Laufen.
Roman von Jean Echenoz
(2009, Berlin-Verlag - Übertragung Hinrich Schmidt-Henkel).
Besprechung von Thomas Laux in der Frankfurter Rundschau,
4.1.2010:
Der Mann ist zweifellos legendär. Zwischen 1949 und 1955 lief er nicht weniger als 18 Weltrekorde, pulverisierte binnen kürzester Zeit die bestehenden Bestmarken über 5000 und 10000 Meter und lief 1952, bei den Olympischen Spielen in Helsinki, mit dreißig obendrein noch den Marathon, den er gewann, was damals in Summa bedeutete: drei Goldmedaillen für die Tschechoslowakei nur durch Emil Zátopek.
Der französische Romancier Jean Echenoz hat sich dieses Ausnahmephänomens angenommen und zeigt gleich zu Beginn: Zátopeks Sportlerkarriere verlief alles andere als typisch. Der Mann hatte mit Sport zunächst überhaupt nichts am Hut. Bei ein paar unbedeutenden Wettrennen, als Heranwachsender, wird man auf ihn aufmerksam. Er laufe "merkwürdig", meint ein Trainer, aber gewiss "nicht schlecht". Sein Ausnahmetalent sollte sich erst peu à peu herausstellen, doch dann folgte eine rasante Karriere, unterstützt und gefördert von der politischen Klasse bzw. der KP.
Wie
auch schon in seinem letzten Roman "Ravel" folgt
Echenoz spezifischen biografischen Eckdaten, sichtet eine später berühmte Figur
in ihrer Zeit und macht daraus eine kleine, schlüssige, letztendlich auch
tragikomische Geschichte. Echenoz´ Roman wirkt in weiten Teilen weniger
fiktional als dokumentarisch, verquickt aber geschickt subjektive und objektive
Geschichte zum Porträt eines Getriebenen. Seine Einlassungen sind an den Fakten
orientiert, die aufgeführten Rekorde, Bestmarken sind ebenso überprüfbar wie der
historische Hintergrund.
Wir folgen Emil Zátopek, wie er mit 17 den Einmarsch der Deutschen im
Sudetenland erlebt, bis hin zum "Prager Frühling", den Reformbestrebungen eines
Alexander Dubcek, und dem Einmarsch der Russen 1968. Jahrelang war Zátopek der
Vorzeigeathlet der KP, wurde für seine sportlichen Höchstleistungen vorzugsweise
damit entlohnt, dass er sukzessive in verschiedene Offiziersgrade gehievt wurde.
Doch mit dem altersbedingten Nachlassen der Erfolge und - nicht zuletzt - mit
der unverhohlenen Unterstützung Dubceks wurde er dem Apparat suspekt und von
ebendiesem fallengelassen.
Der Langstreckenläufer war also, auch wenn er politisch eher passiv erscheint,
kein Mitläufer. Aus der Partei ausgeschlossen, landet Zátopek als Renegat in den
atomverseuchten Uranlagerminen und wird erst nach sechs Jahren von dort
zurückgeholt und zum Müllmann in der Hauptstadt "befördert" (sic!). In dieser
Funktion aber - er läuft hinter dem Müllwagen her - wird er auf den Straßen
Prags immer noch so beklatscht wie einst. "Seine Popularität ist ein Problem",
heißt es - es ist vor allem eines für die politische Führung. Fortan außerhalb
der Stadt als Erdarbeiter eingesetzt, muss er zuletzt noch ein Papier
unterschreiben, in dem er alles bereut. Auch dies geschieht ohne Aufmucken. Denn
Zátopek will nur noch seine Ruhe haben - und wirkt dabei wie ein trauriger
Clown, der seine Schuldigkeit getan hat und gehen darf. Er ist dankbar, als er
zu guter Letzt einen Posten im Kellergeschoss des Sportinformationszentrums
erhält. Wir müssen uns Zátopek also als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Echenoz nähert sich dem Mann eher dezent emphatisch, macht nicht mehr aus ihm,
als Zápotek selber zu zeigen bereit ist. Es ist dennoch eine seltsam anrührende
Geschichte. Man ist an Sartres Schlusswort aus den "Wörtern" erinnert: "Ein
ganzer Mensch, gemacht aus dem Zeug aller Menschen, und der soviel wert ist wie
sie alle und soviel wert wie jedermann."
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