Leonce
und Lena.
Schauspiel von Georg
Büchner (1850).
Besprechung von Alexander Czajka, 18.12.2007:
Leonce und
Lena
"Dantons Tod“ und „Woyzeck“ sind
allgegenwärtig. Seltener hört man jedoch von „Leonce und Lena“, ein
komödiantisches Lustspiel Büchners (1813-1837), welches hiermit kurz vorgestellt
wird.
Die Handlung ist gänzlich einfach erzählt: Prinz Leonce soll
verheiratet werden mit der Prinzessin Lena und anschließend die Macht
übernehmen. Eine unbekannte heiraten will Leonce keinesfalls, die
Herrscherposition eines längst totgelaufenen Systems ebenfalls nicht. Auch Lena
fragt mit gesundem Menschenverstand, warum sie dieses Wagnis eingehen sollte und
so kann die Antwort nur Flucht lauten. Doch wie sollte es anders sein, auf der
Flucht begegnen sich beide in einem Wirtshaus und verlieben sich ineinander.
Leonces Vater aber, König Peter vom Reiche Popo, sitzt auf der vorbereiteten
Hochzeit ohne Brautpaar. Die angeordnete Fröhlichkeit wird zur Farce. Das Volk
wartet ungeduldig. Des Königs Rettung naht. Ein Ersatzpaar, unkenntlich
maskiert, soll herhalten, um den König nicht bloßzustellen. Am Ende werden die
maskierten Gestalten, ganz klar, natürlich Leonce und Lena sein.
Das mag sich nicht sonderlich spektakulär anhören, doch das Besondere an dem
Stück ist das geballte Paket an satirischer Zeitkritik den „Vormärz“ betreffend,
glänzend durch Büchners spitzfindigen Wortwitz. Stellen wie: „Peter: […] Sind
meine Befehle befolgt? Werden die Grenzen beobachtet? / Ceremonienmeister: Ja,
Majestät. Die Aussicht von diesem Saal gestattet uns die strengste Aufsicht.
(Zum ersten Bedienten.) Was hast du gesehen? / Erster Bedienter: Ein Hund, der
seinen Herrn sucht, ist durch das Reich gelaufen. / Ceremonienmeister (zum
anderen): Und du? / Zweiter Bedienter: Es geht jemand auf der Nordgrenze
spazieren, aber es ist nicht der Prinz, ich könnte ihn erkennen“, sind
Normalität in dem Stück und lassen auf witzigste Weise schnell erahnen, worauf
Büchner hinaus will. Aber nicht nur politische, auch philosophische
Spitzfindigkeiten und tautologische Sätze, die, wenn man den Autor als
Avantgardist des Theaters begreift, auf ein Belächeln des all- und doch
unwissenden Orakels antiker Dramen hindeuten könnte, finden immer wieder Eingang
in Büchners Lustspiel und machen es, trotz des einfachen Plots, so
außerordentlich lesenswert.
Anders als oftmals angenommen ist „Leonce und Lena“ kein Fragment wie es die „Woyzeck“-Handschriften
sind. Als vollständiges Drama sollte das Werk zu Lebzeiten Büchners an einem
Wettbewerb des Cotta Verlages teilnehmen. Kam jedoch zu spät an und ging
unbeachtet wieder zurück an den Autor, der daraufhin noch einige Veränderungen
vornahm. 1850, also ein Jahr nach der gescheiterten Märzrevolution (1848/49),
wurde das Stück erstmals ungekürzt veröffentlicht. Und erst im Jahr 1895, als
die Moderne, der Büchner weit vorausgeeilt war, eingesetzt hatte, fand endlich
die Uraufführung statt.
Was musste ein Autor, als solche Stücke noch geschrieben wurden, auf sich
nehmen? Politische Verfolgung, Flucht, einen frühen Tod. Das war der damalige
Preis für Scharfsinn, Menschlichkeit und Genialität. Dass Büchner trotz allem
seine humorige Sicht auf die Menschheit, einschließlich sich selbst, nicht
verloren hatte, beweist er mit „Leonce und Lena“. Georg Büchner starb mit 23
Jahren im Schweizer Exil.
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