Lanzarote von Michel Houellebecq, 2000, DuMontLanzarote.
Erzählung von Michel Houellebecq (2000, DuMont, 2-bändig - Übertragung
Hinrich Schmidt-Henkel).
Besprechung von Clemens Ruthner aus Der Standard, Wien vom 25.9.1999:

Stereotypen auf Lanzarote
Houellebecq geht auf Urlaub.

Letztlich kreisen alle Prosatexte dieses Skandalfranzosen manisch um das Eine: Um das Cherchez-la-femme eines postmodernen Industrie-Neurotikers, gehemmt und depressiv, aber auch böse bis zum Gehtnichtmehr. Seine Alter-Egos sind kaputte Typen, die vom Inbegriff des kleinen regressiven Glücks in einer XXX-beliebigen Muschel träumen (um hier kein schlimmeres Wort zu verwenden). Und es wären stinknormale Wichsphantasien mit ein wenig viel Entfremdungs-touch, Marke: post-und-anti-1968, unlautere Gedanken, für die man(n ) zu Recht feministische Schläge einsteckt - wäre es eben nicht: Houellebecq.

Diesmal fährt er narrativ auf Winterurlaub, um der einsamen Wein-Nacht in Paris zu entkommen - nachzulesen in den ersten Zeilen seiner Erzählung Lanzarote, wie bereits in seinem Buch Ausweitung der Kampfzone (mit Einschränkungen der beste Roman des spätesten 20. Jahrhunderts). Ein bisschen Glück in der Sonne hat der arme komplexbeladene Autor ja verdient (und auch, dass seine schönen Urlaubsfotos im Beipack zu diesem Buch veröffentlicht werden), nach all dem Selbstzerstörungsgetue, dem Ärger und dem Erfolg, den er gehabt hat: wäre man hier wieder mal versucht, maliziös zu formulieren. Allein, Houellebecq ist noch maliziöser.

Auf Lanzarote haben Vulkanausbrüche schon im 18. Jahrhundert die ursprüngliche Landschaft der Insel so zugerichtet, dass es dort nichts - oder: sehr viel - zu sehen gibt. Dementsprechend nimmt in dieser kleinen Urlaubsgeschichte der Ich-Erzähler seine leicht gelangweilte Rundfahrt mit dem Belgier Rudi und den beiden Deutschen Pam und Barbara zum Anlass einer hinterfotzigen Reflexion über Paraphernalia. Diesmal: Nationalklischees. Nirgendwo sind wir dafür anfälliger als im Urlaub; exotismusgeile Touris und ihre genervten Gastgeber sind die ärgsten Xenophoben.

Dabei neigt Houellebecq zu unerwarteten Wendungen. Nachdem er ausgiebig über "gespenstergleiche" Norweger/innen, "das suspekte Völkchen angelsächsischer Rentner" und belgische "Schnurrbartträger" hergezogen ist, singt er plötzlich unvermutet ein Hohelied (siehe oben, Stichwort: "Muschel"): "Deutsche Frauen, erklärte ich Rudi am nächsten Tag, muss man nehmen, wie sie sind; aber wenn man sich ihren kleinen Launen beugt, lohnt sich das meist, eigentlich sind es nette Mädchen."

Die Belohnung für das Positivklischee folgt auf dem Fuße: Die beiden "toleranten" Lesben Pam und Barbara nehmen den Ich-Erzähler in ihre Runde und Rundungen auf. Männerphantasien werden wahr, während Rudi sich diskret zurückzieht, eine fast pornoheftartige Urlaubsidylle. Doch die Schimpf-Orgien nehmen ihren kalkulierten Lauf in jener speziellen Art von provokanter Rollenprosa, mit der Houellebecq in die großen Fußstapfen von Thomas Bernhard pinkelt. Er ist freilich lakonischer und noch ätzender als dieser, was Leser/in nur dazu zwingt, ihn ernster zu nehmen - zumal der Autor ob seiner politisch unkorrekten Ausfälle noch weniger vereinnahmt werden kann als der große Tote aus Österreich. Das dicke Ende von Lanzarote kommt, da Rudi, von Zivilberuf Polizist in Brüssel, jener nationalen Untugend anhängt, die die Boulevardpresse gerne mit Belgien assoziiert: schon wieder ein Klischee.

Einmal mehr präsentiert Houellebecq - ähnlich wie Chris Carters Fernsehserie Millennium - das Jahrhundertende als Ausgeburt des Irrsinns und des Verbrechens, des Endsiegs vulgärmaterialistischen Denkens und diffuser Erlösungssucht. Und sein abgefeimtes Strategiespiel mit der moralischen Indifferenz der anything-goes-Ära geht auf: Egal ob sich Leser/in gegen die Zumutungen dieses Textes wehrt, er/sie ist den Stereotypen doch auf den Leim gegangen. Es gilt hier nämlich der Spruch des legendären Hosenband-Ordens: Hony soit qui mal y pense - "Selbst ein Schuft, der hier Böses denkt".

Auf diese Weise lässt uns denn dieses kleine Weihnachtsbuch einigermaßen irritiert zurück mit seiner post-postmodernen Pralinenmischung aus avantgardistischen Sektierern, großzügigen Lesben und höflichen Pädophilen. Matchball für Houellebecq, der unbefriedigt weiter träumen darf von seinen genetischen Utopien ohne Sex. Als Erzähler wird er wohl weiterhin konsequent auf Angriff spielen: das macht ihn uns so bedenklich wertvoll. []

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