Leibhaftig von Christa Wolf, 2002, Luchterhand1.) - 4.)

Leibhaftig.
Erzählung von Christa Wolf (2002, Luchterhand).
Besprechung von Georg Pichler aus diePresse, Wien, vom 23.2.2002:

Jede Zelle zur Höhle, jede Ader zum Flußbett vergrößert

Am Beginn dieser neuen Erzählung von Christa Wolf steht ein Wort: "Verletzt" - und Punkt. Damit sind die Grundbefindlichkeit und der Ausgangspunkt des Texts genau wiedergegeben. Eine Frau liegt in einem Zimmer eines Berliner Krankenhauses und registriert, wie sich ihr Körper mit einer lebensbedrohlichen Krankheit auseinandersetzt und wie die Ärzte ihr mit all ihrer Kunst helfen wollen, den Gefahrenherd (einen gefährlichen Infekt in ihrem Bauch) aus ihrem Leib zu entfernen.

Zu diesem Zweck wird sie langwierigen und schmerzhaften Untersuchungen unterzogen, es sind mehrere Operationen notwendig. Sie liegt, an unzähligen Schläuchen angeschlossen, auf dem Bett und befindet sich, so überlegt sie, in einer Situation, in der ihr Körper "lernt, sich in ungünstiger Lage am Leben zu erhalten, während das Gehirn, wohl um ihm nicht in die Quere zu kommen, seinen Betrieb eingestellt, sich abgeschaltet hat, ganz den Körpersignalen zugewandt, bis auf eine Ausnahme: das Erinnern. Oder jedenfalls seine rudimentären Formen." Und sie erinnert sich, von Fieberanfällen durchflutet, vom Schüttelfrost gebeutelt, an Wohn- und Lehrorte in Berlin, an Lothar, den Freund, und vor allem an Urban, den zwielichtig gewordenen Freund, der in der Hierarchie der Ex-DDR rasch aufgestiegen war, weil ihm klar wurde, daß er kein Talent hatte. Talent jedoch ersehnte "er mehr als alles andere". Da lernte sie sich vor der "Rachsucht der ehrgeizigen Talentlosen" zu fürchten. Urban, der gefährliche "Mitmacher", erhängte sich schließlich in einem Wald. Und sie erinnert sich an ihre Gänge durch das Berlin der vierziger Jahre mit ihrer Tante Lisbeth, die im Nazideutschland ein Kind von dem jüdischen Arzt Dr. Leitner hatte, den sie mit Lebensmittel versorgte.

Manchmal durchdringen einander die verschiedenen Zeitebenen "heillos", dann wieder ist alles klar zuordenbar, oder sie empfindet die Zeit im Krankenhaus, in der es "keine Rechtzeitigkeit mehr und kein Versäumnis" gebe, auch als "Befreiung vom Zeitgeschehen". Sie fragt sich, "ob mein Körper, hinter dessen Schliche ich allmählich kam, dies alles nur inszeniert hatte", diese Träume und Phantasien, die sie in "bleiche Zwischenwelten" locken, in ihre Innenräume hineingleiten lassen, wohin die Worte nicht reichen. Einmal fährt sie in ihren Körper, in ihren Leib, wie ein Bergmann ins Bergwerk, das "Bewußtseinslicht" als Lichtquelle, "jede Körperzelle zur Höhle vergrößert, jede Ader zum Flußbett und das Blut zu einem Strom, der pulsierend einem weitverzweigten Stromnetz folgt, an dem entlang das Licht immer tiefer hineinfährt, Organe abtastet, bizarre Gebirgsformationen, sumpfähnliche Felder, Röhrensysteme" sichtend.

Und unvermittelt ist man "am Ort der Auseinandersetzung, auf dem Kampfplatz, im Getümmel, im unübersehbaren Gewimmel von zerstörerischen Zellen, die sich auf das gesunde Gewebe stürzen". Schließlich können, nach mehreren Operationen und nachdem die "immateriellen Störmanöver" der Seele abgewendet werden konnten, letztlich sogar die Bakterien zur "Räson" gebracht werden. Die Schmerzen gehen weg, man kann mit der künstlichen Ernährung aufhören, sie lernt wieder gehen et cetera.

