Landeskunde, Schriften und Reden über Rheinland und Westfalen von Heinrich BöllLandeskunde.
Schriften und Reden über Rheinland und Westfalen von Heinrich Böll (2009, Klartext-Verlag).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 16.5.2009:

Entdeckungen mit Heinrich Böll
Band 90 der NRW-Mediathek versammelt Schriften und Reden über unser Bindestrich-Bundesland.

Am Ende ist auch die Kulturhauptstadt 2010 noch eine Reaktion auf diesen einen Satz, mit dem Heinrich Böll sein längst legendäres Reportage-Buch über das Revier begann: „Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden”. Spätestens ab dem nächsten Jahr, wenn „die Provinz, die diesen Namen trägt, weil man keinen anderen für sie fand”, von Europa entdeckt wird, messen Heinrich Bölls Beschreibungen immerhin noch aus, wie anders es innerhalb von vier Jahrzehnten zwischen Ruhr und Emscher geworden.

Bölls Reportage, damals kongenial fotografiert von dem Kölner Linsen-Genie Chargesheimer, ist ein Kernstück des Bandes „Landeskunde”, der Bölls Schriften und Reden über Nordrhein-Westfalen versammelt.

Selbstverständlich floss dem Ur-Kölner Böll weit mehr über das Rheinland aus der Feder als über den östlichen Teil unseres Bindestrich-Bundesland. Einmal aber gelang dem Nobelpreisträger eine Charakteristik dieses Nordrhein-Westfalens, die alle Unterschiede der Regionen zu einem schillernden Charakterbild zusammenbündelt – was Bölls Landsmann Jürgen Becker später mit einem etwas erhöhten Schmunzelanteil auf den Satz bringen sollte: „Rheinländer und Westfalen – et is schrecklich, ab et jeht!”

Zernarbtes, geliebtes Köln

Böll setzt in dem neuen Band der NRW-Mediathek dem Düsseldorfer Galeristinnen-Original Mutter Ey ein Denkmal in Worten, er kreist um sein zernarbtes, geliebtes Köln, in dem er nur „nebenbei eine Großstadt” sehen konnte, mochte. Es war für ihn die „Stadt der alten Gesichter”.

Eine kleine Entdeckung bietet der Band mit den 19 Briefen, die Böll an Ernst-Adolf Kunze in Gelsenkirchen schrieb, den er in der Kriegsgefangenschaft kennengelernt hatte. Böll schreibt ihm immer wieder, vermischt Privatestes und Politik auf wunderbar leichthändige Weise und durchleuchtet so beides. „Mein eigentliches Gebiet”, seufzt es vernehmlich aus seinen Briefzeilen, „ist ja offenbar der Krieg mit allen Nebenerscheinungen und keine Sau will etwas vom Krieg lesen oder hören und ohne jedes Echo zu arbeiten, das macht dich verrückt.”

Dass Böll dann doch irgendwann gelesen und gehört wurde, war nicht nur heilsam für seinen Geisteszustand. Es ist auch Nordrhein-Westfalen gut bekommen. JD

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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