Letzte Grüße von Walter Kempowski, 2003, KnausLetzte Grüße.
Roman von Walter Kempowski (2003, Knaus).
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 8.10.2003:

Man spricht nicht Deutsch
In Kempowskis Roman "Letzte Grüße" prallen Kulturen aufeinander.

Während Alexander von Europa aus in die Neue Welt gerissen wurde, über die vom Wasser nivellierten Abgründe des Meeresbodens und die unterseeischen Gebirge hinweg, ganz ohne Bugwelle und Heckgeschäume, bog er wiederum die Finger ein und vergewisserte sich der Anzahl der Bücher, die er geschrieben hatte..." Besseres kann Alexander Sowtschick jetzt nicht tun, fast 70-jähriger Schriftsteller auf dem Flug zu den "Deutschen Wochen" in Amerika. Aber dann gerät er doch auf assoziativen Kurvenflug durch seine Erinnerungen, an Frau Marianne, an die letzte Arztvisite, ans Testament und an seinen Verleger, der ihm wegen eines Buchmanuskripts im Nacken sitzt: "Karneval über Lethe". Wir werden nie erfahren, was der mögliche Inhalt des Buches sein könnte. Wichtiger ist, vor allem für Sowtschick, dass der Verleger ihn in lezter Minute "upgegradet" hat: Er fliegt Erster Klasse.

Detailversessene Beobachtungsgabe

Nach den großartigen Echolot-Projekten legt Walter Kempowski wieder einen Roman vor: "Letzte Grüße". Nichts ist verloren von der detailversessenen Beobachtungsgabe, vom Witz im Erzählen des Banalen, von der Listigkeit, mit der er in Denk- und Redeweise seiner Figuren Klischees und Platitüden einbaut, von denen einst kluge Kritiker meinten, es seien Kempowskis, wo es doch unser aller Platitüden sind.

Mit diesen geschliffenen Werkzeugen geht Kempowski nun über deutschen Kulturbetrieb her, über die amerikanische Germanistik und über den American Way of Life im Allgemeinen. Vor allem aber über dieses "Tingeln" an sich, dieses strapaziöse Herumreisen: fünfundzwanzig amerikanische Orte mit deutscher Kultur beglücken, hier Seminare über die Kunst des Schreibens, dort Lesungen aus den Werken, hier Sightseeing, dort Diskussionen. Sowtschick ist nicht allein unterwegs, vor und hinter ihm sind Kollegen tourneemäßig gereiht, auch ein Sinfonieorchester hat den Flug gut überstanden, Kunstausstellungen dito. Kaum, dass man sich mal zu sehen kriegt. Aber Sowtschick reicht es ja schon, den Kollegen Schätzing immer ein paar Tage vor sich zu wissen und von den Veranstaltern zu hören, welch toller Kerl der sei, und sein Schreibstil: irgendwie ästhetisch-kristallin. Sowtschick selbst schätzt man an kaum einem amerikanischen Ort; ihm geht der Ruf eines Konservativen voraus, Schätzing mit seiner halben DDR-Vergangenheit ist aufregender.

Zwischen New York und San Francisco lässt Walter Kempowski den Zusammenprall der Kulturen an Sowtschick virulent werden. Zum einen sind diese Deutschen Wochen den Gastgebern gar nicht so wichtig, zumal kaum jemand Deutsch spricht, und wenn dann ist es meist ein Späteinwanderer. Zum anderen interessieren sich unseres tragikomischen Helden Gesprächspartner nie für seine Bücher, aber immer dafür, ob er in der SS war. Schließlich (das Buch spielt 1989) trifft er auf eine weit verbreitete Vorliebe für Schriftsteller aus der DDR; die treten bescheiden auf, bringen Bildbände aus Dresden mit und sind irgendwie anders deutsch, also besser. Hin und wieder denkt der Leser, der mal ein paar Wochen in den USA war und nie nach der SS gefragt wurde, dass der Autor die satirische Lizenz heftig ausnutzt. Aber Sowtschick ist nicht ohne und grübelt, wie er wohl mal einen US-Bomberpiloten treffen könne und ihn fragen, wie das war beim Bombardieren barocker Städte.

Eckig, kantig, stachelig

Ein Buch mit Ecken, Kanten und Stacheln. Und ein Buch mit hinreißenden Geschichten, wobei der Leser sicher sein darf, dass jene der Wahrheit ganz nahe kommen, die am unwahrscheinlichsten klingen. Die vom Goethe-Experten etwa, der sich als Spezialist für Goethes Wolkenschilderungen erweist und stundenlang Wolkenvideos vorführt mit Goethe-Texten dazu. Oder die von der Verlassenheit des Autors Sowtschick, der nach einem Vortrag in der berühmten Yale-Universität im Gästehaus steht, ohne einen Happen zu Essen und ohne Klo. Und mit schlechtem Gewissen, hat er doch "Yale" ausgesprochen wie "Jail". Aber ein Gefängnis ist weder die efeubewachsene Hochschule noch Amerika insgesamt, eher ein Ort großer Unsicherheiten, an dem die Sehnsucht nach der Geborgenheit im heimischen Norddeutschland wächst. Ach, wenns doch gut ausgehen wollte...

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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