Kurz vor
dem Gewitter.
Gedichte von Michael
Krüger (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Anton Thurswaldner in der
Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:
Da will sich was entladen
Vor dem Pathos flüchtet er in die
Nonchalance: In Michael Krügers Gedichten herrscht ein Ziehen und Zerren am
Himmel - und das Leben zieht weiter
Kurz vor dem Gewitter liegt etwas in der Luft. Die
Stimmung ist geladen, eine Spannung hängt im Raum, wir befinden uns unter einem
Kraftfeld, das auf Entladung seiner Energien drängt. Es wird etwas geschehen,
danach, so hoffen wir, wirkt sich der Druckabfall friedlich auf Gemüt und Geist
aus. Solange die Blitze noch nicht ihre Kraft vergeudet haben, solange der
Donner sich noch nicht schmollend vergrollt hat, stehen wir unter Einfluss einer
bangen Erwartung. Ein Akt der Aggression steht ins Haus, dem wir nicht entkommen
werden.
Der freundliche Michael Krüger legt einen Lyrikband vor, dessen Gedichte
gelassen bis heiter wirken, aber umwölkt sind von einer Melancholie, die einen
inneren Spannungszustand dämpfen. Dieser besänftigte Furor, diese abgebrühte
Sensibilität, das entspricht der Haltung eines Wolfs, der in die Jahre gekommen
ist, mit allem rechnet und sich immer noch überraschen lässt.
Eine rasende Besänftigungswut spricht aus dieser Lyrik, die aus der Gewissheit
kommt, dass ein Riss durch die Welt geht. Krüger setzt auf die Natur, um etwas
mitteilen zu können, was "umständlich übersetzt in geläufige
Sprache" keinen rechten Sinn mehr ergibt. "Alles Sichtbare erinnert
sich / an das Unsichtbare" - mit solch einem Auftrag in der Tasche, in Wörter
zu übersetzen, was sich in der Innenwelt des Menschen ereignet, begibt sich der
Dichter auf den Weg, um verschmitzt und augenzwinkernd mit Gedichten aus der
Widersprüchlichkeit der Existenz zurückzukehren.
Michael Krüger arrangiert Naturbilder, das Wetter legt sich mächtig ins Zeug,
um einprägsam von Befindlichkeit zu sprechen. Seine fast schon entgegenwärtigte
Lyrik befindet sich nicht im Hier und Jetzt, sie verwischt die Spuren der Zeit,
möchte hinausgreifen über die Enge der Zeit, die Beschränktheit des Raums.
Selten vernimmt man "das sanfte Brummen der Autobahn", lieber
beobachtet der Autor Wölfe, "wie sie ihre blutigen Pfoten lecken",
oder "die Bäume am Straßenrand, / die auf die Hunde warten". Im
Innersten der Lyrik aber haust ein Mensch, dem es nicht beschieden ist, zur Ruhe
zu kommen. Seine umtriebige Schlaflosigkeit ist nur ein Symbol für diese
suchende Unrast.
Das Schöne, das Glück, der Frieden, das sind Begriffe, die sich in diese
Gedichte einschleichen wie Kassiber aus einer fernen Zeit: "Im Dunkeln
suchen wir / in den alten Wörterbüchern / nach der exakten Bedeutung von Glück."
Milde betrachtet Krüger unsere Sehnsucht nach Harmonie, ironisch wertet er
"ein dummes Bedürfnis nach Klarheit". Wir müssten uns mit dieser
Lyrik nicht weiter beschäftigen, wenn sie nichts anderes leisten würde, als
Zustandsbeschreibungen in Bildern abzuliefern. In den Gedichten herrscht ein
Ziehen und Zerren, unterschiedliche Temperamente, Gleichmut und Unrast, schießen
zusammen, und vor der großen Pathoswalze flüchtet sich Krüger rasch in die
Nonchalance. Es wird ernst im Gedicht, der existentielle Schrecken sitzt Autor
und Leser im Nacken, doch bevor der Sinnstift seine markanten Zeichen setzt,
findet sich ein Ausweg in die Gegenwelt: "Die Hoffnung blieb / trocken
unterm Regenschirm." Im einen ist immer schon das andere vorhanden.
Krüger hat Spannungen in die Welt erfunden, um in seinen Gedichten Konflikte
auszutragen, die er dann entschärft. Die Form gibt zu verstehen, dass, wenn es
im Gebälk der Welt ächzt und kracht, die Schönheit Schutz und Geborgenheit
bietet. So sieht die Krügersche Lösung aus, sich in einer unheilen Welt
einzurichten. Er schafft sich ästhetisch eine intellektuelle Bastion gegen die
Niederungen des Lebens und die Niedergeschlagenheit. Die große Geschichte der
Umwälzungen und die kleine der persönlichen Aufgeregtheiten kann ihm jetzt
nichts anhaben.
Aber eigentlich sind Gedichte, wie sie Krüger schreibt, Täuschungsmanöver.
Sie sind immer anders als sie gerade erscheinen. Sie drücken eine
Erwartungshaltung aus, dass eine Veränderung sich Bahn bricht. Sie sind großsprecherisch
und kleinmütig in einem, sie behaupten etwas und suchen sich selber den
Gegensatz dazu. Schön, dass es diesen helldunklen Gedichtband gibt. Er hält über
die Saison hinaus.[...diese und weitere Besprechungen
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