Landnahme von Christoph Hein, 2004, Suhrkamp

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Landnahme.
Roman von Christoph Hein (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 24.1.2004:

Der Umsiedler
Ein Roman, der passt: Christoph Heins "Landnahme" erzählt die Geschichte des Dickschädels, Hasardeurs und Bürgers Bernhard Haber aus Schlesien

Der neue Roman von Christoph Hein, Landnahme, könnte ein Klassiker werden. Er liegt thematisch im Trend, ist formal so perfekt wie ein goldener Schnitt, und vor allem streift er die Dimension einer griechischen Tragödie. Hein erzählt nichts weniger als die Geschichte eines Racheverzichts, und deshalb - nur deshalb - zugleich die einer schmerzlichen, doch gelungenen Integration. Es ist die Erfolgsgeschichte eines Dickschädels, Bernhard Haber, Umsiedlerkind aus Breslau. 1950 kommt er im Alter von zehn Jahren in eine sächsische Kleinstadt namens Guldenberg, wo die überall einquartierten Vertriebenen auf eine breite Front der Feindseligkeit stoßen und wo Bernhard und seine Eltern viele harte Proben zu bestehen haben: Die Scheune und bescheidene Tischlerei des Vaters wird durch Brandstiftung vernichtet; Bernhards geliebten Hund Tinz findet man tot, mit einer Drahtschlinge erwürgt; und sogar sein Vater wird eines Tages erhängt aufgefunden. Dabei schien es, als ginge es endlich ein bisschen aufwärts.

Die Gewissheit, dass es kein Selbstmord war, sondern das Ergebnis einer im Alkoholrausch geschlossenen Wette, erfährt Bernhard Haber viele Jahre später, an seinem vierzigsten Geburtstag - von einem Priester, der ihn trösten will: Sein Vater sei "nicht als Sünder" gestorben, was Bernhard im Zweifelsfall egal wäre. Ganz und gar nicht gleichgültig ist ihm jedoch zu erfahren, wer seinen Vater tötete beziehungsweise wer hinter jener dubiosen Wette stand. Er wird es nicht erfahren, nicht ganz. Und will es auch nicht mehr. Denn Bernhard Haber ist inzwischen ein wohlhabender, angesehener Mann der Stadt, mit einer florierenden Tischlerei, einer braven Ehefrau, zwei Kindern und einer Prachtvilla. Seinem Freund Sigurd vertraut er an: "Vielleicht brauchte es erst das Blut meines Vaters, dass ich hier heimisch werde, dass man mich akzeptiert."

Geheimnisvolles Innenleben

Eine Opfertheorie und wahrlich archaische Einsicht durchschlägt also den Kreislauf der Blutrache, durchschlägt das Gesetz von "Auge um Auge, Drahtschlinge für Drahtschlinge", wie Bernhard den biblischen Text aus gegebenem Anlass einmal variiert. Zur Rache meint Bernhard nicht nur einen Anlass zu haben, aber nur einmal wird er dem dunklen Trieb nachgeben.

Wie sein Held ist Christoph Hein in Schlesien geboren, am 8. April 1944 - er feiert demnächst seinen sechzigsten Geburtstag. Wie sein (wenig älterer) Held ist er bei Leipzig aufgewachsen - wo grob das fiktive Guldenberg liegen muss (das wir schon aus dem Roman Horns Ende kennen). Weitere Gemeinsamkeiten mit dem Helden seines jüngsten Buchs sucht man vergeblich. Hein, den man als Sohn eines Pfarrers wegen "politischer Unzuverlässigkeit" das Gymnasium nicht besuchen ließ (er tat es dann in Westberlin), hat mit der Figur des Bernhard Haber das Gegenteil des Bildungsbürgers oder gar Künstlers geschaffen.

B.H. ist der renitente, stolze, begriffsstutzige Schüler, der selten spricht, aber Kraft in den Fäusten hat. Die Mitschüler tuscheln hinter seinem Rücken über den "Polacken", hüten sich aber, es ihm ins Gesicht zu sagen. Wer seinen Hund umgebracht habe, droht er ihnen, den werde er umbringen. Und als der Direktor den eher kleinwüchsigen Jungen vor versammelter Klasse zwingt, die Drohung zurückzunehmen, weigert er sich stoisch. Bernhards Banknachbar bewundert ihn für diesen Sieg ohne Triumphalismus. "Ein richtiger Mann", wird seine Schwägerin später konstatieren. Auch wenn sie zu erkennen meint, dass er in seinem Herzen ein Kleinbürger sei.