Christa Wolf, in deren erstem großem Roman, "Nachdenken über Christa T." (1968), die Erzählerin (die Züge der Autorin trägt) an Leukämie stirbt, berichtet in "Leibhaftig" in artistisch-einfacher und eindringlicher Form von der leibhaftigen Erfahrung einer Fahrt in das Innere eines todkranken Leibes. Zur Seite steht ihr übrigens hierbei mitunter die Anästhesie-Schwester Kora mit dem "beziehungsreichen" Namen Bachmann, die sie auch in ihren Träumen begleitet und die sie dann erkennt als "Botin, welche die noch nicht toten Seelen auf ihrem Gang zum Hades abfängt, sie der Unterwelt entreißt und zurückbringt in das Reich der Lebenden".

Es ist eine Erzählung im Stillstand, in der es untergründig rumort. Sie schildert, wie die Erzählerin einmal meint, "ohne Wissen, Fragen, Urteilen", ohne das "Behaupten, Lehren und Verstehen, das Begründen, Folgern und Entdecken, das Messen, Vergleichen und Handeln", und auch abgehoben vom "Lieben und Hassen". Es ist ein unaufhörliches genaues Konstatieren des Standes der Dinge, ein grandios geformter Sprach- und Bewußtseinsstrom, erzählend von den Empfindungen, den Gegebenheiten, den Geschehnissen eines Leibes, der sich gegen eine Vergiftung zur Wehr setzen muß, eines Leibes, dessen Immunsystem beinahe zusammengebrochen ist.

Spielerisch gibt die Erzählerin zudem etwa Hinweise zur Interpretation ihres eigenen Texts anhand einer Arbeit über Thomas Manns Erzählung "Schwere Stunde", die "eine Camouflage" sei, ein Text, hinter dem "er seine eigene Krise halb versteckt, halb offenbart". Und vor allem: "Doppelbödig". Dies ist der intensivste Text der großen Erzählerin Christa Wolf.

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Leibhaftig von Christa Wolf, 2002, Luchterhand2.)

Leibhaftig.
Erzählung von Christa Wolf (2002, Luchterhand).
Besprechung von Annett Gröschner aus der Frankfurter Rundschau, vom 23.2.2002:

Christa T. mit der Trompete
In diesen Tagen erscheint Christa Wolfs neue Erzählung "Leibhaftig": Nachdenken über frühe Leseerfahrungen und vorübergehende Allergien

"Es war der Tag, an dem ich sie Trompete blasen sah." Dieser Satz von Christa Wolf ist es, bis heute. Als ich ihn las, war ich fünfzehn. Christa T., die erhobenen Hauptes auf der Rinnsteinkante entlanggeht und eine zusammengedrehte Zeitung vor den Mund hält: Hooohaahooo. "So ungefähr." Es war die Zeit, als in Berlin, Hauptstadt der DDR, ein Tribunal stattfand, der Ausschluss missliebiger Autoren aus dem Schriftstellerverband. Eine Versammlung, die ich erst Jahre später zur Kenntnis nahm und die auch in Christa Wolfs neuer Erzählung Leibhaftig eine Rolle spielt - als Erinnerung in Fieberträumen, durch die der Gegenspieler der Erzählerin, der Funktionär Urban irrlichtert. Der hat sich inzwischen aufgehängt, aber das weiß die Kranke nicht.

Die Bücher der ausgeschlossenen Autoren konnte man damals wenig später aus den Müllcontainern hinter der Bibliothek fischen, Vakatseite und Haupttitel sorgfältig herausgerissen und mit einem Stempel versehen: "Aus dem Bestand der Stadt- und Bezirksbibliothek entfernt." Bücher von Christa Wolf landeten nicht im Müll, sie waren immer ausgeborgt. Zu verdanken hatte ich den Hinweis auf Nachdenken über Christa T. einer Rubrik der FDJ-Zeitung Junge Welt namens "Poetensprechstunde". Junge Menschen konnten Gedichte einsenden und sie begutachten lassen. Mir schrieb man, das Gedicht "Nachdenken über A." ließe ein gewisses Talent erkennen, aber ich solle doch, bevor ich weiter vor mich hinschriebe, Nachdenken über Christa T. lesen. Es gab nie wieder ein Buch von Christa Wolf, das mich annähernd so beeindruckt hätte.

