Lauf Jäger lauf von Henning Ahrens, 2003, S. Fischer1.) - 2.)

Lauf Jäger lauf.
Roman von Henning Ahrens (2002, S. Fischer).
Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage stephanmaus
(SZ 20.3.2002):

Zorro im Wunderland
Henning Ahrens verjagt den Zeitgeist: Lauf Jäger lauf

Oskar Zorrow jagt im ICE durch die Tiefebene der Wirklichkeit. Vom Bahndamm aus verhext ihn ein Fuchs mit bernsteingelben Augen. Zorrow ist gebannt und muß raus zum Märchenfuchs. Der archaische Jagdtrieb ist stärker als zweitausend DB-PS. Zorrow zieht die Notbremse und verläßt fluchtartig die High-Tech-Welt der Fließquarzanzeigen, Hydrauliktüren und Klimaanlagen. Je weiter er sich von Schienen und Fahrplänen entfernt, desto tiefer taucht er in eine sumpfige Traumwelt ein. Bewaffnete Männer fassen, fesseln und verschleppen ihn. Zorrow gerät in das undurchsichtige Wirken einer skurrilen Logenbruderschaft von zwei Männern und einer dichtenden Frau, die unter der Fuchtel des ungemütlichen Malers John Isegrim Reineke-Schmutz auf einem verfallenen Gutshof als „Widergänger“ konspirieren. Ihre Verschwörung richtet sich vor allem gegen die Tiefebene der Wirklichkeit, denn sie phantasieren äußerst lebhaft in den spukenden Gemäuern des alten Bauernhofs.

Die Widergänger leben in ständiger Furcht vor dem Erz-Rohling Erk Brandstetter, der eine Achse des Bösen durch die schmatzende Moorlandschaft brandschatzt und eine Mischung aus Karlsson vom Dach und Ghost Buster zu sein scheint: „Er hing in der Luft, auf dem Rücken einen Apparat mit ratterndem Propeller und in den Händen ein glühendes Rohr.“ Seine Koteletten sind spitz zulaufend wie Stoßzähne, sein Vernichtungspotential ist schauderhaft. In der morastigen Landschaft um das Widergänger-Gut gärt das Phantastische. Hinter einer dichten Nebelwand ruht das Land des glückseligen Vergessens, das niemand durchqueren kann, denn im Nebel fällt auch der Wunsch der Rückkehr dem Vergessen anheim. Einmal im Nebelparadies, hockt man sich unter eine Kiefer und verhungert. Einzig der Maler Schmutz kann hinter die Nebelwand reisen und kehrt mit Skizzen aus einem paradiesischen Traumland zurück. Im tiefsten Innern ist der Neo-Expressionist ein romantischer Künstler: in seinem Atelier sammeln sich unzählige solcher Orplid-Polaroide.

Der Lyriker Henning Ahrens entwirft in seinem außerordentlich originellen Prosadebüt eine poetisch verdichtete Traumwelt, die sich aus den Traditionen der romantischen Phantastik und der Naturlyrik speist. Wie der Intercity schnurrt der Intertext. Mit viel Humor zitiert der Autor die klassischen Topoi der Schauerromantik. Ahrens zeigt sich spiel- und kombinierfreudig: Er hat seinen sehr lyrisch rhythmisierten Text einen „Roman in sechs Folgen“ genannt und sich von den Motiven des populären Fortsetzungsromans inspirieren lassen. Schreiende Köpfe ragen aus dem Moor, unter einer Augenklappe schwitzt eine blinde Narbe, alte Recken zerlegen, ölen und polieren ihre Luger, und ein Kapitel heißt folgerichtig „Rauchende Colts“.

Auf dem Gutshof der Widergänger sind die Grenzen zwischen Kunst und Realität durchlässig: gegen Ende des Romans steigt eine apokalyptische Engelsschar von einem Deckengemälde und bereitet dem Spuk der Widergänger ein flammendes Ende. Auf dem Programm der Sumpfbrüder steht nicht nur ein Plädoyer für den Erhalt des Konjunktivs und Genitivs: Ihr Kampf gilt dem Zeitgeist. Im Moor scheinen sie ein Naturschutzgebiet für Unzeitgemäßes errichten zu wollen. Ahrens zeichnet sie als groteske, Rührei schlabbernde Kulturpessimisten und sexuell verwirrte Moor-Conspirateure, doch jenseits der ironischen Inszenierung ihrer nebulösen Sumpf-Intrigen gibt sich der Text kämpferisch. Ahrens hat seinen Roman raffiniert gegen alle literarischen Moden konzipiert. Er spielt einen aggressiven Provinzialismus gegen die landläufige Metropolenliteratur aus. Listig wie der magische Fuchs läßt er seinen lethargischen, traumvernebelten Helden auf dem Weg in die lockende Großstadt jenseits aller ICE-Fahrpläne versumpfen und die irrwitzigsten Abenteuer erleben. In Jwd ist die Hölle los. Der spinnenverwebte Heuschober birgt mehr Geheimnisse als die Studenten-WG.

