Lemming von Michael Amon, 20031.) - 2.)

Lemming. Geschichte eines Aufstiegs.
Roman von Michael Amon (
1998, Edition Atelier im Wiener Journal)
Besprechung von Andreas Weber in Die Presse vom 3.4.1999:

Freundschaft! Oder?
Michael Amons SPÖ-Roman „Lemming"

„Lemming - Geschichte eines Aufstiegs" ist Michael Amons neuer Roman, und der untergangskonnotierte Name über dem Untertitel macht neugierig. Ein zunächst anonymer Ich-Erzähler spricht einem Herausgeber die Geschichte des Wiederaufbaus der Zweiten Republik auf Tonbänder, wir lesen die Erfolgsgeschichte der Sozialistischen Partei Österreichs bis zu deren Verwandlung in die Sozialdemokratische Partei, deren neue Mitglieder sich genieren für die Alten, die einander noch mit „Freundschaft" grüßen.
Doch vor allem erzählt Amon die Geschichte zweier Freunde von ihren Anfängen in der Bezirksorganisation, hinaus in die Freiheit der Flower-Power-Beat- und Pop-Kultur der Sixties, Joints in London und Wien, Rolling Stones, The Who, Dylan und Doors. Und eines Tages sind sie alte 68er, die es geschafft haben in die dünne Luft der Ministerien, wo die Wahrhaftigkeit der wahren Freunde nur mehr Erinnerung ist.
Lemming, ein politisches Naturtalent mit „Gespür für Stimmungen"` und einem „Naheverhältnis zur Macht und zum Mächtigsein", ein „Rohdiamant, den die Partei schon in die richtige Fassung bringen" wird, schafft den Aufstieg zum Bautenminister in Rekordzeit; vom Internationalen Jugendsekretär über den Ministersekretär im Kultusministerium bis dorthin, wo wirkliche Macht stattfindet - so ist es nicht weit gewesen, bis er Aufsichtsratsvorsitzender im Imperium des roten Millionärs Kabab wird. Lemming ist immer zur rechten Zeit am rechten Ort, er hat die sozialistischen Kader steil nach oben durchlaufen, mit einer Selbstverständlichkeit, die etwas von dem Naturgesetz hat, dem auch sein Abstieg gehorcht.
Der promovierte Jurist hat die richtigen Frauen und Freunde gehabt, solange er auf dem Weg nach oben gewesen ist. Dann Schmiergelder, Prozente, von denen niemand weiß, es ist die sattsam bekannte Geschichte, mit der sich Amon auch nicht lange aufhält, ihm geht es um das Individuelle, das in Summe das Typische konstituiert.
„Lemming" ist kein Schlüssel-, sondern ein Beispielroman. Wer mit welcher literarischen Figur gemeint ist, läßt sich leicht herausfinden, und daß die Leser sich dieses vergnügliche Spiel nicht nehmen lassen werden, liegt in der Natur der Sache, denn sie kommen alle vor, ohne namentlich genannt zu werden: der große Alte, Gratz, Blecha, Proksch, Cap, die als Liberale getarnten Nationalen; und daß es Menschen gibt, die sich aus Verzweiflung an den politischen Realitäten umbringen, wissen wir seit dem Fall Praschak
Doch die Reduktion des Romans auf das Personeninventar der Tagespolitik würde dem Text nicht gerecht, denn Amon erzählt eine bekannte Geschichte sehr spannend, was ihm durch die Einbeziehung der menschlichen Dimension gelingt: Ein persönlich Betroffener, noch dazu einer, der als Kultusminister nicht ohne Schuld ist, erzählt die Geschichte seines Freundes Lemming, der nach und nach um den Preis der Macht alle Freunde und Ideale aufgegeben hat, was auch der Erzähler getan hat, aber nicht so konsequent und eher ungeschickt. Diese Situation sorgt für Authentizität und bringt den Reiz des Fragments in den Roman.
Die geschriebene Sprache verliert nie ihren „geredeten" Charakter, doch sie hebt oft „unbemerkt" ab in gediegene Prosa. Der Autor zieht sich aus der Geschichte zurück in die Position eines Herausgebers und beschreibt die Mechanismen der Macht und die Korrumpierung der Ideale als etwas, was ohne persönliche Schuld zu passieren scheint, etwas, was vor sich geht, mit einem geschieht und größer ist als jede Vorstellung davon. Selbst ein mächtiger Mensch ist diesen Vorgängen ausgeliefert, austauschbar, wenn er nicht mehr hineinpaßt oder mitspielt.
„Lemming" ist ein politisches Buch, das mit Parteipolitik nichts zu tun hat, sondern abhandelt, wie die Macht den edlen Antrieb, sich für Gerechtigkeit in einer besseren Gesellschaft einzusetzen, zum Egoismus wandelt. Manchmal klingt linke Sentimentalität als nostalgische Verklärung der guten alten (Kreisky-)Zeit an, wenn berichtet wird, wie Lemming aus der Enge seiner Verhältnisse hinaufkommt ans Geld. Einem, der auszog, um durch die Umverteilung der Mittel eine gerechtere Welt zu schaffen, verzeihen die „anständigen, ehrlichen und fleißigen" Leute Reichtum am allerwenigsten - rote Millionäre sind ein schlechter Witz.