Ich war in einem Alter, in dem sich leicht über den Tod reden ließ als Ausweg, und einige der Mädchen um mich herum hatten es schon geprobt, meist mit einer Mischung aus Faustan und Alkohol, gestorben war nur die, die das Mehrfamilienhaus gleich mit in die Luft gesprengt hatte. Sowas stand nicht in der Zeitung, man wusste es trotzdem. Und auch wenn niemand den Satz von Marcel Reich-Ranicki lesen konnte "Christa T. stirbt an der Leukämie, aber sie leidet an der DDR", wussten Leser im Osten sehr wohl mehr zwischen den Zeilen zu lesen als überhaupt Zeilenabstand war. Von wegen Leukämie. Vielleicht war ja diese Krankheit nur eine Zensurmaßnahme. "Mit eigener Stimme sprechen, laut und unverwechselbar", das hatte ich, glaube ich, bei ihr gelesen. Das ernst zu nehmen und auszuprobieren, bekam mir nicht so gut. In der Provinz hatten solche Leute wie Urban nach wie vor das Sagen. Sie gingen damals noch nicht in den Wald, um sich aufzuhängen. Aber es ließ sich genausogut mit der Stimme Christa Wolfs sprechen. Sie war ein Schild, das man vor sich hertragen konnte und immer dann hochhielt, wenn die Steine angeflogen kamen. Für die härteren Brocken wie Dozenten für Marxismus-Leninismus eignete sich Heiner Müller allerdings besser.

Auf dem Höhepunkt meiner Christa-Wolf-Wertschätzung träumte ich eines Tages, meine Mutter und Christa Wolf unterhielten sich über mich. Es störte sie nicht im Geringsten, dass ich dabeisaß. Vor allem meine Unpünktlichkeit und der mangelnde Ordnungssinn wurde von ihnen bemängelt. Ich weiß, dass ich sehr wütend war in dem Traum. Hatte sie nicht immer schon streng von den Fotos auf ihre Betrachter herabgesehen? So furchtbar ernst? Es war Zeit, zu Hause auszuziehen.

Status einer Heiligen

In Berlin hielt ihr Versuch, mit Sprache eine Welt zusammenzuhalten, meinen neuen Erfahrungen nicht stand. Die Wirklichkeit zersplitterte, ich nahm zur Kenntnis, dass Christa Wolf einer anderen Generation angehörte. Gegen diesen immer leicht klagenden, hochmoralischen Erzählton wurde ich mit Störfall allergisch.

Die Geschichtslehrerin Gabi Teichert war mir näher als Kassandra, die Jona von Inge Müller schien mir konsequenter als Nelly Jordan in Kindheitsmuster. Ich fing an, den "Konstruktiven Defätismus" eines Heiner Müller zu schätzen. Wenn schon sterben, dann durch Totlachen. Es blieben Anregungen. Die Antike, die Frühromantik. Die Vergangenheit als Stoff.

In dem Teil des Volkes, der noch Bücher las, hatte Christa Wolf den Status einer Heiligen. Wer einmal ein Grüppchen von Frauen um die Fünfzig kollektiv "Unsere Christa" hat hauchen sehen, dachte noch einmal anders über den Marxschen Satz von der Religion als Opium fürs Volk nach. Ein Grund der Verehrung war: Sie war immer nur ein wenig mutiger als diese Frauen, die jeden Tag einen oft miesen Alltag zwischen Kindererziehung und Schicht im Betrieb zu absolvieren hatten. Sie mussten sich nicht bloßgestellt fühlen. Da besiegte eine im Sprechen ihre eigene Angst, das war keine Drachentöterin, der man ewig zu Dank verpflichtet sein müsste.

Einfacher wäre sicher gewesen, Blut zu weinen, als eine Instanz für alle und jeden zu sein. In der neuen Erzählung gibt es eine Szene, die diese Überforderung beschreibt. Die Haustür ist kaputt und Frau Baluschek, der Cerberus im Haus, weist jeden Fremden mit der Bemerkung ab: Die sind nicht zu Hause. "Insgeheim dachte ich, diese Unverschämtheit mochte auch ihr Gutes haben, da es wahrscheinlich war, dass unter denen, die Frau Baluschek abwies, einige jener Unbekannten waren, die zu jeder Tages- und fast zu jeder Nachtzeit an unserer Tür zu klingeln pflegten, um mir dicke Manuskripte zu übergeben oder Probleme vorzutragen, die oft unlösbar waren." Sie hat damals vielen geholfen. Aber danach fragt die Literaturgeschichte nicht.