Anstelle von Metropolengeglitzer feiert Ahrens die Natur mit dem überbordenden, präzisen Vokabular eines wortgewandten Oberförsters. Gegen poppigen Szenejargon setzt er fachkundiges Jägerlatein. Plastisch beschreibt er die variablen Geometrien der Mückenwolke, die halluzinogenen Maserungen der Eichenrinde und den scharfschnabeligen Sturz-Vektor des Raubvogels. Ahrens´ Phantastik bezieht ihre bannende Kraft aus einem poetischen Hyperrealismus. Das Nebelland ist ein federn- und blütengewordenes Bestimmungsbuch. Doch dieses Provinzmärchen gaukelt keine falsche Fuchs-und-Hasen-Idylle vor. Seine Modernität besteht nicht in der Thematik, sondern in der Erzähltechnik, die mit schnellen Schnitten heterogene Materialien und Atmosphären, Pulp-Romantik und getragene Retro-Töne zu einem erstaunlich stimmigen Ganzen arrangiert. Es ist, als träfe Mörike auf Schlingensief, ohne daß dabei schrille Albernheit entstünde. Statt Zeugnis von der götzengleichen Wirklichkeit abzulegen, erschafft der Autor ein kunstvolles, poetisches Universum, das wie eine farbig schillernde Märchenblase in die Realität eingeschlossen ist.

Scheint im Text anfangs noch die willkürlich Logik aller in sich gekrümmten Traumwelten zu herrschen, verdichtet er sich nach und nach zu einem fast mathematisch strukturierten Prosagewebe, in dem jeder verlorene Gegenstand nach einigen Kapiteln wieder auftaucht und jedes angeschlagene Motiv sein Echo findet. Alle Objekte schimmern hier mit der surrealen Präzision jener Rose aus dem Coleridge-Gedicht, die ein Erwachender auf seinem Kopfkissen findet als Beweisstück für den geträumten Garten Eden. Und legt man den Roman aus der Hand, leuchtet der Text mit eben diesem Schimmern nach.

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Leseprobe I Buchbestellung 1002 LYRIKwelt © Stephan Maus

 

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Lauf Jäger lauf von Henning Ahrens, 2003, S. Fischer2.)

Lauf Jäger lauf.
Roman von Henning Ahrens (2002, S. Fischer).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 18.5.2002:

Lauf Zorrow lauf
Zwischen Skurilität und Phantastik: Henning Ahrens erstaunliches Prosa-Debüt

Ein irrwitziger Impuls: Am Bahndamm erblickt der Tierkadaverbeseitiger Oskar Zorrow einen Fuchs. Ein kurzer Moment, dann verschwindet das Tier, doch "bezirzt" von dessen "bernsteingelben Augen" zieht Zorrow die Notbremse des ICE - "war er noch bei Trost?" -, lässt sein Gepäck und die Zivilisation zurück und landet umstandslos in den Fängen dreier übler Gesellen: Ein Vollbärtiger, ein Mann mit Augenklappe und eine verwahrloste Frau schlagen Zorrow nieder. Kurz darauf liegt er gefesselt und nackt in der Küche eines dem Niedergang geweihten Gutshofes. Die Blase drückt, seine drei Peiniger beschuldigen ihn der Spionage (doch für wen?); im Bücherregal steht ein Buch mit dem Titel Das Reich der Bäuerin. Zorrow ist in Morrzow. Zorrow ist in der Gewalt einer Bande, die sich selbst "Widergänger" nennt (obwohl das schöne Wort eigentlich mit "ie" geschrieben wird, denn es kommt von wieder). Zorrow ist in einem Reservat gelandet, in einer Gegenwelt des Hohen Wortes, auf einer Spielwiese künstlerischer Möglichkeiten und Einfälle. In Morrzow ist alles möglich und vor allem selbstverständlich, sei es auch noch so abwegig oder haarsträubend. Elektrisches Licht gibt es nicht, dafür aber einen Kaffee- und einen Zigarettenautomaten.

