La Beltá/Pracht von  Andrea Zanzotto1. - 4.)

La Belta/Pracht.
Gedichte von Andrea Zanzotto (2001, Engeler).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 1.12.2001:

Man muss schon ein schwerer Fall von Lyrik-Liebhaber sein, um La Beltà - Pracht von Andrea Zanzotto zu lieben. Diese Gedichte bereiten harte Arbeit - nichts von hineinlesen und sich wohlfühlen. Zanzotto schafft eine neue Sprache aus zuckenden Wortblitzen, er zertrümmert nichts, setzt aber so geradlinig neu, dass Verstörung die unausweichliche Folge ist. Ein aufregender, liebevoll gestalteter Band in italienischer und deutscher Sprache, dessen Übersetzung als kongenial gelobt wird.

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La Beltá/Pracht von  Andrea Zanzotto2.)

La Belta/Pracht.
Gedichte von Andrea Zanzotto (2001, Engeler).
Besprechung von
Maike Albath in der Neue Zürcher Zeitung vom 9.3.2002:

Die Vollkommenheit der Schneeflocke
Andrea Zanzottos Gedichtband «La Beltà» auf Deutsch

Wie manchmal in Italien kommt das Neue von den Rändern der Republik. In Pieve di Soligo, einem kleinen Ort in Venetien, arbeitet in den Jahren des italienischen Wirtschaftswunders ein Lehrer an seinem vierten Gedichtband. Unter Eingeweihten ist Andrea Zanzotto längst kein Unbekannter mehr, aber als die Sammlung «La Beltà» im April 1968 herauskommt, wird er plötzlich landesweit berühmt. In allen grossen Tageszeitungen bespricht man die aufsehenerregende Publikation, Eugenio Montale schreibt im «Corriere della Sera» eine Eloge, enthusiastisch macht sich die Literaturwissenschaft über den Band her, sogar im «Times Literary Supplement» und in «Le Monde» erscheinen Rezensionen. Vor allem Anhänger avancierter Sprachtheorie und lacanianischer Psychoanalyse stürzen sich begierig auf die hochkomplexen Texte - endlich ein Triumph der Signifikanten, endlich ein veritables Gleiten des Signifikats, endlich ein Beleg für ihre Theoreme.

In der Tat sind die Gedichte der «Beltà» ungeheuer schwierig, und die Heidegger'sche Formel - «die Sprache als Sprache zur Sprache bringen» - passt zu den Textbewegungen. Zanzotto hat die Psychoanalyse am eigenen Leib erprobt, das vor-bewusste Sprechen ist ein Scharnier seiner Gedichte, die dennoch eine grosse Konkretion besitzen. Das lyrische Ich operiert unter der Ägide Dantes, der gleich im Eingangsvers des Proömiums zitiert wird: Es geht um die Suche nach dem Wahrhaftigen. Wie beim assoziativen Sprechen in der psychoanalytischen Redekur ist das Zentrum fortwährend spürbar - es wird umkreist und ex negativo heraufbeschworen. Zanzotto formt eine Art Sprachmagma aus Anspielungen auf die illustre Lyriktradition von Dante über Tasso bis zu Leopardi und Pascoli, aus Zitaten eigener Texte, Werbeslogans, Produktnamen, Schlagern und Filmen. Die Landschaft, seit dem Frühwerk letzter Hort des Ursprünglichen, ist nunmehr infiziert von den Folgen der Zivilisation. Das Schöne überlebt höchstens in Form einer verkapselten Zyste. Den materiellen Charakter der Sprache inszeniert der Dichter, indem er englische Begriffe verwendet, comichafte Interjektionen, stotternde Wiederholungen, Alliterationen, Reihungen von verwandten Vokabeln, falsche Etymologien und isolierte Prä- und Suffixe. Wie eine Stimme aus dem Off wirken die Fussnoten, mit denen Zanzotto zu seinem eigenen Exegeten wird....Fortsetzung

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La Beltá/Pracht von  Andrea Zanzotto3.)