Auf fünf Ich-Erzähler hat Christoph Hein die Geschichte des Bernhard Haber verteilt. Dieser selbst spricht nicht, mit der Konsequenz, dass Bernhards Innenleben bis zuletzt geheimnisvoll bleibt. Jeder der fünf Erzähler hat ihn irgendwann in seinem Leben getroffen, und während sie sich erinnern, schälen sich wiederum ganz eigene, interessante Charaktere heraus. Da ist Tomas Nicolaus, der feinfühlige Apothekerssohn, der mit Bernhard, Spitzname "Holzwürmchen", zusammen zur Schule ging. Da ist Marion Demutz, seine erste Freundin, die ihn verlässt, als ruchbar wird, dass Bernhard sich an den Zwangskollektivierungen der privaten Bauern an vorderster Front beteiligt. Da ist Peter Koller, die große, scheiternde Gegenfigur zu Bernhard. Er wandert für ein paar Jahre wegen Fluchthilfe ins Gefängnis, und obwohl Bernhard ihn in das Schleusergeschäft eingeführt hat, verpfeift er ihn nicht ("Ich allein bin der Idiot"), ein feiner Kerl. Da ist die lüsterne Katharina Hollenbach aus Spora, Bernhards Schwägerin, die ihn ziemlich rasant verführt; und schließlich Sigurd Kitzerow, der Sägereibesitzer und Freund der prosperierenden Jahre bis über die Wendezeit hinaus. Ihm hat Bernhard viel zu verdanken, zum Beispiel "als erster Umsiedler" in den Kegelclub aufgenommen worden zu sein, die Vereinigung der Selbständigen, von den Funktionären als "Industrie- und Handelskammer" verspottet.

Am Ende des Buchs, das in der Gegenwart endet, haben wir fünf unterschiedliche Perspektiven auf Bernhard Haber kennengelernt, verteilt auf fünf Jahrzehnte in Guldenberg seit 1950. So entfaltet sich einerseits das Psychogramm einer zunächst noch diffusen, dann sich verhärtenden, schließlich überwundenen DDR; andererseits ein Spektrum von Charakteren im La Bruyère'schen Sinne: Sittenbilder, die dem Historisch-Konkreten enthoben sind.

Und genau diese Vermischung der Sphären - hier die menschliche Typenlehre, dort die politische Geschichte der DDR - garantiert, dass einfache Kausalbeziehungen (zwischen Herkunft und Werdegang) ausgeschlossen bleiben. Dies ist um so wichtiger, als Christoph Hein durchaus dem realistischen Erzählen zuneigt. Glücklicherweise schließt sein Realismus aber das Poetische, Zufällige ein. Zauberhafte Szenen hält die sogenannte Wirklichkeit bereit, wenn etwa Bernhard seine Freundin Marion darum bittet, ein Wannenbad nehmen zu dürfen - und dann Ewigkeiten im lauwarmen Wasser durchweicht. Die wenigsten hatten damals ein Bad, und die Umsiedler schon gar nicht.

Der 17. Juni als Jungsgeschichte

Wenn gelegentlich etwas irritiert an dieser Rollenprosa - die Hein seit Drachenblut (Der fremde Freund) bewundernswert beherrscht, ganz besonders, wenn er Frauen sprechen lässt -, so liegt es wohl in der Gattung selbst begründet. Sie stößt schon allein deshalb an Grenzen, weil der zeitgeschichtliche Kontext an Komplexität unvermeidlicherweise auch einmal den Horizont der erzählenden Figur übersteigt. Beispielsweise wirkt es merkwürdig, wenn Marion Demutz, die mit Bernhard den Stupor des schlechten Schülers teilt, plötzlich den Leser höchst eloquent über die Enteignungen der Bauern und Zwangskollektivierung in der LPG gegen Ende der fünfziger Jahre informiert.

No politics scheint die Devise der fünf Erzähler(innen) zu sein. Keiner hat sich mit der DDR gemein gemacht, und natürlich prägt das die Darstellung zum Beispiel des 17. Juni 1953, der als Jungsgeschichte erzählt wird - von Peter Koller. Während die Arbeiter auf dem Marktplatz protestieren und die Eltern an den Radios hängen, weil in Berlin "der Teufel los" ist, klauen Peter und Bernhard deren Werkzeug von der Baustelle. Übrigens keine harmlose Sache, denn einer der Protestierer muss wegen "Verunglimpfung der Polizei" für drei Jahre ins Gefängnis; er hatte behauptet, ein Polizist habe den Diebstahl begangen. Bernhard neigt nicht zu Mitleid, er grinst sich eher einen, wie besonders in dem langen, wichtigen Koller-Kapitel zu erfahren ist.