Die "Widergänger", angeführt vom rätselhaften Landschaftsmaler John Isegrim Reineke-Schmutz, die das verlassene Herrenhaus okkupiert haben, sind eine krude Mischung aus permanent Rührei spachtelnder Kommune, Kampftruppe und literarischem Zirkel. Sie unterhalten sich in einer Sprache, die direkt dem Grimm'schen Wörterbuch entlehnt sein könnte - ein Wortschatz, bestehend aus Märchenzitaten, Volksliedern und Binsenweisheiten. Einmal findet Zorrow einen Zettel mit dem Manifest der Widergänger: " . . . und führen den Kampf gegen alles, was droht, was blendet, verroht, was Freiheit würgt, was Schönheit meuchelt und Freude zerstört." Die Bedrohung der vermeintlich idyllischen Existenz hört auf den Namen Erk Brandstetter, ein Erzfeind aus alten Zeiten. Er vereinigt sämtliche Attribute des Bösen in sich, "fliegen kann er und Blitze schleudern, sieben Messer trägt er im Gürtel, und immer bleibt er jung". Sein Erscheinungsbild, so erzählt der Mann mit der Augenklappe Zorrow, wandele sich stets der jeweiligen Mode entsprechend.

So sitzen sie in Morrzow, warten auf die Herabkunft des Feindes, proben den Ernstfall. Willenlos und lethargisch taumelt Zorrow durch diese Welt zwischen Wahn und Realität, schläft gelegentlich mit der blassen Vera, unternimmt einen Fluchtversuch auf einer Draisine und landet am Ende wieder genau dort, von wo er aufgebrochen ist. Alle Wege führen nach Morrzow zurück. Schmutz verschwindet täglich im nahe gelegenen Nebelland, ein Bezirk, der die Erinnerung auslöscht und den nur er betreten darf, und kehrt Abends mit Skizzen zurück. Die Jahreszeiten können hier täglich wechseln, das scheint der normale Lauf der Dinge zu sein. Die Gesetze der Natur gelten hier nicht mehr, aber welche dann?

Alles bleibt vage, in der Schwebe: Wer hier wen jagt, wer überhaupt Macht hat und worüber - ein Rätsel. Welche Ziele verfolgt die plötzlich auftauchende Luise, Schmutz' ehemalige Geliebte? Hat sie Brandstetter aus dem Sumpf im Nebelland gezogen? Welche Rolle spielt der am Feuerlöschteich lebende Alkoholiker und Fischer Hans von Lange? Die Kunstfertigkeit, mit der Henning Ahrens Andeutungen fallen lässt und wieder zurück nimmt, Spuren legt, Verwirrung stiftet und mit dieser Methode sukzessive eine Atmosphäre der Bedrohung herauf beschwört, ist staunenswert. Etwas muss geschehen, und so kommt es am Ende zu einem dramatischen Showdown, der auch einem B-Western alle Ehre machen würde: Von einem Deckengemälde herabsteigende Engel liefern sich ein erbittertes Feuergefecht mit den "Widergängern"; Morrzow liegt in Schutt und Asche, und auch der Fuchs ist tot.

"War er noch bei Trost?" Angesichts eines derartig gewagten Unternehmens wie Lauf Jäger lauf dürfte sich auch Henning Ahrens selbst diese Frage gestellt haben. Unglaublich, was der bisher ausschließlich als Lyriker bekannte Ahrens in seinem Romandebüt zusammengebracht und verarbeitet, auseinandergestückelt und neu zusammengesetzt, zitiert und persifliert hat. Die durchrhythmisierte, archaisierende Sprache sitzt an diesem Roman wie ein gut geschnittener Anzug. Von Mörikes Beschwörung des fernen Landes Oplid über die Schauer- und Kriminalliteratur, die Märchentradition bis hin zu Versatzstücken aus Groschenheften hat hier ein souveräner Autor mit enormem Aufwand die Stoff- und Motivgeschichte der vergangenen Jahrhunderte durchforstet, einen Gewaltritt vom Erhabenen zum Trash unternommen und bei alldem seine eigene Stimme gefunden.

Ähnlich wie bei Georg Klein und seiner Detektivgeschichte Barbar Rosa sickert auch hier durch die Schnittstellen zwischen Realität und Imagination eine Poetik des Widerstandes, nicht gegen die literarische Moderne, aber gegen alle literarischen Moden. Lauf Jäger lauf hätte als selbstreferentielle Feier des Rückzugs in die Weltabgewandtheit ganz gewaltig aus dem Ruder laufen können. Doch Ahrens ist eine Verteidigung der enttabuisierten Schutzzone des Fiktionalen gelungen. Er kontrastiert das Banale mit den Tiefenbewegungen eines Sprachspiels mit Bedeutung, ohne reaktionär zu sein - ein zwischen Skurrilität und Phantastik flackerndes Irrlicht. Seinem maroden Helden Zorrow gelingt am Ende die Flucht durch den Nebel aus dem unbegehbaren Land zurück in die Welt der Bahngleise und Strommasten. Sie wird ihm kein Glück bringen.

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