Landleben von John Updike, 2006, Rowohlt

1.) - 2.)

Landleben.
Roman von John Updike (2006, Rowohlt - Übertragung Susanne Höbel und Helmut Frielinghaus).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 30.01.2006:

Östlich von Kansas
Immerhin keine Viagra-Lektüre: John Updikes neuer Roman "Landleben".

Nein, "Shalimar der Narr" ist in der Tat nicht das beste Buch, das Salman Rushdie geschrieben hat. Aber so verunglückt ist es nun auch wieder nicht, dass man einen derart schäumenden Verriss darüber schreiben müsste, wie John Updike das im "New Yorker" getan hat. Kein Wunder, dass Rushdie nun zurückschlägt mit einigermaßen unwirschen Sätzen wie: "Updike sollte nicht über politische Dinge schreiben; er ist besser, wenn es um Sex in den Suburbs geht." Über den hat Updike (73) allerdings längst schon wieder einen ganzen Roman geschrieben: "Landleben" heißt er, ist gerade auf Deutsch erschienen und, naja, genauso halbgut wie der neue Rushdie. "Landleben" hat einen Helden jenseits der Pensionsgrenze - und gehört trotzdem nicht zu jener Viagra- Literatur, mit der uns die potent schreibende Generation 70 plus von Garcia Marquez über Philip Roth bis Martin Walser ja in jüngster Zeit vermehrt kommt.

Ein Köcher voller Lebenslügen

Updike hat einen erotischen Entwicklungsroman geschrieben: Im Rückspiegel einer rasend durchschnittlichen Existenz namens Owen Mackenzie flitzen nicht nur nackte Tatsachen an uns vorbei, sondern auch: eine wenig beeindruckende Kindheit, eine maßvoll aufregende Jugend (Petting!), einige Knusperjahre am legendären Massachusetts Institute of Technology (MIT), zwei Ehefrauen, ein halbes Dutzend Geliebte sowie ein ganzer Köcher voller Lebenslügen. Und manche von ihnen werden manche von uns wieder bis ins Mark treffen.

Owen Mackenzie aber muss man sich als recht schlichtes Gemüt vorstellen. Er registriert Hautfalten, Gerüche und gute Gelegenheiten genauso aufmerksam wie die Formeln, die man als Ingenieur so braucht. Das machte ihn zum Software-Spezialisten, als die Computer noch Kleiderschrankgröße hatten, dann zum geübten Seitenspringer und schließlich zum rentabilitätsfrohen Frührentner, der seine Firma rechtzeitig verkauft hat. Und doch ist dieser Owen so lernfähig wie das alte Hasenherz Harry Angstrom. Seine philosophierenden Denk-Ausflüge landen fast immer auf Gemeinplätzen. Updike ist eben einmal mehr seiner alten Devise gefolgt: "Wenn ich schreibe, konzentriere ich mich nicht auf New York, sondern auf einen Ort irgendwo östlich von Kansas." Und bevor sich unsereins gefragt hat, was er da eigentlich soll, ist es auch schon vorbei, das "Landleben". (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0206 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

***

Landleben von John Updike, 2006, Rowohlt2.)

Landleben.
Roman von John Updike (2006, Rowohlt - Übertragung Susanne Höbel und Helmut Frielinghaus).
Besprechung von Christine Diller aus dem Münchner Merkur, 8.4.2006:

Haus, Frau, Kinder, Affären
Das Porträt eines großen, faden Egoisten: John Updikes Roman "Landleben"

Es gibt aufregendere Männer als diesen Elektrotechniker aus Willow, Pennsylvania. Warum also ein Buch über ihn schreiben? Owen Mackenzie ist ein Einzelkind aus einfachen Verhältnissen, er schafft es als Student ans berühmte MIT in Boston und heiratet jung die schlaue Kommilitonin Phyllis.

Mit einem Studienfreund macht er sich als Pionier des beginnenden Computerzeitalters Anfang der 60er-Jahre selbstständig und zieht von New York in die zweite Kleinstadt seines Lebens, Middle Falls, Connecticut.