Dieser fragt ihn auch, später, als die beiden als Fluchthelfer ins Geschäft kommen, wieso er bei der "Geschichte mit den Bauern" dabei gewesen sei? "Rache ist süß, Koller", antwortet Bernhard. Dass er auch Bauer Griesel auf die Pelle gerückt war, hat man ihm im Ort besonders übel genommen, denn bei Griesel war Bernhards Familie zuerst untergekommen. "Weißt du, Koller, ich hatte mir geschworen, mich zu rächen. Für die waren wir die ganzen Jahre die Hungerleider, und so haben sie uns behandelt. Und plötzlich waren sie es. Die sollten es mal erleben, alles zu verlieren. Da brauchte man mich nicht lange zu bitten, ich war sofort dabei. Wie Dreck hatten sie uns behandelt." Griesel sei keine Ausnahme.

Christoph Heins Roman Landnahme kommt zur rechten Zeit, und es gehört zum Ingenium des Schriftstellers, das zu erspüren. Wahrscheinlich müssen wir neu sehen lernen: die DDR der fünfziger und sechziger Jahre und die Geschichte der Vertriebenen auch. Christoph Heins Buch trägt ganz gewiss zur Differenzierung bei in einem Klima, das sich zum Teil doch recht erinnerungsselig den zivilen Opfern des Zweiten Weltkriegs zuwendet. Aber der Roman zeigt auch Schwierigkeiten auf, in die sich begibt, wer Anthropologie und Politik vermischt. Habers Sohn Paul verprügelt nach der Wende "Fidschis", und es nützt nichts, dass sein Vater ihn daran erinnert, sein eigener Großvater sei ein Vertriebener gewesen. "Das ist etwas anderes, Paps. Großvater war ein Deutscher. Er hatte einen Anspruch darauf, hier zu leben." Eine schwache Stelle in einem starken Roman. Bernhard Haber, der der Rache abschwört, sollte so einen Sohn nicht haben.

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Landnahme von Christoph Hein, 2004, Suhrkamp2.)

Landnahme.
Roman von Christoph Hein (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Ursula März in Die Zeit vom 29.1.2004:

Ein prächtiger Außenseiter
In seinem Roman „Landnahme“ lässt Christoph Hein fünf Jahrzehnte deutscher Geschichte wiederauferstehen

Dieser Bernhard Haber ist in der Tat ein Prachtexemplar des literarischen Außenseitertyps. Hätte es ihn in den Siebzigern schon gegeben, er schmückte jede germanistische Doktorarbeit, die damals entstand und den Begriff des Außenseiters im Titel führte. Aber Haber kommt frisch aus der Werkstatt von Christoph Hein, einem der bedeutendsten Schriftsteller der kritischen DDR-Literatur, der im Westen mit seinem Roman Drachenblut bekannt wurde.

Haber ist die Hauptfigur in Heins neuem Roman Landnahme, einem Zeit-, Provinz- und auch DDR-Roman, der sich über beinahe fünf Jahrzehnte streckt. Bernhard Habers Platz ist zunächst am Rand der sächsischen Kleinstadt Guldenberg. Als Zehnjähriger kommt er 1950 mit seinen Eltern aus Breslau. Die Guldenberger legen auf den Zustrom dieser Habenichtse keinen Wert. Das lassen sie die Familie spüren. Sie begegnen den Vertriebenen mit dem Schimpfwort „Polacken“. Sie helfen dem Ressentiment mit Taten nach. Ein Jahr nachdem Bernhards Vater, ein kriegsinvalider Tischler, begonnen hat, sich eine kleine Werkstatt einzurichten, brennt sie ab. Bernhards Hund, „sein einziger und wirklicher Freund“, wird umgebracht.

Das reicht, um ein Kind, einen Jugendlichen bis in die letzte Faser hinein zu kränken und so misstrauisch, verstockt, zäh, aggressiv zu machen, wie Bernhard es ist. Und es reicht, um seinen Willen auf ein einziges Ziel hin zu bündeln: es Guldenberg zu beweisen. Was ihm auch gelingt. Am Ende steht Bernhard Haber auf der Rathaustreppe und dirigiert das Karnevalstreiben; Stadtrat, Villenbesitzer, Unternehmer mit überfliegendem Geschäftserfolg. Die Wende hat ihn reich gemacht, seinen Platz im Establishment Guldenberger Mittelständler, das es offensichtlich auch in der DDR gab, befestigt. Eine Biografie wie aus dem Lehrbuch der Aufsteigersoziologie.

