Le Tramway/Die Trambahn.
Roman von Claude Simon (2000/2002 DuMont - Übertragung Eva Moldenhauer).
Besprechung von Michael Kleeberg aus Die Welt vom 26.7.2001:

Mutter, Mythen und die halben Männer
Wie traurig: Der wunderbare und möglicherweise letzte Roman des französischen Nobelpreisträgers Claude Simon lässt Frankreich kalt

Den neuen Roman des 87-jährigen Claude Simon besorgt man sich sofort und mit einer gewissen Bangigkeit: Es könnte ja, vier Jahre nach "Le Jardin des Plantes", sein letzter sein und ein Alterswerk im schlechten Sinn, geschrieben von zitternder Hand, die die Fäden der Textorganisation durcheinander bringt, es könnte ja sein, dass ein sich trübendes Gedächtnis, Simons wichtigstes Handwerkszeug, den Text in resignierte Versöhnlichkeit dem Leben gegenüber gleiten lässt.

Diese Bangigkeit stellt sich nur ein bei einem Schriftsteller, an den man höchste Erwartungen knüpft. Denn anders als die amerikanischen Messiasse, die regelmäßig als Nonplusultra aus dem Hut gezaubert werden, hat Claude Simon die Prosa unserer Zeit mit etwas ursprünglich Europäischem vorangebracht: mit Stil. Damit meine ich die Mikrostruktur eines Textes im Gegensatz zur Makrostruktur, zu Deutsch das, was innerhalb der Sätze passiert und wie sie sich zusammenfügen, nicht nur den großen thematischen Bogen. Denn das vielbeschworene Handwerk, das an der Basis aller künstlerischen Hervorbringung liegt, beginnt mit dem motivischen Arbeiten innerhalb des Satzes, das die Periode strukturiert, rhythmisiert, ihr Klang und Sinn verleiht. Und wer durch die Schule Prousts, Thomas Manns, Musils gegangen ist, der wird weniger Ehrfurcht vor Epikern wie Pynchon haben und umso mehr vor der Prosa Simons.....Fortsetzung

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