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verboten.
Essay von Dubravka
Ugresic (2002, Suhrkamp, Übertragung Barbara Antkowiak).
Besprechung von Ernest Wichner in der Frankfurter Rundschau, 4.3.2003:
Wenn plötzlich
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Dubravka Ugrešic' Essays
über Marktliteratur und Exil
Dialektik der Aufklärung und Die
Antiquiertheit des Menschen hießen jene Bücher, die am Beginn der
deutschen Nachkriegsmoderne standen und die ihr Entstehen einem doppelten Schock
verdankten. Im amerikanischen Exil geschrieben, hatten sie den bekannten
Exilgrund ihrer Autoren ebenso zu reflektieren wie den Modernisierungsschock,
dem sich die europäischen Intellektuellen in der zweckrational funktionierenden
amerikanischen Gesellschaft ausgesetzt sahen. Die kritische Emphase dieser Werke
hat bei deutschen Intellektuellen lange nachgewirkt, wenngleich es im letzten
Jahrzehnt, da gerade aus dem Osten des größer gewordenen Landes ein Publikum für
diese Bücher hinzugewonnen worden sein sollte, merkwürdig still wurde um jene
für die frühe Bundesrepublik emblematischen Werke.
Nach dem Ende der Blockkonfrontation und während des kriegerischen Zerfalls von
Jugoslawien hat es zahlreiche Menschen, darunter auch viele Schriftsteller und
Intellektuelle, ins westeuropäische oder amerikanische Exil getrieben. Die
Schriftstellerin Dubravka Ugrešic, 1949 in Zagreb geboren, lebt heute in
Amsterdam. Ihre Differenzwahrnehmung, durch mehrere Aufenthalte in den USA geschärft,
unterscheidet sich vom "Kulturschock" eines Adorno oder Anders durch
die geringere Fallhöhe der ins Auge gefassten Phänomene. Denn dass im
literarischen Geschäft die Belanglosigkeiten wichtiger geworden sind als die Bücher,
dass Bücher Waren sind wie Putzmittel oder Schuhe, dass der blurb
wichtiger ist als das Buch selbst, all dies kann jene Erschütterungen nicht
mehr auslösen, die vor wenigen Jahrzehnten noch die europäischen Emigranten
aufwühlten und verstörten.
Auch wenn sie in der schönen neuen Bücherwelt von Albträumen heimgesucht
wird, die der Schriftstellerin ihre endgültige Entwertung vorspiegeln, zur
Emphase lässt Dubravka Ugrešic sich nicht mehr verleiten. Ihre Reaktionsweise
ist durchweg das ironische Maskenspiel.
Im ersten Teil - er ist der Literatur unter den Bedingungen der Massenkultur
gewidmet - beschreibt sie die Parameter des literarischen Erfolgs und präpariert
die Ingredienzen eines erfolgreichen Buches heraus: "realistisch,
optimistisch, fröhlich, sexy, explizit oder implizit didaktisch und für breite
Leserschichten gedacht". Wenn dann noch ein individualisiertes Gutes (der
positive Held) über das Böse siegt, halten wir den globalen Megaseller in Händen,
und die armen osteuropäischen Schriftsteller, die zu Zeiten des sozialistischen
Realismus all die Techniken zur Verfertigung solcher Machwerke beherrscht
hatten, müssen sich fragen lassen, was sie mit ihrem subversiven Kampf gegen
den sozialistischen Realismus erreicht haben. Nichts als ihre eigene Niederlage.
Denn Stephen King, von vielen Millionen Menschen auf der ganzen Welt freiwillig
gelesen, wäre heute der ideale Stalin-Preisträger. Sein literarisches Niveau hätte
jeder einigermaßen gut trainierte Sozrealist leicht erreichen können. Doch der
sozialistische Realismus ist zugrunde gegangen, und die Marktliteratur
triumphiert.
Der globale Markt hat nämlich die utopische Vorstellung der kommunistischen
Literaturfunktionäre, dass die Literatur von allen zu lesen sei, tendenziell
wahr gemacht. Auf dem Wege dorthin mussten die tradierten professionellen
Vermittlungsinstanzen zerstört oder marginalisiert werden: Akademien und Fakultäten,
die altmodischen "Arbiter elegantiarum", die kompetent urteilende
Literaturkritik, der westliche - in kleinerem Maßstab der nationale -
Wertekanon. Die neue Wertformel ist so schlicht wie erfolgreich: "Was sich
verkauft ist gut, was sich nicht verkauft ist schlecht." Was aber können
jene Schriftsteller tun, die nicht ans Verfertigen transnationaler, postkünstlerischer,
posthistorischer und posthumaner Werke denken? Sie könnten all diesem den Rücken
zukehren und darauf bauen, dass es noch Leser gibt, die mehr wissen und wissen
wollen als die Autoren, oder aber sie trösten sich mit dem Wissen, dass es auch
in der Tier- und Pflanzenwelt einzelne Arten gibt, die nicht primär an den
widrigen Umweltbedingungen, sondern wegen der Besonderheiten im Aufbau ihres
eigenen Organismus aussterben.
"Der Schriftsteller im Exil", eine Folge kurzer Texte - von der Glosse
und Anekdote bis hin zum kleinen Essay - über die Befindlichkeiten,
Wahrnehmungsweisen und Gedankenspiele des exilierten Schriftstellers, nutzt die
Beobachtungen und Analysen der Marktliteratur und ihrer medialen Präsenz, um
sie auf die mehrfache Ortlosigkeit des Exilierten anzuwenden. Weder das Exil
noch der Literaturmarkt dulden anpassungsunwillige, experimentelle oder wahrhaft
subversive Autoren / Exilanten; und kein wirklich singuläres Werk, keine ganz
und gar eigenständige Person hätten je eine Chance, unter solchen Bedingungen
wahrgenommen und respektiert zu werden.
Die angenehmeren Seiten des Exils wussten gerade während der Kriege und Bürgerkriege
in Exjugoslawien auch zahlreiche opportunistische Intellektuelle und Politiker
zu nutzen. Manch einer von ihnen ist ins zeitweilige Exil gegangen, um den ausländischen
Medien näher zu sein, um Kommentare und Statements abzugeben und persönlich
davon zu profitieren. Sie verbrachten den Winter im Exil und den Sommer in ihren
Häusern an der Adria. Anderen aber ist jeder Rückweg versperrt, denn sie können
die Zumutung und den Ekel nicht überwinden, in ihrer ehemaligen Heimat Menschen
in Machtpositionen begegnen zu sollen, deren Hände blutig sind oder die zu den
geistigen Mobilmachern zählten. Und deren Zahl ist nicht eben gering.
Dubravka Ugrešic' Fazit ist niederschmetternd. Aber vergnüglich zu lesen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
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