Als literarische Gestalt aber geht Bernhard Haber in diesem Sozialporträt nicht auf. Er überragt es, wie viele Figuren Christoph Heins, um eine existenzielle Spanne, die aus einer Figur ein nicht ganz erklärliches, mit historischen, psychologischen Kategorien allein nicht zu packendes Wesen macht. Die entseelte Ärztin in Heins Erfolgsroman Drachenblut ist ein solches und Haber ebenfalls. So materialistisch, so pragmatisch bis zum schieren Opportunismus er auch daherkommt, seine Vorfahren sind die unheimlichen Fremdgestalten der deutschen Romantik.

Bernhard Haber ist buchstäblich ein Fremdkörper in Guldenberg, das heißt, er ist zunächst vor allem: Körper. Gedrungen, untersetzt, von einschüchternder Kraft. „Wenn er den Ball in Besitz bekommen hatte, wagte keiner, sich ihm in den Weg zu stellen, denn er lief alle um und schnurstracks mit dem Ball bis zum Torkreis, um ihn dann mit einem mächtigen Wurf ins Tor zu donnern.“ Dieser physischen Hochprozentigkeit entspricht eine kommunikative und perzeptive Trübheit. Haber ist einsilbig bis zur Verstummung. Seine Jugendfreundin, die zwei Jahre neben ihm spazieren geht und die Bernhardsche Konversationswüste mit ihrer Plapperei beregnet, wüsste hinterher nicht zu sagen, was Haber außer „ja“, „nein“, „will ich“, „will ich nicht“ je über sich gesagt hätte. Und er ist, zumal wenn es um Schulwissen geht, verlangsamt bis zur Apathie. In seinem Wesen finden sich Merkmale sowohl des Wilden als auch des Apparathaften, die jeweils zum Unheimlichen neigen.

Aber Bernhard Haber, immerhin Hauptfigur, ist im Grunde auch verschlossen gegenüber der Romanerzählung. Denn diese setzt sich aus fünf Einzelerzählungen zusammen, jede betitelt mit einem Namen der von Haber Berichtenden: Thomas Nicolas, Katharina Hollenbach… Fünf Stimmen von Schulgefährten, Geliebten, Bekannten, Geschäftskollegen. Sie berichten von Habers Lebenslauf in biografischen Portionen, die absichtsvoll kein Ganzes ergeben, sich überschneiden und ergänzen oder widersprechen. Die fünf kramen heraus, was sie von Haber wissen – und bestaunen immer wieder ihr Unwissen. Denn vom Gestus her ist Heins neuer Roman zunächst eine Suche von fünf Erzählern nach ihrer Hauptfigur und eine Suche nach einer Antwort auf die Frage: Wer ist der Typ eigentlich? Wie kam er, der bis dahin auch politisch Ungerührte, dazu, sich in jungen Jahren plötzlich und rabiat an einer Enteignungskampagne zu beteiligen, später für gutes Geld einen illegalen Fluchthelferring zu betreiben? Warum heiratete er eine Frau, an der ihn vor allem eine Eigenschaft, ihr fast sklavischer Mädchengehorsam, angezogen haben muss?

Die ästhetisch eigentlich immer elegant wirkende Fähigkeit der Rondokomposition, große Erzählfülle zu kombinieren mit entscheidenden Erzähllücken – Christoph Hein weiß sie vorbildlich zu nutzen. Er bringt mit Typen und Charakteren, mit allem realistisch-historischen Drum und Dran den Kleinstadtkosmos Guldenberg auf die Bühne: die Wirtschaftswunderlicheit der DDR zwischen zentralistischer Steuerung und schelmenhafter Unterwanderung, den Bau einer Brücke, die schöne Episode einer Ballonfahrt übers Land, den Blick unter den Minirock eines vorbeireisenden Fräuleins, das Haber und den Rest der Guldenberger Männer nervös auf dem Odysseusfloß herumrudern lässt.

Und doch behält das personale Zentrum, behält dieser Bernhard Haber inmitten der Fülle an Konkretem die Abstraktheit einer Beckett-Figur. Ja, der Roman lässt die Fantasie zu, es gebe ihn gar nicht richtig. Oder: Es gebe ihn nicht mehr. Denn in der Erzählform steckt die Redeform des Nekrologs, des gedenkenden, herbeirufenden Gesprächs über einen Abwesenden. Da dieser aber, so die Erzählprämisse, noch rege seinen Geschäften nachgeht, steckt in Landnahme in letzter Konsequenz auch ein moderner Gespensterroman. Fünf Chronisten umkreisen ein Mysterium.