Ich blättere die Seiten meiner Christa-Wolf-Bücher durch. Ich habe kaum etwas angestrichen, was heute noch etwas über meine damalige Lektüreerfahrung aussagt. Im Fortgesetzten Versuch sind im Inhaltsverzeichnis die Aufsätze angekreuzt, an die mir keine Erinnerung geblieben ist. Im Arbeitsbuch von 1989 liegt eine Postkarte des Hexenhäuschens in Bautzen. Der Autor, mit dem ich dort war, ist im letzten Jahr gestorben. An Krebs, knapp über 40. Eine Fahrkarte Neustrelitz-Berlin, erster Geltungstag 14.8.89 zum Preis von 11,20 Mark - ein schrecklich drückender Sommer, in dem ich aus Berlin floh. Das Warten auf ein reinigendes Gewitter und die Angst davor.

In der DDR-Ausgabe von Kassandra die mit drei Pünktchen gekennzeichneten Zensierungen. In diese Seiten eingelegt die aus der Westausgabe abgeschriebenen Auslassungen. Irgendjemand hatte damals heimlich Thermokopien in der Lichtpauserei eines Betriebes gemacht. Ironie der Geschichte: die Auslassungen sind heute nicht mehr zu lesen, die Schrift ist bis auf einzelne Worte verblasst: Freiheit, Kriegsvorbereitung, Herrschende.

"Das lebendige Gedächtnis wird der Frau entwunden, ein Bild, das andre von ihr sich machten, wird ihr untergeschoben: Der entsetzliche Vorgang der Versteinerung." Das hatte ich später angestrichen, denn 1983 gab es keine neonfarbenen Textmarker. Es muss Anfang der neunziger Jahre gewesen sein. Als ich darüber nachdachte, wie eine Autorin damit umgeht, dass sie öffentlich als "gesamtdeutsche Heulsuse" bezeichnet wird, zum Teil von Leuten, die ihr Jahre vorher ein Denkmal zu Lebzeiten errichtete hatten. Da war soviel Häme dabei und so wenig Kritik. Wo ich mich fragte, warum Christa Wolf, warum nicht Hermann Kant oder ein anderer Autor? Ob es nicht immer noch insgeheim die größte Befriedigung schafft, einer Frau, die sich zu weit in die Öffentlichkeit gewagt hat, vors Schienbein zu treten und dann minutiös dabei zuzusehen, wie sie damit umgeht? Und ob man sich nicht grundsätzlich, egal ob Autor oder Autorin, an die Empfehlung Arno Schmidts halten sollte, Verrisse einfach nicht zu lesen?

Mit Leibhaftig scheint es mir, konnte sie einen Teil der Last ablegen, die auf ihrem Schreiben, auf ihrer Person lag. Da blitzt sogar zwei-, dreimal ein Fünkchen Ironie auf, das mich überrascht. Ich mag das Labyrinth, durch das die Erzählerin geht, wie ich im Übrigen auch die Kollegialität Christa Wolfs schätze.

Vielleicht ist ja die auch Literaturkritik inzwischen in der Lage, Leibhaftig ohne Häme zu besprechen. Es ließe sich beispielsweise wunderbar mit Wirres Buch von Lothar Feix vergleichen, das im April bei Basis Druck erscheint. Das ist, wie bei Christa Wolf die Geschichte eines Krankenhausaufenthalts. Aber wo bei Christa Wolf eine Überlebende erzählt, ist es bei Feix ein "Toter auf Urlaub".

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Leibhaftig von Christa Wolf, 2002, Luchterhand3.)

