1.)
- 2.)
Leben, um davon zu
erzählen.
Roman von Gabriel
García Marquez (2001, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Dagmar
Ploetz).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ
vom 19.12.2002:
Die Frau hinter Garcia Marquez
Bei der Agentin Carmen Balcells in
Barcelona laufen die Fäden der spanischsprachigen Buchwelt zusammen.
In den Memoiren von Gabriel Garcia Marquez, die heute bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch erscheinen, kommt sie nicht vor. Dabei wäre der Welterfolg des kolumbianischen Nobelpreisträgers gar nicht zu denken ohne diese Grande Dame des spanischsprachigen Literaturgeschäfts, die mit ihren 71 Jahren auch gerne mal im rosa Walle-Kleid zu rosa Stiefeletten auftritt: Carmen Balcells, die Literaturagentin, die alles unter Vertrag hat, was Spanisch schreibt und Rang und Namen hat und schon zu Lebzeiten ein Mythos geworden ist. Mittlerweile gilt es als Qualitätsmerkmal, bei Balcells unter Vertrag zu sein. Aber weil sich ihr guter "Gabo" im ersten Band der Memoiren nur an die Zeit bis zum Bestseller "Hundert Jahre Einsamkeit" erinnert, wird Carmen Balcells erst in Band zwei eine Rolle spielen.
Hey Gabo, 1000 Dollar! - Was, mehr nicht?
Das Herz ihrer Agentur, die im ersten Stock an der vierspurigen, baumbeschatteten Avenida Diagonal von Barcelona liegt (unter den Privat-Gemächern der Chefin), ist ein eher schlichter Raum: lichte Glastür zur Straße hinaus, auf dem Boden Kacheln mit schwarzen und blauen Rauten. An den Wänden, auf den Regalen große Fotos von allen, die sich von Balcells vertreten lassen, wenn Honorare mit Verlegern oder Verträge mit dem Ausland ausgehandelt werden. In dieser schwarz-weißen, aber illustren Galerie sind nicht nur die Nobelpreisträger Garcia Marquez, Pablo Neruda und Camilo Jose Cela versammelt, auch Mario Vargas Llosa und Jorge Semprun. Camilo Jose Cela, Antonio Skarmeta und Juan Goytisolo ebenfalls, Carlos Fuentes, Jorge Amado und Rafael Alberti sowieso. Doch der eigentliche Schatz des Hauses ruht in den schlichten Regalen darunter: Meist in rotes Leder gebundene Original-Typoskripte stehen hier Rücken an Rücken, von Isabel Allendes "Geisterhaus" bis zu den Pepe Cavalo-Krimis des Lokalmatadors Manuel Vazquez Montalban.
Carmen Balcells ist einigermaßen gespannt auf den nächsten Band von Gabos Memoiren. Denn in ihrer Erinnerung war das erste Zusammentreffen mit Garcia Marquez ein voller Reinfall. Sie war damals, Anfang der sechziger Jahre, zu einer Buchmesse nach Washington gereist: "Zusammen mit meinem Mann, damals wurde man als Frau noch nicht so ernst genommen. Ich habe mir jedenfalls bei den US-Verlagen den Mund fusselig geredet. Und ich habe vier Manuskripte von Garcia Marquez verkauft, zusammen für 1000 Dollar. Für einen unbekannten Schreiber aus dem Dschungel von Südamerika war das eine unfassbar hohe Summe." Anschließend flog sie direkt nach Kolumbien und lief am Flugplatz freudestrahlend mit den Verträgen auf Gabo zu: "1000 Dollar!" Und der? Zog ein langes Gesicht: "Was, mehr nicht? Ein schlechter Preis."
In solchen Momenten die Zähne zusammenzubeißen, um den richtigen Augenblick für einen mitreißenden Wortschwall abzuwarten, ist Carmen Balcells große Stärke. Sie, die aus einem kleinen katalanischen Dorf mit 34 Einwohnern stammt und als Sekretärin in der Literatur-Agentur eines Exil-Rumänen angefangen hat, weiß für gewöhnlich am besten, wie Literatur und kaufmännisches Kalkül in Einklang zu bringen sind. Und es ist noch gar nicht so lange her, da wollte "der Schakal", der New Yorker Literaturagent Andrew Wiley (der u.a. Salman Rushdie unter Vertrag hat), Carmens Agentur in Barcelona kaufen, weil er den spanischsprachigen Markt für den wichtigsten der Zukunft hält. "Was zahlst du?", hat sie ihn gefragt. "Kommt drauf an, wieviel die Banken mir geben." - "Siehst du", hat sie ihm geantwortet, "und ich muss gar nicht erst die Bank fragen und kaufe dich trotzdem. Es sei denn, du gehst jetzt." (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1202 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung
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2.)
Leben, um davon zu
erzählen.
Roman von Gabriel
García Marquez (2001, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Dagmar
Ploetz).