Mysteriös? Von kaum einem anderen Begriff scheinen das Prosawerk und die Gestalt Christoph Heins weiter entfernt zu sein. Er hat sich oft und deutlich als „Chronist ohne Botschaft“ charakterisiert. Sein Erzählton ist berichtend, protokollierend. Seine Prosa besitzt die Textur eines protestantischen Rationalismus. Sie leistet sich Metaphern wie der sparsame Esser Fleisch zu den Festtagen. Und sie belastet sich – zumal gegen das Romanende hin – mit einem etwas brechthaften, etwas bühnenmäßigen Dialogschematismus, den die Figuren zu spüren bekommen. Nicht ohne Verrenkung passen einige in die Erörterungen und Gedanken hinein, die der Autor ihnen zuteilt.

Die einzige Obsession, die sich an der Oberfläche dieser Prosa feststellen lässt, gilt der Entfaltung von Gegenstands- und Alltagswelt. Hier liegt eine von Christoph Heins großen Stärken. Wer gelesen hat, wie Willenbrock im gleichnamigen Roman in den Neunzigern einen Gebrauchtwagenhandel betreibt, kann einen solchen aufziehen, denn er hat außer einem Roman einen Schnellkurs für Marktwirtschaft hinter sich. Wer wissen will, wie und warum winterliches Hochwasser und gestaute Eisschollen den Bau der Guldenberger Brücke gefährden und was dagegen zu tun ist, erfährt es auf spannendste Weise in Landnahme.

Dieser Sachlichkeit verdankt Heins Erzählen das Klima der Realitätsvertrautheit und eine bestimmte Ästhetik der Unauffälligkeit. Aber dieser Stil kontrastiert auf gewittrige Weise mit den Realitätsextremen, den Ungeheuerlichkeiten, von denen Heins Geschichten ausgehen oder auf die sie zulaufen: Gewalt und Gewalttaten, Barbareien und Pathologien. Willenbrock wird Zug um Zug in eine Art Bürgerkrieg verwickelt. Der Spieler im Napoleon-Spiel legt aus der Haft heraus dar, weshalb sein Denken und Handeln auf einen Willkürmord hinauslaufen mussten. In Landnahme zünden sich Geschäftskonkurrenten gegenseitig die Betriebe an oder stehen im Verdacht, dies tun zu wollen. Jahre nach dem Tod von Bernhard Habers Vater bestätigt sich, was der Sohn seit je ahnte und was ihn am meisten umtrieb: Sein Vater wurde von Guldenbergern ermordet.

Es gibt in Christoph Heins Literatur ein Urmotiv, auf das er immer wieder zurückkommmt: die unerledigte Kränkung; das Motiv des Traumas also. Es unterströmt bei aller Humoristik jeden Satz, jede Handlungskurve. Und es erzeugt den Sog unheimlicher Erwartung, die in Bernhard Haber, Allegorie durch die Gegenwart geisternder Vergangenheit, Gestalt annimmt: die Erwartung der Retraumatisierung. Heins Geschichten schauen auf Kränkung zurück und dem Schrecken entgegen, ob er eintrifft oder nicht. Sie besitzen ein fast abergläubisches Verhältnis zu diesem Gedanken der Wiederkehr und verdanken ihm ihren pathogenen und ihren mysteriösen Zug.

Haben wir es hier tatsächlich mit einem Zeitroman deutscher Nachkriegs-, DDR- und Wendegeschichte zu tun? Oder mit einer historischen Kunstwelt, die der realen auf faszinierende Weise ähnelt? Beides. Den Kegelclub Guldenberger Mittelständler, „sozusagen der heimliche Unternehmerverband von Guldenberg“, in den Bernhard Haber aufgenommen wird, könnte es im Schwäbischen so gut gegeben haben wie im Sächsischen. Er besitzt alle Attribute des Historischen – und zugleich die Aufladung des Fantastischen. Scharf betrachtet, ist Landnahme eine Hybridzüchtung, ein Uwe-Johnson-Brecht-Gewächs, das Kleist-Blüten hervorbringt. Keine Frage: Im Gewächshaus der Gegenwartsliteratur kommt dieser Mischung hoher Rang zu. Nur gewinnt man den Eindruck, dass sich der Roman gegen die exotischen Anteile seines Wesens wehrt. Dass ihm im Zweifelsfall die politisch korrekte Mitteilung wichtiger ist als das exzessiv überschießende Motiv. Es gibt in Heins neuem Roman eine bestimmte Richtungslosigkeit, die ein solches Prosawerk in den Händen eines weniger dramaturgisch versierten, weniger erzählfähigen, weniger intelligenten Autors zerfallen ließe.

