Letzte Liebe.
Roman von Christian Gailly (2005, Berlin Verlag - Übertragung Doris Heinemann).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 9.08.2005:

Die Adagios bleiben
Ein Buch voller rhythmisierter Sätze, eine Sprache voller Musikalität. Christian Gaillys "Letzte Liebe" kommt ohne Pathos aus.

Unerkannt sitzt Paul Cédrat im Parkett des Konzertsaals in Zürich. Beim Abschlusskonzert des 25. Streichquartett-Festivals geht es hemdsärmelig zu, denn es ist der heiße Sommer des Jahres 1987. Zunächst wird die alte klassische Perfektion zelebriert und Haydn gespielt, weil das immer gut läuft. Man will nicht hören, dass in den 200 Jahren seither Musiktheorie und Welt explodiert sind. Nicht an so einem Abend, wo ein vornehmlich junges Publikum keine Lust auf Neues hat. Das wird Cédrat im Fortgang der Ereignisse aus dem Saal treiben, denn er ist der Komponist des zweiten Stücks: sechs Sätze, lauter Adagios. Man wird sie nicht zu Ende spielen, weil aus Lust auf Freude und Leben ein Tumult ausbrechen wird.

Melancholie der Endzeitstimmung

Paul Cédrat ist ein großer, schlanker, eleganter Mann. Sein Wissen, dass von den großen Komponisten der Moderne vor allem die Adagios bleiben, hilft ihm nicht. Er hat keine Zeit mehr, denn er ist krank, wartet auf den Tod. Also steht er neben den dramatisch überdrehten Leuten und wird sich später zum Einschlafen im internationalen Grandhotel noch einmal seine Partitur vorsingen. Vorher hat er seine Frau angerufen, damit sie das Landhaus verlassen haben wird, wenn er vom Meer her den Tod kommen lassen will.

Was er nicht weiß: Ein letztes Mal noch wird ihm dort die Liebe begegnen. Am äußersten Rand und weit neben dem auf Sand gebauten Körperkult trifft er auf die Schönheit von Deborah Nardis, die mehr ist als nur hübsch. In die Melancholie der Endzeitstimmung hinein ist sie auf ihn zugegangen. Es ist zu spät im Leben des Paul Cédrat. Für ein letztes tiefes Verstehen des Großen ist gerade noch Zeit. Und plötzlich ist sein Leben wie eine neue Musik.

Tatsächlich wird man in der aktuellen Literatur schwer einen Autor finden, dessen Sprache so voller Musikalität ist, wie die des Franzosen Christian Gailly. Sein Personal hat er teilweise aus seinem vorigen Roman übernommen. Auch der handelte davon, wie einer seine Würde bewahrt, indem er sich noch einmal für Neues öffnet.

Gailly (Jahrgang 43) war Jazzsaxophonist und danach Psychoanalytiker. Er weiß von den ganz großen Themen Liebe, Angst, Existenz, Tod und Kunst zu erzählen in extrem rhythmisierten Sätzen, aus denen jede Schlacke weggeschlagen ist. Unbeflissen tut er das und an keiner Stelle pathetisch. Vielmehr hebt er seine kleine tragische Sommergeschichte mit sanften Steigerungen, leiser Ironie und atmosphärischer Dichte empor zu einem großen Gleichnis für mehr. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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