Leichter als Luft von Hans Magnus Enzensberger, 1999, Suhrkamp1.) - 2.)

Leichter als Luft.
Gedichte von Hans Magnus Enzensberger (1999, Suhrkamp).
Besprechung von Hans Jansen aus der WAZ vom 2.2.2002:

Arme Kassandra
Sie war die einzige, die es kommen sah,
sie ganz allein: das alles, sagte sie,
werde bös enden. Natürlich
hat ihr kein Mensch geglaubt.
Sagenhaft lange her. Aber seitdem
sagen es alle. Ein Blick genügt,
auf die Börsenkurse, den Stau
und die Spätnachrichten. Fragt sich nur,
was "das alles" bedeutet, und wann?
Bis dahin natürlich glaubt,
was alle sagen, kein Mensch.
Ein Blick genügt, auf die Zweitwagen,
die Biergärten und die Heiratsanzeigen.

Hans Magnus Enzensberger

Über die Ohnmacht der Vernunft

"Leichter als Luft" heißt der bislang letzte Lyrikband, den Hans Magnus Enzensberger 1999 zu seinem 70. Geburtstag bei Suhrkamp veröffentlichte. Leichter als Luft, das bedeutet freilich nicht, Enzensberger habe sich in die menschenleeren Sphären des Idealismus begeben. Den Ballast der Wirklichkeit wirft er auch in diesem Gedicht nicht über Bord, das einen Bogen vom antiken Mythos zur Gegenwart schlägt. Die trojanische Königstochter Kassandra war die einzige, die den Untergang ihrer stolzen Stadt im Krieg mit Griechenland voraussah. Doch ihre Warnungen wurden, wie der blinde Sänger Homer in der "Ilias" erzählt, in den Wind geschlagen. Seither steht der Begriff "Kassandra-Rufe" sprichwörtlich für vergebliche Warnungen. Enzensberger weitet ihn zur Metapher auf die Taubheit nicht nur der Mächtigen gegenüber dem Unheil, das hybride Selbstüberschätzung anzurichten vermag. Seine Kassandra-Variante geißelt die vorsätzliche Arglosigkeit, mit der wir uns heute der Unbill des Alltags verschließen: Den Zweitwagen sicher geparkt, genießen wir den Feierabend im Biergarten - dabei sprechen Börsenkurse und Spätnachrichten eine deutliche Sprache. Seit seinem ersten Lyrikband, der schon legendären "Verteidigung der Wölfe" (1957), hat Hans Magnus Enzensberger den geistig politischen Diskurs in der Bundesrepublik entscheidend mitgeprägt. In der Rolle Kassandras reflektiert der "Moralist ohne ideologische Scheuklappen" die Ohnmacht seiner Zunft: Es ist die Ohnmacht der Vernunft.

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Leichter als Luft von Hans Magnus Enzensberger, 1999, Suhrkamp2.)

Leichter als Luft.
Gedichte von Hans Magnus Enzensberger (1999, Suhrkamp).
Besprechung von Thomas Köster bei Amazon.de:

Seit seinem ersten Gedichtband Verteidigung der Wölfe von 1957 gilt Hans Magnus Enzensberger als einsamer Aufklärer der deutschen Lyrik. Beim Versuch, "den wüsten Kampf in Poesie zu verwandeln", verzichtete der inzwischen 69-jährige Schriftsteller glücklicherweise immer auf den moralischen Zeigefinger, sondern setzte lieber auf ironische Distanz.

Mit Leichter als Luft nun hat Enzensberger wieder eine Sammlung vorgelegt, die gänzlich ohne die (im Untertitel ironisch suggerierte) Wucht didaktischer Belehrung auskommt: 78 nahezu schwerelos gemeisterte Kabinettstückchen zum Zustand unserer nicht nur bundesrepublikanischen Wirklichkeit, deren Scharfsinn und Musikalität - wie etwa im kritischen, den Hip-Hop-Ton parodierenden Gedicht "Höhenrausch" - gleichermaßen besticht. Nicht nur der bosnisch-serbisch-kroatische Krieg, das Thema unkontrollierbarer Gen-Manipulation, die hohlen Schlagwörter der "Bewußtseins-Industrie" wie das von der Globalisierung, die "Poetik der Lüge" oder die alltägliche Gewalt des Rechtsradikalismus finden da Beachtung, sondern auch Privates ("Im Taxi, heimwärts"), vorgeblich Peripheres: Fast scheint es, als habe hier neben Bertolt Brecht, Gottfried Benn und Artur Rimbaud (auf ihre Dichtung wird verborgen angespielt) auch William Carlos Williams mit seiner luziden Alltagslyrik Pate gestanden. Dieses lichte Oszillieren gibt dem Band Gewicht.

"Da war etwas Gutes / vorhin, / woanders. / Schade, /daß es so schwer ist, / sich an etwas Gutes / zu erinnern", hatte Enzensberger 1995 in seinem Gedichtband Kiosk geschrieben, dessen letzter Abschnitt bezeichnenderweise mit "In der Schwebe" überschrieben war. Leichter als Luft gelingt es vier Jahre später, dieses ironische Schreibprogramm souverän umzusetzen. "Vieles bleibt ohnehin / in der Schwebe", heißt es deshalb in jenem Gedicht, das der aktuellen Sammlung ihren Namen gab. Daß Enzensberger seine eigene Lyrik von der absoluten Schwerelosigkeit dadurch bewahrt, daß er sie nicht allzu perfekt geraten läßt, tut dem brillanten Band nurmehr gut. "Manche Gedichte zum Beispiel / wären vollkommen, / hätte sie vor diesem Los / nicht ein einziger Fehler bewahrt", konstatiert der Autor dementsprechend. Auch dafür kann der Leser nur dankbar sein. Manchen Allgemeinplatz - daß das Wort modern an modern erinnert, wie in "Die Kunst, ausweichend zu antworten" konstatiert, wußte freilich schon Alfred Döblin - wird man ihm deshalb gern verzeihen.

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