Bei Christoph Hein, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert, sind auch Problem und Widerspruch noch interessant. Er ist als Chronist zu beobachten, der mehr Mysterien umkreist, als ihm womöglich lieb sind.

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Landnahme von Christoph Hein, 2004, Suhrkamp3.)

Landnahme.
Roman von Christoph Hein (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Wolf Scheller in Rheinischer Merkur, 19.02.2004:

Der neue Roman von Christoph Hein über ein Tabuthema der DDR
Flüchtlinge im Arbeiterparadies

Der „Holzwurm“ Bernhard Haber aus Bad Guldenberg, einer fiktiven Kleinstadt in der Nähe von Leipzig, kommt uns vertraut vor. Als Zehnjähriger ist er mit seinem kriegsversehrten Vater, einem einarmigen Tischler, aus Schlesien in dieses spießige Nest geraten, das schon in Christoph Heins erstem Roman „Horns Ende“ als niederträchtig und feige beschrieben wird. Und der „Holzwurm“ Bernhard Haber fügt sich in Heins jüngstem Roman zunächst auch nahtlos in die Reihe seiner literarischen Vorgänger ein.

Ob Willenbrock oder Fiarthes, ob Horn oder Dallow – alle sind sie samt und sonders Antihelden, Verlierertypen, die sich in einer heillosen Welt zurechtfinden sollen, Kränkungen erleiden, Demütigungen, für die sie sich rächen wollen. Bernhard Haber steht ihnen in nichts nach, auch wenn der Autor hier die Spirale weiter dreht und seine Erzählfigur zum mittelständischen Spießbürgerglück der Nach-Wende-Jahre aufrücken lässt.

Hein beschreibt dieses Bad Guldenberg als ein verschnarchtes böses Nest, in dem jeder jeden kennt, jeder Fremde – und die Habers sind als Vertriebene mehr als nur unerwünscht – scheel angesehen wird. Den Habers geschieht Schlimmes: Dem Tischlermeister wird die Werkstatt abgefackelt, dem Sohn der Hund umgebracht – und das alles nur, weil man Flüchtlinge wie sie aus dem Osten nicht in der Stadt haben will.

Hein, Jahrgang 44, aus Schlesien gebürtig, mag hier eigene Erinnerungen verarbeitet haben. Jedenfalls behandelt er ein Thema, das in der DDR totgeschwiegen wurde und erst jetzt in der Rückschau viele Menschen beschäftigt. Dieser zweite Staat auf deutschem Boden und seine Gesellschaft priesen zwar die Völkerfreundschaft, für jene aber, die durch den Krieg Hab und Gut verloren hatten und sich in der damaligen Sowjetzone ansiedelten, hatten die Einheimischen selten ein gutes Wort übrig. Das war im Westen nicht viel anders. Bei Christoph Hein geht es aber um die menschliche Tragödie, die ein Leben umfasst, das sich aus erzwungener Absonderung und Demütigung entfaltet. Bernhard Haber kann nicht vergessen, seine Erinnerung ist unversöhnlich. Diejenigen, die ihm und seiner Familie Schaden zugefügt haben, sollen nicht davonkommen, auch wenn er ihnen nichts beweisen kann.

Nach der lustlos absolvierten Schule macht er eine Tischlerlehre, wird Karussellbesitzer und verdient als Fluchthelfer insgeheim eine Menge Geld. Und vor allem hat er Glück. Seine Mitstreiter wandern ins Gefängnis, als die Gruppe auffliegt, er selbst bleibt unentdeckt und steigt in Bad Guldenberg zum allseits respektierten Bürger auf, verheiratet, zwei Kinder. Irgendwann erhält er die Bestätigung, dass sein angeblich durch Selbstmord umgekommener Vater in Wahrheit umgebracht worden ist, von einem inzwischen verstorbenen Saufbold, den ein paar Kegelbrüder aus dem „Club der zwölf Aufrechten“ zu der Tat angestiftet hatten. Aber eigentlich interessiert sich Bernhard Haber jetzt nicht mehr für diese Hintergründe, die er schon geahnt hatte. Heute will er seine Ruhe haben, fünfzehn Jahre nach dem Geschehen jedenfalls keinen „Krieg“ mehr anfangen.

