Leaving Leipsic next week.
Briefe an Jochen Ziem von Uwe Johnson (2002, Transit - Texte von Jochen Ziem).
Besprechung von Roland H. Wiegenstein in der Frankfurter Rundschau, 8.1.2003:

Mutmaßungen über Schochen
Leipziger Allerlei: Uwe Johnsons Briefe an Jochen Ziem anno 1955 bis zum bitteren Nachspiel 1968

Als er 19 war, hatte man ihn von der Universität Rostock relegiert, weil er eine steife Lippe riskierte. Doch Uwe Johnson, Jahrgang 1934, wollte ohnedies nach Leipzig, in die Großstadt, wo es so etwas wie geistiges Leben und an der Karl-Marx-Universität (so hieß sie seit 1953) bürgerliche Gelehrte alten Schlages gab und dazu einige Marxisten von Rang: Ernst Bloch, Werner Krauss und Hans Mayer zum Beispiel. Es gelang ihm, zugelassen zu werden. Der spröde Mecklenburger, der sich ans weiche sächsische Idiom so wenig gewöhnte, wie die Leipziger an seine Ausdrucksweise, war ein eifriger Student - und er begann zu schreiben.

Dass dies nach Abschluss seines Studiums seine Zukunft werden sollte und nicht ein Job als Kulturbeauftragter in einem VEB oder irgendeinem Provinznest in der DDR, dessen war er gewiss. Er fand Freunde, gar eine Clique, die zusammenhielt, gemeinsam (verbotene) Bücher las und neben dem, was Studenten so tun, über den Marxismus diskutierte. Am Rand dieser Clique hielt sich Jochen Ziem auf, noch einer, der Schriftsteller werden wollte. Er setzte sich, kaum dass Johnson und er miteinander bekannt geworden waren, gen Westen ab - was dem Studenten Johnson, im Briefwechsel Slim genannt (bei den engeren Freunden hieß er hingegen Ossian), gar nicht einleuchtete.

Anstelle eines nur ein paar Monate währenden fast täglichen Zusammentreffens traten ab dem 21. März 1955 Briefe und Postkarten an den Entschwundenen, der schriftliche Austausch wurde bis zum Ende des Jahres 1957 fortgesetzt - mit einem bitteren Nachspiel 1968.

Erdmut Wizisla, Archivar am Brecht-Archiv in Berlin, hat das, was davon übrig geblieben ist und was sich heute im Ziem-Archiv der Akademie der Künste zu Berlin befindet, herausgesucht und mit einer ausführlichen, klug wägenden und angenehm diskreten Einleitung versehen, die über die Umstände dieses Brief- und Kartenkonvoluts alles sagt, was nötig ist. Der Transit Verlag hat das kleine Büchlein besonders sorgfältig ausgestattet, schön gedruckt, mit einigen Fotos und zahlreichen Faksimiles von Johnsons Autographen bereichert.

Freilich, sie können kaum darüber trösten, dass nur Johnsons Stimme in dieser Korrespondenz erhalten blieb, Ziems Briefe, die es gegeben haben muss, sind verschollen. Dass die beiden sich - die Mauer gab es noch nicht - einige Male in Berlin und Düsseldorf trafen, geht aus den Briefen hervor: Ziem ist nicht mehr in die DDR zurückgekehrt. So hat Wizisla einige frühe Texte Ziems, die man als Reflex dieser Fast-Freundschaft, in der die beiden stets bei dem unter Studenten ungewöhnlichen Sie blieben, betrachten kann, darunter ein wenig schmeichelhaftes Porträt Johnsons, das Ziem nach dem Bruch zu Papier gebracht hat.

Für die Forschung sind die 37 Stücke - die meisten sind Postkarten - vermutlich nur in Grenzen aufschlussreich, auch wenn sie immer wieder Anspielungen auf Johnsons ersten Roman Ingrid Babendererde enthalten, der erst postum erschienen ist. Johnson mahnt Ziem, dessen in der DDR zurückgebliebene Freundin Sonja Kehler nicht schlecht zu behandeln und kennt bei der Kritik von dessen Texten keine Gnade. Vor allem aber übt er: komplizierte Anredeformeln, seltsame Satzkonstruktionen, rätselhafte Anspielungen, die nur zum Teil mit den Geheimsprachen erklärbar sind, die unter adoleszenten Studenten, zumal wenn sie in Cliquen leben, oft vorkommen.

Er lässt für ein paar Sätze seinem staubtrockenen Humor seinen Lauf, ketzert ironisch gegen die von der Partei verordneten Wochenendbeschäftigungen für Studenten (von denen er sich mittels ärztlichen Attestes befreien lässt), verfertigt selbstironische Bemerkungen und manchmal Beschreibungen (von Landschaften), die man so ähnlich in seinem ersten Roman wiederfinden kann.

Für ihn waren diese Briefe und Karten vermutlich ein literarisches Genre, ein Mittel der Stilisierung (und Selbststilisierung.) Dies macht den Reiz des Konvoluts aus. Es zeigt auch den Gegensatz zwischen dem eher sorglos formulierenden, auf realistische Wirkungen zielenden Jochen Ziem (die beigefügten Texte beglaubigen das) und diesem wortbewussten, zuweilen das Zeremonielle streifenden, stets um Druckreife bemühten Stilisten Johnson, der noch der simpelsten Mitteilung einen literarischen Dreh abzugewinnen weiß. Ziem hatte seine Zeit in den sechziger und siebziger Jahren, als seine Stücke viel gespielt wurden. Danach wurde es still um ihn, seinen Tod 1994 nahm die literarische Welt kaum mehr zur Kenntnis. Was aus dem Mecklenburger wurde, das ist bekannt.

Seine Leser werden den unverwechselbaren Ton der Mutmaßungen, der Jahrestage in statu nascendi erkennen - er hat sich sehr früh herausgebildet. Johnson musste nur lernen, ihn umzusetzen in haltbare Prosa.

Von diesem Lernprozess ist in diesen Zeugnissen einiges aufgehoben. Johnson, für den das Wort Treue alles bedeutete, hat auch für Ziem keine Ausnahme gemacht: als er sich von diesem (fälschlicherweise, wie sich später herausstellte) hintergangen fühlte, hat er sehr rigoros reagiert und ist, nachdem der Fall aufgeklärt war, einfach zur Tagesordnung übergegangen, Schochen - wie er Ziem nannte - existierte für ihn nicht mehr. Nur in diesen Briefen kommt er noch einmal vor.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

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