Leibhaftig.
Erzählung von Christa Wolf (2002, Luchterhand).
Besprechung von Uwe Wittstock aus der Die Welt vom 23.2.2002:

Die Botschaft des Körpers

Was hat eine Blinddarmentzündung mit Gesellschaftskritik zu tun? Eine ganze Menge, wenn die Geschichte dieser Blinddarmentzündung von Christa Wolf erzählt wird. Denn Erkrankungen waren für Christa Wolf immer mehr als nur Erkrankungen. Es waren und sind für sie so etwas wie verschlüsselte Botschaften des Körpers an den denkfeigen Kopf. "Ihr Körper hat", heißt es über Christa T., die vor 35 Jahren in Christa Wolfs erstem Roman an Krebs starb, "eher begriffen als ihr Kopf." Und Jahre später schreibt sie in "Kindheitsmuster", ihrem zweiten Roman: "Das allerletzte Zeichen dafür, dass sie im Grunde Bescheid wusste, ohne unterrichtet zu sein, kam Nelly aus ihrem eigenen Körper, der sich . . . , in seiner Weise ausdrückte" - indem er erkrankt.

Natürlich steht Christa Wolf mit solchen Vorstellungen nicht allein. Die Erkenntnis, dass ein Leiden der Seele ein Leiden des Leibes nach sich ziehen kann, ist heute zur geachteten Wissenschaft der Psychosomatik gereift. Eine Wissenschaft, die der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, der so manche Spur im Werk Christa Wolfs hinterlassen hat, letztlich als Instrument der Gesellschaftskritik verstand. Die Psychosomatik, so lehrte er, solle alle "krankheitserregenden Lebensbedingungen der Gesellschaft zu erkennen versuchen. Ein solch neuer sozialmedizinischer Aspekt bedeutet aber, dass die Gesellschaft hier in die Lage versetzt wird, etwas über sich selbst zu erfahren, und zwar gerade das, wofür sie sonst keine Wahrnehmungsorgane besitzt."....Fortsetzung

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Leibhaftig von Christa Wolf, 2002, Luchterhand4.)

Leibhaftig.
Erzählung von Christa Wolf (2002, Luchterhand).
Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage www.stephanmaus.de
(Frankfurter Rundschau vom 20.3.2002):

Kassandra im Kernspintomographen

DDR, 1988. Eine namenlose Frau ist sehr krank. Kurz vor Mauer- erleidet sie einen Blinddarmdurchbruch. Doch die Krankheit entpuppt sich als weitaus spektakulärer. Im „Bauchraum“ geht es mysteriös zu. Im Zentrum dieser Ich-Erzählerin, in ihrer anatomischen Mitte scheint ein bösartiges Geschwür zu nisten, sich Zelle um Zelle das Böse an sich zu teilen. Irgendwie, denn bei Christa Wolf leidet die Präzision der medizinischen Diagnose unter der Schwammigkeit des metaphorischen Geraunes. Ärzte mit allen erdenklichen Dienstgraden doktern an der erzählenden Patientin herum, operieren sie mehrmals – die geteilte Bauchdecke -, versuchen, die Geschwulst zu entfernen, doch das körpereigene Abwehrsystem ist zu schwach. In ihrem Krankenbett dämmert sie in den verschiedensten Bewußtseinszuständen vor sich hin. Immer wieder wird sie in den Operationssaal geschoben, der ihr Vorzimmer zur Unterwelt wird. In der Vollnarkose durchschwebt die Kranke die Topographie ihrer Vergangenheit in Begleitung einer Trost und Betäubungsmittel spendenden Anästhesistin. Das Traumdouble der jungen Ärztin wird zur Flugbegleiterin einer Seele im Limbus. Die Kranke lebt zwischen den Welten: In ihren Wachphasen nimmt sie den Krankenhausbetrieb und die Besuche ihres Partners wahr, in ihren Narkosen erlebt sie noch einmal Szenen aus ihrer Kindheit und aus ihrer jüngeren Vergangenheit als sensible Künstlerin im Sozialismus.

Gleich auf der ersten Seite ihrer Erzählung formuliert Christa Wolf eine programmatische literarische Wette: „Wohin es sie jetzt treibt, dahin reichen die Worte nicht.“ Das ist als ein rhetorischer Trick und eine diskrete Capatatio benevolentiae zu verstehen. Denn natürlich geht es von nun an darum, dennoch Zeugnis abzulegen von einer Reise in das Reich des Unsagbaren. Christa Wolf stellt sich die Aufgabe, das schwer Formulierbare zu benennen und lädt damit auch den Leser ein, sie an diesem Anspruch zu messen.