Spätestens an dieser Stelle verlässt der „Holzwurm“ Bernhard Haber die Heinsche „Schlachtordnung“: Haber, der Empörer, der Beleidigte und Erniedrigte, der es aller Welt zeigen wollte – der hat sich am Ende angepasst, lässt sich zum Karnevalspräsidenten wählen und sieht tatenlos zu, wie sein missratener Nachwuchs „Fidschis“ vermöbelt, jene neuzeitlichen Vertriebenen, die es in den SED-Staat verschlagen hatte.

Christoph Hein erzählt auch in diesem neuen Roman eine streng komponierte Chronik, das heißt: Er lässt Bernhard Habers Leben aus der Erinnerung und Perspektive verschiedener Personen erzählen. Manches, was da zunächst unvollkommen und ungereimt ins Wort kommt, wird durch Erinnerungsbilder im nächsten Kapitel eingeholt. Die Chronisten, die hier erzählen, haben mit Bernhard Haber auf vertrautem Fuß gestanden, ihn aus nächster Nähe erlebt, in der Schule, später als Erwachsene. Der Sägereibesitzer Sigurd hält ihm die Stange und bewahrt ihn vor allem nach 1989 vor Dummheiten. Seine Schwägerin Katharina – Kathy – sorgt dafür, dass er in der Liebe nicht zu kurz kommt, sein Freund Peter Koller geht für ihn ins Gefängnis, und sein Klassenkamerad Thomas Nicolas nimmt ihn in Schutz, wo er nur kann. Aber „Landnahme“ ist eben auch ein Roman über die Gründerjahre der DDR. Das Unrecht, das vielen damals durch willkürliche Enteignungen zugefügt wurde, kontrastiert mit der Selbstgerechtigkeit der Opportunisten, die sich in jedem System einzurichten verstehen. Hein klagt sie nicht an, aber er stattet seine Charaktere gewissermaßen mit doppeltem Boden aus. Einmal sind sie Rollenträger, das andere Mal stehen sie ganz individuell vor uns. So begegnet uns dieser Autor einmal mehr als scharfsichtiger Vivisekteur eines Gesellschaftssystems, das im Nichts verschwunden ist, uns aber noch lange beschäftigen wird.

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Landnahme von Christoph Hein, 2004, Suhrkamp4.)

Landnahme.
Roman von Christoph Hein (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 26.2.2004:

Das Kleine, das Private ist das Leben
"Landnahme" von Christoph Hein

Wenn im Jahr 15 nach der Wende ein Roman "Landnahme" heißt, und wenn er von einem Autor stammt, der in der DDR lebte und schrieb, dann erwartet man ein Stück Literatur, das sich mit der deutsch-deutschen Vereinigung befasst.

Christoph Hein hat in seinem Buch alles Mögliche thematisiert - die Wende nicht. Überhaupt befasst er sich kaum mit Politik; das kommt und geht wie der Regen und der jährliche Karnevalszug, mit dem das Buch beginnt und endet. Es gibt keine FDJ und nur am Rande eine Partei; das gesellschaftliche Bewusstsein ist verengt auf die stickige Ödnis der Kleinstadt und ihre mörderischen Vorurteile.

Wir sind wieder in Guldenberg und wieder erzählen fünf Menschen von einem Freund. Schon den Roman "Horns Ende" hatte Christoph Hein 1985 in dem Städtchen mit dem symbolschweren Namen angesiedelt, und auch damals wurde ein Charakter umkreist, aus verschiedenen Blickrichtungen betrachtet. Doch was vor 20 Jahren als kluger Kunstgriff gelten konnte, wirkt heute altväterisch, zumal die Geschichte allzu breit fließt.

Hein erzählt von dem Umsiedlersohn Bernhard Haber, einem schwerfälligen, sturen Jungen, der in den 50er Jahren mit seinen Eltern aus Schlesien kommt. In Guldenberg stößt er auf blanken Hass, doch dank seiner Zähigkeit wird er ein geachteter Bürger. Das ist die Landnahme. Man könnte fragen, ob es keine brennenderen Themen gibt; doch so fragt Hein nicht. Und in die literarische Landschaft passt er mit seinem Rückblick sowieso.

Der einstige Banknachbar erzählt von bösen Worten der Lehrer und Mitschüler gegen den "Pollacken" und davon, wie Bernhard sich durch Schweigen gegenüber der Autorität und mit Gewalt gegen die Jungen zu wehren weiß. Auch Marion, die Freundin, schildert ihn als kraftvoll und renitent; Bernhard schließt sich einem Trupp an, der die Bauern drängt, in die Genossenschaft einzutreten. Doch ihm geht es nicht um Politik. Die Städter nennen es Undank, dass er den Bauern bestürmt, der einst seine Familie aufnahm, doch für Bernhard ist es Rache an den Demütigungen im Zwangsquartier.

