Jedenfalls kam
ihm der letzte Satz reichlich spät, während eines Arztbesuchs.
Eine Bratpfanne verändert die Welt
Welche Geschichte hat er diesmal? Sagen wir so: Wenn eine
140 Kilo schwere Frau ihr langes Haar immer zum Zopf gebunden hat und dann,
eines Nachts, das Haar offen trägt - da kann man sie durchaus mit einem Bären
verwechseln.
Jedenfalls wird sie vom zwölfjährigen Danny mit der eisernen Bratpfanne seines
Vaters erschlagen.
Indianer-Jane war sehr lieb. Eine Schweinerei, dass Irving sie rasch ins
Jenseits befördert. Aber so muss es sein, denn seine Welt ist voller Unfälle.
Weil er gegen eigene Verlustängste ankämpft. Vater Dominic Baciagalupo ist Koch
bei den Holzfällern in New Hampshire. Seine Frau, die offiziell auch mit der
heimlichen Roman-Hauptfigur, dem Holzfäller Ketchum, Sex hatte, ist ertrunken.
Namenswechsel
Jetzt ist Vater Alleinerzieher und 30. Die "Bärige" war
seine Tellerwäscherin. Und nachts hat sie ihn geritten. Deshalb sah der aus dem
Schlaf geweckte, in Papas Zimmer laufende Danny sie nur von hinten. Vater und
Sohn müssen flüchten. Schon deshalb, weil Indianer-Jane die Lebensgefährtin des
brutalen Ortspolizisten war.
Die Baciagalupos ändern ihre Namen, sie wechseln die Wohnsitze, aber der
"Cowboy" verfolgt sie durch Amerika, Kanada - und findet sie. Dann ist Vater 76
(und der einst kleine Danny an die 60): "Wieso hat das so lange gedauert, du
Vollidiot?" 46 Jahre dauert die Odyssee, in denen der Sohn selbst einen Sohn
bekommt und ein berühmter Schriftsteller wird - der "Letzte Nacht in Twisted
River" schreibt. Anfangs beschützt der Ältere den Jungen, später der nicht mehr
ganz Junge den Alten.
Eine Wunschvorstellung, bei der man seufzen kann. Wohlig und traurig. Genau das
macht die Bücher Irvings unverzichtbar.
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