Er kauft ein Haus, bekommt vier Kinder und reiht sich ein in die gut situierte, provinzielle Mittelstandsgesellschaft. Kurz, er gleicht all den anderen tennisspielenden Ehemännern, deren Engagement in der Familie sich darin erschöpft, kaum mehr als deren Ernährer zu sein.
Und vielleicht ist der schlichte Owen noch eine Spur langweiliger als jene Nachbarn, als der verkannte, illustrierende Maler und der lebenspraktische, Pfeife rauchende Steuerbeamte. Aber er hat ihnen etwas voraus: Er sieht ungeheuer gut aus im Vergleich, er kann bei Bedarf ganz charmant sein, und er zieht die frustrierten, unterforderten, ewig müßig gehenden Ehefrauen der anderen Männer an wie die Fliegen.

Und deshalb beschreibt John Updikes neuer Roman "Landleben" nicht nur, wie das Leben seines Helden Kleinstadt an Kleinstadt reiht und auch in einer solchen mündet. Sondern wie es ihm Frau um Frau zutreibt, welche körperlichen oder charakterlichen Eigenheiten eine jede besitzt und wie die eine Affäre endet, kaum dass die andere begonnen hat. Und weil dies aus der Scheuklappen-Perspektive des selbstgefälligen, immer noch naiv staunenden, gealterten Owen geschieht, ist das alles nicht sonderlich erhellend und nur streckenweise spannend.

"Landleben" heißt dieses Buch ja auch und nicht Außer-Rand-und-Band-Leben. Die Entwicklung dieses Helden beschränkt sich darauf, dass sich seine Verklemmungen zusehends lockern und seine zweite Frau, die er dem neuen Priester wegschnappt, ihn in zweiter Ehe von seinem bisherigen Lebenswandel "rettet", wie es heißt.

Das Problem der Figur ist, dass der Leser, ähnlich wie die meisten Figuren des Romans, diesem Helden als einem Neutrum gegenübersteht. Einem, der eigentlich nur entlang der Vektoren der Grafikdarstellungen denken kann, an denen er arbeitet. Dabei scheinen sich, nicht gerade zu seinem Missfallen, die Vektoren häufig zu verselbstständigen und auf die diversen Reize längst paarungsbereiter Frauen seiner Umgebung zu zeigen.

Es siegt die Selbstzufriedenheit

Ein wenig Ironie des Erzählers trifft Owen hie und da. Etwa, wenn er als alter Mann die sexuellen Wünsche seiner Frau nicht mehr erfüllen kann und stattdessen bei der Pflege des Haushalts nur stört. Da tut er einem fast leid. Aber dann siegen doch wieder seine Eitelkeit und Selbstzufriedenheit: "Rückblickend ist er gerührt davon, wie vollständig seine beiden Ehefrauen ihm gegeben haben, was er haben wollte. Phyllis hatte ihn, in Cambridge, in das snobistische Geistesleben emporgehoben, und Julia hatte ihm, in Haskells Crossing, das Leben in bürgerlicher Muße ermöglicht."

Eines muss man der Erzählkunst Updikes zugute halten: In den feinen Naturbeschreibungen, plastischen Skizzen diverser Liebesnester und Elogen auf die verschiedenartige Weiblichkeit, die die wunderschönsten, wenngleich wesenlosen Skulpturen zu formen scheinen, erschafft er immer wieder eine vibrierende Atmosphäre um diesen Owen herum. Wie es dem Bewusstsein seines Helden entspricht, ignoriert er selbstverständlich, dass dieser Mann eine Familie hat und seine Kinder mehr als Namen und Schwangerschaftsstreifen verursachende Episoden sind. Wenn man so will, hat Updike eloquent wie stets das messerscharfe, aber nie urteilende Porträt eines großen, faden Egoisten geschrieben.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0406 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Münchner Merkur