Es kommt und vergeht der 17. Juni, eingepackt in Geschichten. Bernhard stiftet andere Halbwüchsige an, den Bauwagen der Streikenden auszurauben. Und auch, wie Bernhard zum Schleuser wird, erzählt Hein aus einer privaten Perspektive. Wieder ist es Rache, die ihn treibt: Rache an der Klasse, die seine Familie als Heimatlose gedemütigt hat. Jetzt verfrachtet er DDR-Bürger dorthin, wo sie nicht zu Hause sein werden, und er genießt es, dass sie zahlen und dankbar sein müssen.

Das Ende zeigt Bernhard stark und entschlossen. Er hat bekommen, was er wollte: eine Frau, die ihn anbetet, ein gut gehendes Geschäft, und er gehört zu den Honoratioren, die beim Karneval auf der Tribüne stehen. Ein Spießerleben.

Das alles kommt weitschweifig und oft zäh daher. Stur wie Bernhard Haber erzählt Hein Geschichten, die nichts zur Sache tun, und leider lässt er alle seine Erzähler den gleichen behäbigen Ton anschlagen. Das macht das Lesen mühsam, doch Hein versöhnt immer wieder mit stimmungsvollen Beschreibungen. Eindrucksvoll macht er vor allem deutlich, dass alle Politik, alle große Geschichte in die Knie gehen müssen vor den kleinen, privaten Ereignissen.

Und zum Schluss geht es doch noch um die Wende. Am Stammtisch der Besitzenden wird sie nüchtern besprochen; da ist nichts von Emotion, keine Freude an der Freiheit. Das neue Bewusstsein ist die Lust am Geld; auch bei Haber.

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Landnahme von Christoph Hein, 2004, Suhrkamp5.)

Landnahme.
Roman von Christoph Hein (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Matthias Kehle auf www.matthias-kehle.de:

Landnahme

Christoph Heins neuer Roman "Landnahme" ist in vielerlei Hinsicht ein Geniestreich. Fünf Personen erzählen das Leben des Bernhard Haber; Menschen, die diesem im Laufe eines halben Jahrhunderts begegnen. Nach dem 2. Weltkrieg kommt Haber mit seinen Eltern in ein kleines Nest der späteren DDR. Der einarmige Vater der schlesischen Flüchtlingsfamilie baut sich eine bescheidene Existenz als Schreiner auf. Die "Landnahme" der Eindringlinge wird jedoch von keinem im Städtchen gern gesehen.
Klassenkameraden, Kollegen oder eine ehemalige Geliebte sind es, die aus ihrer Sicht erzählen, wie der kleine Bernhard mühsam Kohlestückchen sammelt oder wie er sich stur und scheinbar starrsinnig durch die Schule quält. Haber gelangt später auf illegale Weise zu Reichtum, was Hein aus der Sicht eines Komplizen erzählt. Schließlich gründet er eine kleine, wohlgemerkt bürgerliche Existenz im sozialistischen Staat, die mit der Wiedervereinigung großbürgerlich im Kapitalismus der 90er-Jahre aufgeht.
Christoph Heins "Landnahme" erzählt nicht die Geschichte der DDR - der Name oder das Kürzel des Staates werden nie genannt. Es sind die Menschen, die fünf Erzähler und ihr Protagonist Bernhard Haber, die sich in schwierigen Verhältnissen in einem Staat einrichten, um darin bestmöglich zu überleben. Die Klauen der Partei reichen in der Provinzstadt nicht weit. Nur am Rande berühren sie Kindheit, erste Liebe und Familienleben der Menschen und sind doch immer wieder spürbar, etwa in den Zwangskollektivierungen. Lakonisch, fast gleichgültig halten die fünf Erzähler Rückblick auf ihr eigenes Leben. Dabei offenbaren sich ganze Universen von Schicksalen und Verflechtungen menschlichen Daseins bis hin zum Mord. Eine bestimmende Konstante zieht sich durch Habers Leben, nämlich seine Herkunft als Flüchtling, seine "Landnahme", die einige ihm und seiner Familie nie verzeihen.
Aufstieg und Niedergang eines Staates mit seinen Liebes- und Kriminalgeschichten, mit Komödien und Tragödien - Christoph Hein ist ein großer, schlichter und zugleich komplexer Roman gelungen.

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