„Leibhaftig“ überblendet zwei Schicksale. Vordergründig geht es um die Chronik einer Krankheit. Die namenlose Ich-Erzählerin schildert den Kampf gegen ihre Krankheit. Erst als sich die Patientin mit aller Kraft entscheidet, selbst diesen Kampf mitzuführen und ihn nicht nur den behandelnden Ärzten zu überlassen, wird sie langsam wieder gesund. Am Ende blinkt die Sonne ins Krankenzimmer. Neben dieser persönlichen Krankenakte schwingt der fortschreitende Niedergang der DDR mit. In „Leibhaftig“ krankt nicht nur ein menschlicher Körper, sondern ein ganzer Staatskörper. Man muß es nicht mehr originell finden, eine persönliche Krankengeschichte als Symbol für den Zustand eines ganzen Staates abzuhandeln. Man kann es sogar für Hybris halten, ein erzählendes Ich im Mitleiden mit dem krankenden Staatsgebilde zu zeigen. Der simultane Verfall von Körper und Staatskörper resümiert sich in einem leicht größenwahnsinnigen „L´Etat, c´est moi“. So erzählt Christa Wolf unterschwellig, aber leider doch deutlich hörbar die Märtyrergeschichte einer Frau, die wortwörtlich und jesusgleich an ihrer Zeit krankt, so stark leidet, daß ihr der Zeit-, vielleicht sogar der Weltgeist und seine Assistenz-Dschinns ein Geschwür unters Bauchfell hexen. Die schärfsten Attacken gegen das Immunsystem kommen mit den täglichen Katastrophennachrichten aus dem Radio neben dem Krankenbett. Man muß Wolfs Reise durch die Körperwelten wohl oder übel als Hagiographie einer übersensiblen Künstlerseele lesen. Leider. Mit diesem Text zerschlägt sich auch die leise Hoffnung, daß die zeitgenössische deutsche Literatur endgültig den blutigen Metaphernfundus voller Geschwüre, Zysten, Metastasen, Wundrändern, Narben und frischer Heilhaut endgültig ausgeschöpft hat. Die Morgue und ihre Nebenräume sind einfach zu verführerisch für den schreibenden Organspender: Also auf, Brüder, zur Sonne, „zum Eiterherd, dorthin, wo der glühende Kern der Wahrheit mit dem Kern der Lüge zusammenfällt.“

Der ästhetische Motor von Wolfs Erzählung beruht auf der Annahme, daß eine Annäherung an das Unsagbare qua wundersamer Alchimie ermöglicht wird, indem man die Wörter ganz unkompliziert beim Wort nimmt. Dies führt zu einer verarmten Sprache voller kalauernder Wortklaubereien: „Total ist nur der Krieg. Allerdings auch total überflüssig. Was ist Menschenglück heute?“ Und was ist Leseglück? Christa Wolfs Expedition ins Niemandsland der Wortlosigkeit führt sie ins Jedermannsland der Stereotype. Doch das ist keine angemessene Umsetzung jener Herausforderung, das Unsagbare zu formulieren. Entweder hat man Wort und schreibt sie nieder. Oder man hat nichts zu sagen und läßt es bleiben. Banalitäten mit einer vermeintlichen Unzulänglichkeit der Sprache a priori zu entschuldigen, zählt ab einem gewissen künstlerischen Niveau nicht mehr. Mit Wittgenstein möchte man seufzen: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ Mag der Ausflug in den Hades noch so schwer in Worte zu fassen sein, so ist er sicher kein schlendriger Sonntagsspaziergang über Gemeinplätze. In den Grenzgebieten der Erfahrung erstreckt sich in Wolfs Erzählung das Geröllfeld der letzten Wahrheiten, die allesamt ebenso richtig sind wie ihr Gegenteil: „Mein Körper geht durch. Gleichnishaft. Alles Vergängliche ist Gleichnis.“ Oder umgekehrt. Das Festklammern an rudimentär gemeißelten Wahrheiten mag zum labilen Zustand einer Patientenpsyche passen – origineller werden Wolfs Arbeiter- und Bauernweisheiten dadurch nicht. Da hat der selige Sozialismus nun seine gesamte pädagogische Energie in die Ausbildung eines geschärften Geschichtsbewußtseins gesteckt, und was kommt dabei heraus? „Wir sitzen auf einmal auf den Stufen zum Palast der Republik. Ein Steinhaufen auch er, denke ich, Glas und Beton, gebaut, um unterzugehen.“ Für diese Erkenntnis hat sich Marx nicht jahrelang grüblerisch den Vollbart gekrault. Wolf scheut selbst für solche Nullweisheiten nicht den hohen Ton einer alttestamentarischen Predigerin. Im Osten nichts Neues.

