Langsamer Satz von Erika Burkart, 2002, Ammann-VerlagLangsamer Satz.
Gedichte von Erika Burkart (2002, Ammann).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 28.9.2002:

Die gerettete Erde
"Langsamer Satz": Die Breitbach-Preisträgerin Erika Burkart und die Poetik der Reinen Daseinskunde

Wer heute noch ein lyrisches "Gespräch über Bäume" (Brecht) anstiften will, muss auf ironischen Widerspruch gefasst sein. Denn die Lyrik hat schon zu viele Entzauberungs- und Ernüchterungs-Lektionen absolvieren müssen, als dass ihr noch Atem bliebe für die poetische Errettung von Bäumen. Einzig die Dichtung der Schweizer Autorin und soeben mit dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichneten Erika Burkart, so scheint es, will sich diesen Atemraum nicht nehmen lassen. Seit einem halben Jahrhundert, seit ihrem 1953 publizierten Debütband Der dunkle Vogel, arbeitet sie beharrlich an einer Poetik der innigen Naturfrömmigkeit. Bedeutende Verbündete der Dichtung als "reiner Daseinskunde" waren in den frühen fünfziger Jahren Wilhelm Lehmann und Günter Eich, deren Naturenthusiasmus von zahlreichen Epigonen zum idyllisierenden "Floristenevangeliar" (Peter Rühmkorf) banalisiert wurde. Eich revidierte alsbald seine "Botschaften des Regens" zugunsten einer sprachskeptischen Poetik der Negativität, die allen Sinngebungen abschwor. Ab Mitte der sechziger Jahre galt "Naturlyrik" plötzlich als Inbegriff apolitischer Rückständigkeit - und man beeilte sich, Lehmanns Konzept vom "grünen Gott" als reaktionär zu denunzieren.

Während allerorten die Stunde der politisierten Dichter schlug, verfeinerte Erika Burkart stetig ihre Poetik der lyrischen "Naturmagie". Auch in ihrem jüngsten Gedichtband Langsamer Satz, der anlässlich ihres achtzigsten Geburtstags im Februar erschienen ist, demonstriert Burkart ihre animistische Verbundenheit mit den Bäumen, als gelte es, einen zentralen Topos ihrer Poesie noch einmal zu bekräftigen. In ihrem Hymnus auf eine alte "Sommerlinde", in dem sie ein Selbstporträt versteckt hat, preist die Dichterin nicht nur die heilenden Wirkungen dieses Schöpfungs-Wunders, sondern auch sein architektonisches Ideal-Maß. Die "Sommerlinde" wird zum "Sakralbau", der in idealer Weise zwischen Erde und Himmel "die Leere zwischen den Blättern / mit Licht dehnt". An anderer Stelle werden dann "Tannen ... einer höheren Ordnung" beschworen, die eine "Lichtung" freigeben und "ein Feuer im Schnee". Das Baum-Gedicht als Gottesbeweis und naturmystische Illumination - seit einem halben Jahrhundert erweist sich diese Konstellation als poetisches Erkennungszeichen Erika Burkarts. Rund dreißig Gedichtbücher und kleine Romane hat sie seit ihrem Debüt publiziert und ihr naturmagisches Programm in einem Buchtitel von 1960 prägnant zusammengefasst: Die gerettete Erde.

Das stetige Beschwören des naturpoetischen Schöpfungsakts hat sich die Autorin auch nicht von den ironischen Aufklärern der siebziger und achtziger Jahre austreiben lassen. Wenn in einem der neuen Gedichte ein "Mann, einen Baum pflanzend" porträtiert wird, dann wird das zur naturreligiösen Urszene von großer Feierlichkeit: "Er kniet im Gras, / senkt die Wurzel ins Loch, / legt Seitenwurzeln aus, / richtet das Stämmchen, streut Krumen, / Widerschein im Gesicht, / Erdstrahlung, abends, / gespeicherter Wärme." Das sind, kein Zweifel, Bilder eines Erleuchteten.

Schon in ihrem Bekenntnis zur Droste aus dem Jahr 1959 sprach Burkart von der Beheimatung "in den ganzheitlichen Gründen der Präexistenz" und von der drohenden Vertreibung aus diesem "Gnadenzustand der Frühzeit". An der kosmologischen Einheitsvorstellung von Ich und Natur hat die Autorin bis heute festgehalten - mit ihrer animistischen Sehnsucht nach Verschmelzung mit den Naturphänomenen und nach einer Spiritualisierung der Landschaft steht sie freilich alleine da auf einem Terrain, auf dem man jede Ganzheitsvorstellung zertrümmert hat. Seit vielen Jahren hat sich Erika Burkart in eine ehemalige Klosteranlage im Kanton Aargau zurückgezogen, um dort nach jenen "Zauberworten" für die Schöpfung zu suchen, an die in der postmodern ernüchterten Gegenwartspoesie keiner mehr so recht glauben will. Auch die Gedichte in Langsamer Satz erteilen dem Dichter ausdrücklich die Lizenz für seine magische Verwandlungskunst, um "den Schneezauber (zu) sprechen" und "die Distanzen zwischen den Wesen / orphisch zu mindern im Klang". In selten gewordener Kühnheit wird hier noch einmal die Aktualität der alten Lehmannschen Frage behauptet: "Ist nicht jedes gelungene Gedicht Naturdichtung?"

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