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Lemming von Michael Amon, 20032.)

Lemming. Geschichte eines Aufstiegs.
Roman von Michael Amon (
1998, Edition Atelier im Wiener Journal)
Besprechung von Alexandra M. Kedveš in Neue Zürcher Zeitung vom 22.09.1999:

Trauriges Spasserl
Michael Amons Romandébut «Lemming»

Es dampft, es brodelt, es schäumt über. Und dann versumpft es auf dem langen Marsch durch die Institutionen im Morast der Ministerpöstchen - all das herrlich Rebellische junger Bewegungen und ihrer kritischen Köpfe. Bis schliesslich sogar ein schlagfertiger Grüner als schlankgehungerter, stromlinienförmiger Aussenminister versickert. Das ist die «Geschichte eines Aufstiegs», wie sie der wienflüchtige Schriftsteller Michael Amon in seinem Romanerstling «Lemming» à l'autrichienne erzählt. Amons österreichischer Joschka Fischer heisst Theodor Lemming, und schon der Name ist ein trauriges Spasserl: Die «Gottesgabe» ist das Souvenir eines Frontsoldaten, das die verwitwete Mutter mit ein wenig Schleichhandel hier und ein wenig Untermiete da in den harten Nachkriegsjahren grosszieht. In den Sechzigern, während des Studiums, mausert sich der leise Theodor zum lautstarken Streiter für die Gerechtigkeit. Er klopft den Muff von tausend Jahren aus den glattgebügelten Talaren und entlarvt einen Uniprofessor als unbelehrbaren Nazi; tagsüber klettert er auf alle Barrikaden, und nachts diskutiert er sich den Mund fusselig.

«Hast du Haschisch in den Taschen, hast du immer was zu naschen. Bundesheer ist ungeheuer, erstens Scheisse, zweitens teuer. Richter lasst die Roben runter, es sind braune Hosen drunter.» Amon begleitet die Biographie seines Helden mit einem wehmütigen Zitatpop aus den alten Zeiten; Zeiten, in denen der 1954 geborene Autor selbst als pubertierender Internatszögling heimlich die angesagten Platten konsumierte wie die Wagemutigeren seiner Klasse ihre Joints. Darum hat er die Plattensammlung von damals - die er im Roman wie ein DJ stück- und fragmentweise einspielt - am Schluss auch gleich aufgelistet: Amons fiktive Kinder des Zweiten Weltkriegs träumen sich mit John Lennons «Working Class Hero» und dem «Street Fighting Man» der Rolling Stones, mit The Doors, Jimi Hendrix und Bob Dylan in eine bessere Welt.

Während sie alle noch träumen, verplanen die grauen Herren der «Partei» - der nie genannten SPÖ - ihren «Rohdiamanten» Theodor, der als Vorsitzender der Jugendorganisation so manchen Eklat auslöst. Sie werden ihn Kante für Kante zurechtschleifen. Genau wie seinen Freund Gustav, den Ich-Erzähler, der dieses «Portrait of Dorian Gray» zeichnet, das zugleich sein eigenes ist und das der SPÖ: Wer ganz in der Sache versinkt, wird sie ganz aus den Augen verlieren und seine Seele dazu. Als Minister schüttelt Theodor 1983 mehr schlecht als recht verkappten Nationalisten koalierend die Hand - für die Stabilität des Landes. Er deckt schmutzige Waffengeschäfte - für die Arbeitsplätze. Und als irgendwann alles auffliegt, lässt ihn die Partei ohne Zögern über die Klinge springen. Doch das, was, bittschön, wirklich zählt, hat er sowieso längst begraben. Zeit für den Lemming, zu sterben.

Sie ist ein bisschen einfach geraten, die böse Welt Michael Amons, der sich einst auch als Funktionär der Sozialistischen Jugend Österreichs für hehre Ideale abrackerte. Selbst die Zweideutigkeiten schrumpfen zu schlichten Eindeutigkeiten: das moralische Verfaulen, die verpassten Chancen zum Ausstieg aus dem Aufstieg und die geheimnisvolle Angelika, die immer schon alles gewusst hat und an SPÖ-Beerdigungen mit schöner Regelmässigkeit Rilke zitiert. Diese Regelmässigkeit verdankt sie ihrem Erfinder Amon, der keinen, aber auch gar keinen Faden loslässt, selbst wenn er jedes Motiv bereits doppelt und dreifach geknotet hat.

Da seufzt einer laut und manchmal a bisserl poetisch O tempora, o mores und möchte es trotzdem spannend machen: Das stete «Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe», die Tonbandprotokoll-Fiktion (reiches Material für selbstreflexive Pirouetten) und das Kratzen am Lack der Wiener Bussi-Gesellschaft hatten 1995 einen Riesenerfolg. Doch ein «Opernball» wie Josef Haslingers Krimi ist Amons Roman nicht. Immerhin aber eine munter melancholische Studie über die Krähwinkelfreiheiten in einem Land, wo nur eins noch dampft: die Melange im Kaffeehaus.

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