Landschaft
mit Wölfen.
Roman von Matthias Altenburg (1999, dtv
12715)
Besprechung von Hartmut Ernst,
Homepage Kübelreiter:
Ein zynisch angelegter Protagonist entdeckt (?) die Welt. Zumindest
erfindet er Frankfurt (a.M.) neu: als absurdes Panoptikum jener beiläufigen Existenzen,
deren heutzutage die Welt (über)voll zu sein scheint.
Die Fülle schräger und blutleerer, verkümmerter Gestalten täuscht nicht über die
Einfallslosigkeit hinweg, der sich der Verfasser bedient hat, um seine Wenigkeit
auszudrücken (die autobiographische Anspielung im Erzähler/Protagonistennamen
"Neuhaus" auf den Verfassernamen "Altenburg" ist nicht zu übersehen).
Schwach religiös verklammerte Spott- und Hohntiraden wechseln mit larmoyanter
Geschwätzigkeit, um einzig und allein einem unreflektierten nihilistischen Grundgefühl
Ausdruck zu geben, das einmal den bislang zurückgehaltenen "gelben
Hustenschleim" loswerden will.
Ja: Es sind Spuren gelegt in Hülle und Fülle. Tiermotive - ein quasi barocker
Vanitas-mundi-Gestus, biblisch-religiöse Einsprengsel. Aber all das gelingt nicht zu
einer Einheit, sondern fährt auseinander zu einer widerwärtigen und gefühllos
heruntergeschriebenen Plattitüde, die zusammenhangslos nach einem Leser sucht, der sich
nicht die Mühe machen will, etwas Bedeutsames zu entdecken. Selbst das dargebotene
Menschenbild ("homo homini lupus") ist nicht neu.
Der Roman liest sich wie eine exemplarische Bestätigung dieser Annahme bzw. Theorie.
Altenburg eifert möglicherweise seinem Vorbild und Übervater Houellebecq nach - und
bleibt damit ebenso nichtssagend wie dieser. Er zeigt allenfalls, daß die Literatur
heute, wenn sie sich nicht auf Werte zurückbesinnt, verstümmelt und defizitär bleiben
wird. Wo nur noch abbildend-naturalistisch (allerdings in perspektivisch-vereinseitigter
und verengter Form) ein Gesellschaftsausschnitt dargeboten wird, bleibt Literatur hinter
ihrer Möglichkeit und ihrem Auftrag zurück: die Welt zu verändern und zu gestalten.
In diesem Roman wird nur noch schulterzuckend und resigniert das Handtuch geworfen vor
einer scheinbaren Faktizität, die der Leser als "hingekotzten" Auswurf
konsumieren darf. Mag sein, daß gelegentlich Widerwille oder andere Emotionen aufkommen:
Eindeutig werden sie jedoch nicht. Der abschließende Showdown (konjunktivisch als
Möglichkeit verschleiert) bringt weder Reinigung noch Erlösung, sondern ist ein
zusätzlich belastendes Faktum, das dem Erzählten in dumpfer Addition hinzuzufügen ist.
Abgesehen davon, daß die Fäkaliensprache Altenburgs jeden einigermaßen zivilisierten
Menschen anwidern muß, dringt das Erzählen niemals in eine reflektierende und das
Erzählte hinterfragende Distanz vor. Der zur Genüge dargebotene Sarkasmus reicht nicht
zur Ironie. Wo z.B. die Banalität einer Party-Konversation gezeigt werden soll, wird
lediglich unreifer Spott ausgeschüttet, statt eine distanzierte Bloßstellung zu
versuchen.
Die misanthropische Grundstimmung des Romans ist nicht neu. Dergleichen kennt man z.B. aus
Schnitzlers Erzählungen. Aber in ihnen geht es eben nicht nur um hilfloses Abbilden,
sondern um empörtes Gestalten: Das Falsche, Defizitäre ist immer Auslöser einer
Umkehrbewegung oder zumindest einer definitiven Ausweglosigkeit, die den Protest des
Lesers evoziert. Altenburgs Roman jedoch zeigt einen vom Leben angewiderten und gelähmten
Mittdreißiger, der sich an einer Reihe von (teilweise treffend gezeichneten) Charakteren
abarbeitet, um zuletzt am selben Punkt, auf dem er bereits zu Anfang stand, einen blassen
Amoklauf zu inszenieren. Es gibt keine Entwicklung, keinen Zuwachs an Erkenntnis.
Dann aber stellt sich die Frage, warum der Protagonist nicht schon zu Anfang des Romans
jenen Punkt erreicht hat, der ihm erst zum Schluß zugestanden wird. Denn: Nichts, absolut
nichts von all den beschriebenen Erfahrungen trägt irgendwie dazu bei, den Fortgang und
Abschluß der Geschichte plausibel zu machen. Die in biblisch-mythologischer Analogie
inszenierte 7-Tages-Geschichte bleibt ein unklares und unverbindliches Gemisch aus mehr
oder weniger witzigen und interessanten Einfällen und Beobachtungen.
Zur Gestaltung dieses durchaus ergiebigen Stoffes hat es bei Altenburg nicht gereicht.
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