Die Autorin schenkt ihrer kranken Ich-Erzählerin keinen ungehörten Ton, keine neuen Bilder oder zündenden Metaphern. Bei Wolf herrscht sprachliche Mangelwirtschaft. Jeder außergewöhnliche Zustand des Körpers oder des Bewußtseins wird mit dem gewöhnlichsten Begriff abgehakt. Der Herzschlag „entgleist“. Und wie schlägt dann das Herz? „So schlägt das Herz. Im Galopp.“ Und die Syntax hoppelt. Hinterher. In Wolfs aseptischem Reich der Parataxen regnet es Punkte. Die künstliche Nahrung aus dem Tropf ist „Elixir. Lebenselixir“ - das Bild wird auch durch die nachtröpfelnde Wiederholung nicht sehr viel interessanter. In der Krankenhaus-Misere herrscht Rohrbruch. Die Leitmetapher für den Zustand des kranken Körpers ist das Wasser. Im Text ist ein einziges Abtauchen, Sinken, Treiben, Dahinfließen. Als läse man Jacques Coustauds Stream of Consciousness im Rausch der Tiefe. Bei todesnahen Fieberfantasien erwartet man doch Bilder im Stile von Hieronymus Bosch, dem Zündkerzenvertreter der Hölle, der polychrome Funken sprühen läßt. Und nicht ein abgegriffenes Daumenkino, das die immergleichen Alptraumklischees von Labyrinthgängen und verschachtelten Gewölben zeigt. In ihren Fieberträumen schwebt die Erzählerin so uninspiriert durch Berlin wie in einer Low-Budget-Adaptation von Michaïl Bulgakovs „Meister und Margarita“. Nur Chagall im Schwarz-Weiß-Fernseher ist trister.

Die Schilderungen des Intellektuellen-Milieus und der Kader-Intrigen in der DDR sind so schematisch, daß es sich auch um eine Darstellung der Personalrochaden bei der Arbeiter-Wohlfahrt in Wanne-Eickel handeln könnte. Nicht mal als Zeitdokument kann die Erzählung überzeugen. Die Rollen in Wolfs Krankenhaus sind klassisch verteilt: Die Karbonmäuse haben hohen Wohlfühlfaktor und stehen für mütterliche Betreuung der hochintellektuell Verzärtelten. Wenn sie Glück haben, ist ihr Temperament mit Witz gesegnet: „Prost Mahlzeit, sagt Schwester Thea, die nicht ohne Humor ist.“ Na immerhin. Die fachkundige Ärzteschaft hingegen eignet sich ab einem bestimmten Dienstgrad vorzüglich zum Debattieren von letzten und vorletzten Fragen. Manchmal trägt es diesen Debattierclub aus der Kurve, woraufhin alle Diskutierenden in die Reifenwand des gespielten Aphorismus krachen: „Aber wir Menschen sind blind, und das ist unser Glück. Und sie machen die Blinden gehend, sagte sie, und er: Sehr richtig, Madame. Was Nützlicheres ist mir nicht eingefallen. Sie aber, scheint mir, wollen die Blinden sehend machen. Kein Wunder, daß es Ihnen manchmal die Beine weghaut.“ In dieser Passage schimmert unverhohlen Christa Wolfs Selbstbild hindurch: Die Künstlerin als Kassandra. Diesmal steckt sie bis zum Hals im Kernspintomographen. Die versammelten Spezialisten des Krankenhauses tun sich sehr schwer mit der Diagnose. Dabei weisen alle Symptome auf eine eindeutige Krankheit: Hier leidet jemand an chronischer Nabelschau. Morbus omphalos.