La Belta/Pracht.
Gedichte von Andrea Zanzotto (2001, Engeler).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, vom 13.8.2002:

Phonische Droge und lallende Elegie
"La BeltÀ / Pracht": Mit der Werkausgabe ist endlich der italienische Dichter Andrea Zanzotto zu entdecken

In einem seiner rätselhaftesten Gedichte, einer poetischen Reminiszenz an den späten Hölderlin, hat einst Paul Celan die Vision eines sinnfreien Sprechens entworfen, das sich von Begriff und Bedeutung entbunden hat. Es geht darin um die Regression in einen vorsprachlichen Bereich, in dem Lautgestalt und Bedeutung eines Worts noch ungeschieden sind. Am Ende des Gedichts wird die Entstehung des Menschen in einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Lallen gebracht, dem frühesten Stadium des kindlichen Zur-Sprache-Kommens: "Käme, / käme ein Mensch/ käme ein Mensch zur Welt, heute, mit / dem Lichtbart der/ Patriarchen: er dürfte, / spräch er von dieser / Zeit, er / dürfte / nur lallen und lallen, / immer-, immer- / zuzu." Schließlich wird die Schlusszeile des Gedichts in Klammern gesetzt, und wie von fernher tönt eine fremdartige Stimme: "Pallaksch. Pallaksch." Dieses sinnlose Wort "Pallaksch" hat im Deutschen keine Konnotation, es taucht nur im Wahnsystem des späten Hölderlin auf und kann dort entweder "Ja" oder "Nein" bedeuten.

Es gibt in der deutschsprachigen Lyrik der Moderne kein vergleichbares Konzept, das in ähnlicher Weise eine Poetik des ungestalteten Wortstoffs entwickelt und zu diesem Zweck mit Koselauten, Gestammel und Wortexaltationen arbeitet. Ihr weltliterarisches Pendant findet die poetische Kühnheit eines Celan einzig in der Dichtung des italienischen Lyrikers Andrea Zanzotto, eines Dichters von höchstem Rang, der hierzulande trotz einiger bedeutender Auszeichnungen immer noch ein Schattendasein führt. 1921 in dem kleinen Dorf Pieve di Soligo in Venetien geboren, hat Zanzotto seit seinem erstem Gedichtband 1951 ein Werk geschaffen, das, so sein berühmter Zeitgenosse Eugenio Montale, "einen wahren Kopfsprung (riskiert) in jenen Vor-Ausdrucksbereich, der dem artikulierten Wort vorausgeht". Einerseits ist Zanzotto Landschaftsdichter, der die Naturphänomene seiner Heimat abtastet und die "Zartheit" der Hügel und Felder, Jahreszeiten und "Lichtbrechungen" des Treviso evoziert. Andererseits ist er moderner Lautpoet, der sich an der "phonischen Droge" der heimatlichen Dialekte, Kinderreime und Volksgesänge berauscht.

In Zanzottos Poetik der Sprachmagie spielen jedenfalls die Elemente kindlicher Kosesprache eine Hauptrolle. So trägt eines seiner Gedichte, das ausdrücklich den Bezug zu den Textfragmenten des späten Hölderlin herstellt, den Titel "Die lallende Elegie". Das "süße elegische Wandeln" stellt sich hier erst ein, wenn das lyrische Ich "System und festen Grund" abstreift, die Wörter aus ihren syntaktischen Verankerungen löst und in offene Bezüge versetzt. In diese Bewegung der "nicht schreibbaren unumstößlichen lallenden Elegie" werden dann Textsplitter aus der Zeit der beginnenden Umnachtung Hölderlins eingestreut, nebst Rudimenten gesprochener Sprache und kindlichen "Verbal-Verballhornungen". Das Ich selbst fungiert als instabile "Brücke" zwischen dem disparaten vokabulären Material, als "winziger Brückner über / mich und andere Brüche".

