Lärchenau von Kerstin Hensel, 2008, LuchterhandLärchenau.
Roman von Kerstin Hensel (2008, Luchterhand).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 16.07.2008:

Die heilige Einfältigkeit

Gegen das Ende dieses barocken Provinzromans geht die Bombe hoch. Sechzig Jahre hatte sie geschlummert im Mennichensee seit Weltkrieg zwei. Nun bringt sie doch den Ortskosmos durcheinander, von dem ausufernd, grotesk, prallvoll mit Detailideen und durch drei Generationen in drei Gesellschafts(un)ordnungen erzählt worden ist. Der Ort Lärchenau ist ein Kaff im Brandenburgischen. Aber die Welt ist auch in der Nussschale. Und weil sie dort wenigstens einigermaßen übersichtlich bleibt, geht Kerstin Hensel, die Berliner Professorin an der Schauspielschule Ernst Busch, raus aufs Land. Hier herrscht der Teufel, wird schlussendlich der Pfarrer in seiner grandiosen finalen Totenpredigt sagen. Viel Tod, viel Ehr und ansonsten fast überall die heilige Einfältigkeit.

Krampflösende Likörchen und Operettenmusik

In der Kneipe wird knurrig überm Bierglas geschwiegen, im Rinderoffenstall führt kurzberockt die sowjetische Agraringenieurin Olga Poljuchowa die künstliche Besamung ein, doch die enormen Zuchterfolge kommen von anderswo her. Gunter Rochus Konarske nämlich, einst neunmalkluges Kind, jetzt Medizinprofessor an der Charité mit Nobelpreisambitionen injizierte den Schweinen der Stammlinie Patriot AS 2756 lendenstärkende Zauberkräfte, die viele stramme Nachkommen erzeugten und noch mehr Gülle, die den See aus seinem natürlichen Gleichgewicht schwappen ließ.

Wenn Kerstin Hensel das in eine akribisch komponierte komische Oper in drei Aufzügen kanalisiert, ein Brueghel und Bosch beschwörendes Breitwandhistoriendorfgemälde, das deftig Zeit erzählt, bekommt das seinen sperrigen Reiz. Saukomisch hier, überstrapaziert dort und vor allem in der zu langen Einlaufschleife, die aus dem dialektgebeutelten Sächsischen ein paar hundert Kilometer nördlich nach Lärchenau führt.

Diesen Weg muss die tumbe Liese Möbius gehen, weil sie glaubt, ihre Zwillingstöchter seien vom Führer, weswegen sie nach Berlin will. Adele, eine von ihnen, glaubt bald gar nichts mehr. Als Frühwaise hat sie sich im Kinderheim stolze Gleichmut zugelegt, die sie später in Lärchenau im goldenen Käfig aristokratisch als Konarskes Gattin, erste Ortshausfrau und immer schöner gewordenes Versuchsobjekt ausleben muss. Seine Injektionen in den Pralinen, dazu krampflösende Likörchen und Operettenmusik, machen sie zu einer im Kaff versauernden Männerfantasie. Auf die Versuche des Neurobiologen folgen die Versuchungen der Bauernschaft. Und der gnadenlose Neid der Restfrauen.
Gerüchte, Affekte, Effekte und ein großer Knall. Mythen, Märchen, Traumwelten in einem überbordenden Sprachengewirr: Was nicht erledigt ist, wuchert unterirdisch weiter, in der Provinz wie auch im Buch. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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