Letzte Gedichte von Ernst Jandl, 2001, LuchterhandLetzte Gedichte.
Gedichte von Ernst Jandl (2001, Luchterhand, hrsg. Klaus Siblewski).
Besprechung von Karl Riha aus der Frankfurter Rundschau, 18.9.2001:

Suche unsterbliche Seele. Zahle Höchstpreis
Aus einem Band mit Ernst Jandls jüngsten Texten sind nun die "Letzten Gedichte" geworden.

"Jandl wollte wieder Gedichte veröffentlichen", lesen wir im Klappentext, "und die Vorstellung, daß mit seinem Buch die neue Sammlung Luchterhand gestartet werden sollte, beflügelte ihn. Er unterstützte immer Bemühungen, Gedichte in preisgünstigen Ausgaben zugänglich zu machen. Aus dem geplanten Band mit neuen Gedichten ist nach seinem Tod" - am 9. Juni des vergangenen Jahres - "nun die Veröffentlichung seiner Letzten Gedichte geworden".

Der österreichische Autor wusste jedoch - schon seit Jahren - um seinen schlechten Gesundheitszustand, und so spielt in seine jüngsten Gedichte, die durch den Zugriff des Todes zu seinen letzten werden sollten, fast zwangsläufig die Vorahnung des Sterbens hinein und legt eine ganze Reihe seiner Texte auf dieses Thema fest. Gleich im ersten Poem, das sich in vereinzelten Druckzeilen über mehrere Druckseiten erstreckt, lesen wir: "suche unsterbliche seele; zahle höchstpreis". Einige der einschlägigen Poemata lesen sich ganz direkt und unmittelbar als lyrischer Reflex auf die Krankheitsgeschichte: "vibramycin / ob dieses medi- / kament und al- / kohol / einander aus- / schlössen / er meine wein; / nicht un- / bedingt / sagte mit / einem jä- / hen glanz im blick / der arzt, doch sie schlös- / sen / einander nicht unbedingt ein". Andere erfassen den krankheitsgesteuerten Alltag, den Gang zum Briefkasten zum Beispiel, oder apostrophieren ganz direkt das nahende Sterben: "letzte worte / und was wirst du dann sagen? / lebt wohl, ihr lebenden ... / das heißt, wenn jemand bei mir ist / werde ich das vielleicht sagen".

Einbezogen in diese Vorahnung des Todes sind Reflexe auf das Schreiben von Gedichten - so etwa: "ein gedicht, ein einziges, kurzes gedicht / müßte doch / drin sein / an diesem tag / heute, freitag / der 22. / februar / oder wenigstens / ein paar zeilen / konservierbar / für morgen / einen besseren / tag vielleicht / oder wenigstens / ein wort / ein einziges / einzelnes / wort (...)". Es handelt sich jedoch um keine herkömmliche Ich-Lyrik, sondern, wie schon in den letzten Buchpublikationen Jandls zu beobachten war, um den Versuch, eben diese Verse, die ganz unmittelbar aus dem Erleben zu kommen scheinen, durch Ableitungen aus dem literarischen Experiment neu aufzuladen und damit einem allzu dichten Lebensnexus zu entwinden. Folgerichtig heißt es deshalb unter dem Titel "leben und schreiben": "was ich schreibe / ist nicht mein schicksal / was ich schreibe liegt außerhalb / meiner kreatürlichen existenz // mein schicksal kann davon zehren / was ich schreibe / und es kann ebenso / daran zerren // aber keine zeile wird am humbug / meines lebens verrotten / kein werk mein leben krönen".

Jeder Text dieser Sammlung hat seine eigene formale Struktur; es kommt zu keinen Reim- oder Strophenschemata, die sich gleichen - so hat man den Eindruck einer größtmöglichen Vielfalt. Verfolgt man diese Perspektive durch die Summe der insgesamt siebenundneunzig Texte, die uns hier als Letzte Gedichte gegenübertreten, registriert man diverse Formen grammatikalischer Dekomposition, serieller Wiederholungen mit Variation, Wortverfremdungen, sub- bzw. surrealistischer Dialekt-Notationen etc. Von den kürzesten Gedichten mit zwei und drei Zeilen spannt sich der Bogen zu längeren Gedichten mit oft mehreren Strophen - und gelegentlich sind sogar kleine thematische Zyklen-Bildungen zu beobachten: so etwa zu Stichworten wie "sehen und hören", "ohren" oder "katholische reminiszenzen", unter denen man auf folgende Verse stößt: "ich klebe an gott dem allmächtigen vater / schöpfer des himmels und aller verderbnis / und an seinem in diese scheiße hineingeborenen sohn / der zu sein ich selber mich wähne (...)". Der Englischlehrer, der Jandl über viele Jahre seines Lebens war, ehe er sich als Autor freisetzte, vergegenwärtigt sich in vier englischen Poems, aus denen wir unter anderem erfahren: "i still get letters asking me for readings; / i have them framed and put them on the wall". Hierher gehören auch fünf ausdrücklich als solche ausgewiesene "computergedichte", die dem Leser signalisieren, dass der Autor sozusagen bis in seine letzten Lebensstunden nach Innovationen und Neuerungen im Bereich der Literatur Ausschau gehalten hat.

Ich schließe meinen Reflex auf Jandls Letzte Gedichte mit einem Hinweis auf "wahnsinniges gedicht", das in seiner Art noch einmal über alles Gedruckte hinausweist, indem es den Horizont für das Nicht-Gesagte - für immer im Kopf des Dichters Verschlossene - und mit ihm zu Grabe Getragene öffnet. "weder durch flüstern, sprechen, schreien / heulen, tränen spritzen / noch spucken, schlucken, husten, kotzen / die nase schneuzen, in der nase bohren / ohrenausblasen, ohrenschmalz entfernen" sei es bislang aus seinem Kopf herausgekommen und je in die Form von Schrift gelangt: "es fraß ihm das gehirn auf; / wahnsinn dankt".

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