Besprechung von Anita Pollak im Kurier,
Wien vom 13.12.2002:
Márquez: Ermüdende Erinnerungsflut
Während am Horizont das Sternbild des Stieres
aufzog, brüllte Tante Francisca: „Rum her, er erstickt.“ Erst nach der
wieder belebenden Abreibung mit der landesüblichen Medizin konnte der Junge das
Licht erblicken. Bei der Beschreibung seiner Geburtstunde kann er es mit Goethes
„Dichtung und Wahrheit“ aufnehmen. Der Medienrummel um das Erscheinen der
Lebenserinnerungen von Gabriel García Márquez hätte den Alten aus Weimar aber
vor Neid erblassen lassen. Perfekt inszeniert und getimt erschien der erste Band
am 10. Oktober 2002, genau zwanzig Jahre nachdem Márquez den Nobelpreis
erhalten hatte, in einer Auflage von einer Million in der Spanisch sprechenden
Welt. Für die aller ersten Exemplare soll in Kolumbien gar der ausliefernde
Lastwagen überfallen worden sein. Nur zwei Monate danach, am 10. Dezember, ist
die eilige deutsche Übersetzung als sicherer Bestseller auf den Weihnachtsmarkt
gekommen und wie bestellt erscholl simultan dazu vielstimmig der Medien-Chor.
Dramatische Storys vom heroischen Schreib-Kampf gegen den drohenden Krebstod
hatten diesen Auftritt freilich schon vorbereitet, den der erfolgreichste Autor
der Welt nicht notwendig hätte. Ein neuer Márquez wird wie, wo und wann auch
immer ein Millionen-Publikum finden.
Erinnerungskluft
Auf mehr als 600 (von ursprünglich 900) Seiten erinnert sich der 75-Jährige an
seine ersten 27 Lebensjahre. Der Held ist der Erzähler, die Geschichte ist
seine Geschichte, die seiner Familie, die seiner Heimat. Mit einer seiner gerühmten
Eröffnungen zieht Márquez den Leser gleich mit hinein.
Meine Mutter bat mich, sie zum Verkauf des Hauses zu begleiten.
Widerspruchslos folgt der mittel- und erfolglose Student der Rechte seiner
Mutter, die nach ihm noch weitere zehn Kinder zur Welt brachte, nach Aracataca,
das unter dem Pseudonym „Macondo“ in die Weltliteratur eingegangen ist.
Diese abenteuerliche und gleichzeitig nostalgische Reise ins Land seiner
Kindheit, wo ihn die Großeltern aufzogen, weil seine Eltern zu arm dazu waren,
macht „Gabo“, wie ihn Freunde und Fans nennen, zum Schriftsteller, der er
immer schon werden wollte.
In dieser ausführlichen Episode über die Rückkehr in den nun total
heruntergekommenen, von üppigsten Erinnerungen durchdrungenen Ort lebt die
Kraft des Fabulierers Márquez erneut auf. Wer seine Romanen liebt wird auch
diese mehr oder minder reale Folie mögen, die „wahre“ Liebesgeschichte der
Eltern , die weit ausholende Familienchronik.
Das Porträt des Großvaters, Patriarch und Macho mit etlichen unehelichen
Kindern, die die Ehefrau ebenso unter ihre Fittiche nimmt wie eine Generation später
Gabriels Mutter die vier illegitimen Sprösslinge seines Vaters, das mit vielen
Frauen gefüllte Haus, seine Düfte und Geräusche, all das ist die berühmte
sinnliche Welt von Macondo.
Ob man als Leser nicht besser auch gleich dorthin zurückkehren sollte, kann man
sich auf den hunderten Seiten fragen, die darauf folgen. Chronologisch und oft
ermüdend detailliert berichtet Márquez von seiner Schul- und Studienzeit an
wechselnden Orten, vom unwirtlichen Bogota´, von Mitschülern und Kollegen in
den Zeitungsredaktionen, wo er sehr schnell als Journalist reüssiert und dabei
ergeht es einem streckenweise wie bei einem fremden Maturatreffen.
Ja, auch Frauen gibt’ s – von den ersten Erfahrenen bis zur zukünftigen
Braut, Bordell-Besuche und Stundenhotels, in denen der blutarme Student wohnt
und liest. Schriftsteller wie Faulkner, die ihn geformt haben, und das
literarische Biotop dieser Zeit. Mehr als nur Kulisse ist die blutige Geschichte
Kolumbiens, seine Revolutionen, Massaker, und Bürgerkriege, womit uneingeweihte
Leser außerhalb Lateinamerikas leicht überfordert sind.
Der „Roman seines Lebens“ sollen diese auf drei Bände angelegten Memoiren
werden. Dass wie bei Goethe
Dichtung und Wahrheit ineinander fließen, davon darf man bei Márquez ausgehen.
Und immer ist die Dichtung schöner als die Wahrheit.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]
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