Wolf simuliert das vermeintlich Unsagbare durch offensives Stammeln. Passagen, die den Übergang von der bewußten Welt in die unbewußte behandeln, sind in kargem Nominalstil verfaßt. Stetig tröpfelt durch den Text das Betäubungsmittel der Sprachlähmung. Die Entfremdung des Ichs durch die Krankheit unterstreicht Wolf durch einen stetigen Wechsel in der Erzählperspektive, die in einem einzigen Satz zwischen auktorialer Erzählinstanz und Ich-Erzählung wechseln kann. Der eigene Körper wird zum Fremdkörper. Besonderes Pathos erzeugt die Autorin mit dem chronisch hintangestellten Adverb: „Etwas klagt, wertlos.“ Dieses nachklappernde Adverb wirkt wie ein kräftiger, abschließender Tritt aufs Orgelpedal, um dem Satz noch einmal einen volleren, bleischwer getragenen Klang zu geben. Dieser rhetorische Kniff muß sich über die Jahre zur Masche in Wolfs Stilmuster entwickelt haben. Keine Ausnahme. Nirgends. Oftmals sind diese Adverbien auch noch redundant. Solche adverbialen Nachzügler bedeuten dann genau wie im Romantitel „Kein Ort. Nirgends“ schlichtweg nichts mehr. Gar nichts. Überhaupt nichts. Überhaupt ganz und gar nichts. Hier herrscht das Füllsel. Rhetorische Fassade, pathetischer Bombast, postponiertes Potemkinsches Schwulstornament. Zähes Abtauchen in die Welten des Fiebertraums und des Unbewußten schildert die Autorin als gemäßigten Leerlauf des Sprachzentrums: „Die Ahnung verblaßt. Bleicht aus. Bleiches Gefilde. Gespensterhaft. Eulenhaft. Traumhaft. Geh, sag ich zu dir. Bitte geh. Schemenhaft. Schauderhaft. Scheusalhaft.“ In der Tat. Der Text bewegt sich in seitlichen Krebsgang der zähen Wortwiederholung voran. Meist vollzieht sich der Weg in die Unterwelt im Rösselsprung durchs Synonymwörterbuch.

All diese Stilmittel gehören zum eselsohrigen, kleinen, sehr, sehr kleinen ABC der Prosakunst. Am erstaunlichsten aber ist die Tatsache, daß Christa Wolf über weite Strecken ihres Textes selbst dieses kleine ABC einfach auf dem Nachttischchen ablegt und in einem ungekämmten Plauderton daherparliert, als müßte nun wirklich jede Stations-Causerie ihren Weg in die Druckerpresse finden. Viele Szenen sind so uninspiriert geschrieben wie der Beipackzettel zu einem Sedativum. Dabei scheut Wolf selbst vor albernen Modevokabeln und unkontrolliertem Trendjargon nicht zurück. Hier „zieht“ einer „dienstrangmäßig“ an seinem Konkurrenten „vorbei“, wartet dann aber wieder „kollegialerweise“ auf seine Kollegin, dort „tigert“ wer über den Stationsflur, während im Fieberwahn „höllenmäßiges Geschrei“ zu hören ist. Kommt es ganz hart, trifft es die Patientin „wie ein Schlag“. Ist das nun Christa Wolf oder Alexa von Henning-Lange? Es drängt sich der Verdacht auf, daß es schlicht keinen Unterschied gibt. Hin und wieder verschwindet die Kunst der Sprachbeherrschung dann vollends vom hektisch fiependen Monitor, und es „setzt ein ohrenzerreißendes Getöse ein“. Entweder ohrenbetäubend oder trommelfellzerreißend. Aber „ohrenzerreißend“ wollen wir nur „Iron“ Mike Tyson nennen.

Christa Wolf verliert ihre Eingangswette auf allen Ebenen: Ihre Worte reichen tatsächlich nicht dorthin, wohin sie vorgibt zu reisen. Und selbst für den Check-In-Bereich langt es nicht. Nach nur wenigen Seiten fühlt sich der Leser ausgelaugter als die erzählende Patientin. Diese zusammengestümperte Chronik phantasieloser Wehleidigkeit ist ein überdosiertes Anästhetikum. Der mythische Unterwelttourist Orpheus zeigt exemplarisch, wie man aus dem Reich des Unsagbaren unbeschadet wieder herauskommt: Er singt. Christa Wolf käut wieder. Das macht ihre Erzählung „Leibhaftig“ unverdaulich.

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