Die sehr spezielle Legierung von Zanzottos Poesie, die einerseits starke regionale Wurzeln hat und sich aus den dialektalen Eigenheiten seiner venetischen Heimatregion speist, sich andererseits aber in die komplexen Texturen der sprachreflexiven Moderne einschreibt, hat die Rezeption seines Werks in Deutschland lange Jahre behindert. Den Weg des Dichters Zanzotto in die deutschspachige Lyrikwelt bahnte erst der Dichter Peter Waterhouse, der im Herbst 1984 bei einer Lesung in Wien erstmals auf die Texte Zanzottos stieß - eine Begegnung, die er später, etwa in seinem Essayband Die Geheimnislosigkeit (1996), als lyrisches Erweckungserlebnis und als "Ankunft einer neuen Sprache" beschrieben hat. Waterhouse darf auch als Anreger der jetzt begonnenen zweisprachigen Werkausgabe Andrea Zanzottos gelten, die auf insgesamt neun Bände angelegt ist. Für dieses enorm riskante, weil extrem kostenintensive Unternehmen haben zwei kleine Verlage, der Schweizer Lyrik-Editor Urs Engeler und der Wiener Folio Verlag, alles in die Waagschale geworfen. Und man kann nur hoffen, dass diese Pioniertat der Zanzotto-Edition nicht auf jene ungute Melange aus öffentlich bekundetem Respekt und heimlichem Abwinken trifft, mit dem anspruchsvolle Weltpoesie im Literaturbetrieb gewöhnlich abgefertigt wird. Schon der erste Band der Zanzotto-Werkausgabe, eine Übertragung der in Italien 1968 erschienenen Gedichtsammlung La BeltÀ, demonstriert auf höchst faszinierende Weise die fluiden Aggregatzustände der Wörter und sprachmagischen Energien, die in Zanzottos Dichtung wirksam sind. Die Sprachlandschaft seiner Gedichte hat fließende Konturen. Der Autor hält die Übergänge zwischen den Wörtern und Versen offen, und diese Unbegrenzbarkeit der einzelnen Fügungen gestattet immer neue sprachalchemistische Verbindungen. So kommt es, dass gleich das erste Gedicht in La BeltÀ in fünf höchst unterschiedlichen Versionen dargeboten wird, wobei allerdings ausgespart bleibt, wer von dem Übersetzer-Quartett Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl und Peter Waterhouse für welche Version verantwortlich ist. Mit einer eigenen, zuweilen heftig angefochtenen Übersetzungstheorie hat sich aus diesem Quartett einzig Peter Waterhouse exponiert, der jeden instrumentellen Begriff der Übersetzung als einem Transport von einer "Fremdsprache" in eine "Zielsprache" ablehnt und stattdessen das Übersetzen als mimetische Bewegung zwischen den Sprachen und ihren unverfügbaren Klang- und Wortfeldern begreift. "Große Übersetzungen", so notierte Waterhouse schon in der Geheimnislosigkeit, "dienen der Kreolisierung (Echoisierung) der Sprachen". Auf die Dichtung Zanzottos angewandt, heißt das, dass es hier um eine Übersetzersprache der Nicht-Identifizierung geht, die die Fremdheit des Originals nicht aufhebt, sondern diese Fremdheit bis in ihre eigensten Bahnen verfolgt. Was im mitunter etwas steilen Nachwort emphatisch als "Paradiessprache" Zanzottos beschrieben wird, meint den Versuch, alle vorgängigen Bedeutungen der Wörter aufzulösen zugunsten einer autonomen Assoziationsbewegung der sprachlichen Kräfte im Gedicht selbst. Sprache soll keine Definitionsgewalt mehr ausüben über die im Gedicht aufgerufenen Gegenstände, sondern sich als "deutungslose" Sprache des "Machtverzichts" entfalten.

Wenn Zanzotto, wie es im Gedicht "Weissagungen Erinnerungen oder Wandzeitungen" anklingt, "die Rätsel durchstöbert von Zeit und Natur", dann hält er inne bei der kleinen, unscheinbaren Einzelheit, beim winzigen Naturding oder beim Sprachpartikel, dessen Würde verteidigt wird gegen die Gewalt des großen Sinn-Zusammenhangs. Der beschworene "Winzling" kann ein "Grashalm" sein, ein "Schnee-Blitzchen", ein "Tauflieglein" oder das "zimbrische Windisch" der Himmel. Es können aber auch die Sprachereignisse selbst sein, die "Phonem- und Monemprozessionen, / in jederlei Sinn Richtung Spielart". Hier, in den ephemeren Dingen einer marginalisierten Schöpfung, in den Koseworten der Kindheit und magischen Sprachformeln, findet Zanzotto La BeltÀ, die "Pracht" und "Schönheit", die er zur Textur seiner Dichtung verwebt. Inmitten all der "Kling-Dinge" und Kose-Laute tastet der Dichter nach einer "intimen Sprache" der Berührung: "Ich sehne. Und beginne den Himmel zu sehnen. Stehe / im Himmel. In allem was mir gab einen Himmel zu sehen / allem was mich hier im Wohligen ließ. / Gestern: Rücken Geiziger-Geliebter-(ist weiblich), unleidliche Zuwendung heute, Leier- / Lyrik leier-leier. Aber wir werden uns finden / oder ich und meine entfernteste Fee. Fee-Ich."

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La Beltá/Pracht von  Andrea Zanzotto4.)

La Belta/Pracht.
Gedichte von Andrea Zanzotto (2001, Engeler).
Besprechung von Klara Wilflinger aus Rezensionen-online *Sz*, August 2002:

Der zweisprachige Gedichtband ist der erste der auf 9 Bände konzipierten Ausgabe "Planet Beltà" und ist eine Herausforderung für das Übersetzen, wenn von Über-setzen überhaupt gesprochen werden kann. Denn Übersetzen von etwas, was sich jeder Festlegung entziehen will, muss selbst Neuschöpfung und kann immer nur ein Prozess der Annäherung sein. Dem entspricht das Anliegen der Dichtung von Andrea Zanzotto (1921 im Veneto geboren). In ihr soll alles in Fluss gebracht werden, es geht Zanzotto in seinen Gedichten um Rettung der Sprache (was für ihn auch die Rettung der Weltdinge ist) aus Sterilität und Verfügbarkeit - durch Negation einer semantischen oder grammatikalischen Festlegung. Zanzotto aktualisiert alle Facetten des Sprachlichen, vom urgründigen Gelalle bis zum Sublimen-Abstrakten ("beltà"), zerstört das Zeichengefüge - er setzt einen Akt der Befreiung aus dem Zwanghaften und zugleich Beliebigen. Dass eine "Grammatik jenseits" und semantische Verschiebungen, Überlagerungen (ausgehend vom Klang, der Wortgestalt) gesucht werden, ist nicht leicht für den Leser: er muss sich dem überlassen, was evoziert wird. Die "Lesbarkeit der Welt" (Hans Blumenberg) ist rudimentär und entsprechend ist die "Lesbarkeit" der Poesie unsicher - wenn Lesen Buchstabieren, Sich-Erfreuen-am-Gesagten, aber auch inhaltliches Erfassen meint. Letzteres ist nicht Intention der Dichtung für Zanzotto, er versucht ein Sprechen ohne Objekte, wo Identitäten zerstört, der Leser nicht weiß, auf welchem semantischen Feld er sich befindet. Das Übersetzen macht das manifest und in den verschiedenen deutschen Lesarten bei "Oltranza Oltraggio" wird es vor Augen geführt. Übersetzung ist jeweils eine Weiterentwicklung, sie greift das Sprachmaterial produktiv auf und aktiviert mit den deutschen Wörtern unterschiedliche Verbindungslinien, Assoziationen.

Es ist ein faszinierendes Unternehmen, zwischen Abenteuer und Frustration bewegt sich der Leser. Poetischer formuliert Giuseppe Ungaretti die Herausforderung: "Wenn ihr Zanzotto lest, dann seht ihr ein Land leben, seht es zernutzt, alt, verfilzt, seht, wie es sich ständig zersetzt und regeneriert..." (1954).

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