1.) - 2.)
Kurzmitteilung.
Roman von Navid
Kermani (2007, Ammann).
Besprechung von Oliver Fink in der Frankfurter Rundschau, 21.3.2007:
Im Sommer 2005 erhielt der Schriftsteller Navid
Kermani eine SMS, die ihn über den plötzlichen Tod der noch jungen
Schauspielerin Claudia Fenner informierte. Persönlich kannte er die an einer
Hirnblutung Verstorbene nur flüchtig. Und dennoch ließ die Nachricht ihn nicht
kalt. Kermani begann, sich mit dem Todesfall näher zu beschäftigen, begab sich
schließlich auf Recherche bereits mit dem Vorsatz, darüber zu schreiben. Über
die Form sei er sich zunächst im Unklaren gewesen. Herausgekommen ist nun eine
literarische Camouflage. Navid Kermanis Roman Kurzmitteilung hat mit der
Realität nämlich genau diese Ausgangssituation gemein, zugleich bilden die
Nachforschungen in fiktionalem Gewand den Grundriss seiner Erzählung.
Dariusch - der Name altpersischer Herkunft bedeutet "das Gute habend"
- nennt Kermani einen knapp 40-Jährigen, der in seinem spanischen
Teilzeitdomizil Cadaqués abends auf dem Handy-Display liest: "meine
kollegin maike anfang ist gestorben, die mit uns noch whisky trinken war.
Einfach so. Ich weiß gar nichts mehr. Liebe grüße, korinna". Dariusch
ist Eventmanager, der gerade einen gut dotierten Auftrag der Ford-AG in Köln,
seinem Hauptwohnsitz, an Land gezogen hat. Für den amerikanischen
Vorstandsvorsitzenden Patrick Boger, der in die Vereinigten Staaten zurückkehrt,
soll er eine Abschiedsfeier inszenieren. Korinna leitet die Abteilung
Kommunikation und Öffentlichkeit bei Ford. Dort war bis zu ihrem Tod auch Maike
Anfang beschäftigt. Mit beiden hatte sich Dariusch noch in einer Bar getroffen.
Ein Kind von Traurigkeit ist dieser Dariusch
nicht. Kermani lässt ihn als coolen, bisweilen zynischen Erotomanen erscheinen,
der sein Hemd vorzugsweise offen trägt. Jede Frau wird von ihm im Hinblick auf
gewisse Eigenschaften kategorisiert. Maike gehört im Gegensatz zu Korinna nicht
zur Marke begehrenswert, wie er ausdrücklich anmerkt. Trotzdem löst die
Todesnachricht bei Dariusch eine ungewöhnliche Regung aus. Nicht unbedingt
Trauer, dafür kannte er die Verstorbene zu wenig. Aber es beginnt etwas in ihm
zu arbeiten. Umgehend macht er sich aus Cadaqués nach Köln auf, um an der
Beerdigung teilzunehmen. Dort angekommen, schlüpft er erst einmal in die Rolle
eines Detektivs, der den Todesumständen auf den Grund gehen möchte - eine
Suche schließlich nach dem wahren Leben der Maike Anfang.
Dariusch' Protokoll dieser Recherche - es kommt als Ich-Erzählung daher - ist
gleichzeitig eine Entwicklungsgeschichte. Denn der souverän und äußerst
reflektiert wirkende Deutsch-Iraner aus der Werbe- und Marketingbranche durchläuft
in diesen sommerlichen Tagen einen persönlichen Veränderungsprozess, gipfelnd
in einer merkwürdigen Bekehrung samt klassischer Begleiterscheinungen wie
Erneuerungspathos, Askese und Hingabe. Maike Anfangs Tod, sein fast
zwangsgeleitetes Interesse daran sowie die Ergebnisse seiner Nachforschungen
gewinnen vor diesem Hintergrund geradezu die Qualität eines
Erweckungserlebnisses, das dem bei aller Abgeklärtheit nach außen im Innern
doch schwer identitätskriselnden Dariusch wie ein Zeichen erscheinen mag.
Eine unerwartet sich einschaltende Erlösergestalt gibt ihm dann den Rest. Gott,
soviel soll verraten werden, spielt in dieser Sache keine entscheidende Rolle.
Und auch Maike, die hier postum als Projektionsfläche herhalten muss, entpuppt
sich nicht als der "große", "besondere, herausragende Mensch,
ohne den die Welt nicht auskäme", wie der Erzähler zwischendurch einmal
im Überschwange von sich gibt und damit auch im Leser Erwartungen weckt.
Auch wenn Dariusch' biographisches Wendemanöver auf den ersten Blick schlüssig
erscheinen mag - psychologisch wirkt es unter den gegebenen Vorzeichen letztlich
unglaubwürdig. Einen Reifeprozess hätte man dieser Figur durchaus gewünscht,
vielleicht sogar zugetraut - nicht aber ein Ausschalten seiner Intelligenz und
Skepsis. Vielleicht wollte Navid Kermani seinen streckenweise unsympathischen
Helden ja einfach bloßstellen, denn nur so kann sein Bekehrungserlebnis
bewertet werden. Für die Rolle des in dieser Hinsicht Gefährdeten taugt
Dariusch aber nicht. Und somit verblasst auch ein wenig die möglicherweise
intendierte Kritik an dem kruden Heils-Programm ("Ja es ist so gut, gut zu
sein"), das der Eventmanager fortan vertritt.
Ein etwas problematisches Ende ist das für einen Roman, dessen
Grundkonstellation einiges verspricht. Immerhin, ein überraschendes Rätsel aus
Maike Anfangs letzten Stunden kommt ganz am Schluss noch ans Tageslicht. Der
Aufdeckung zu widerstehen, schreibt sich der neue Dariusch explizit auf die
Fahnen: eine Aufgabe, zugleich eine Versuchung - wer weiß.
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Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
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2.)
Kurzmitteilung.
Roman von Navid
Kermani (2007, Ammann).
Besprechung von Johanna Lier aus der Wochenzeitung, Zürich, 16.8.2007:
Dariusch erhält im spanischen Cadaquès eine SMS, als er im Strassencafé gerade auf seine Pasta mit Meeresfrüchten wartet und vom Sex mit einer am Nebentisch sitzenden Frau träumt: «Tut mir leid, es dir so zu sagen, kann jetzt aber nicht anders. Meine kollegin maike anfang ist gestorben, die mit uns noch whisky trinken war. Einfach so. Ich weiss gar nichts mehr. Liebe grüsse, korinna.»
Dariusch, ein Iraner der zweiten Generation, reist zurück nach Köln, um Korinna in der Trauer um Maike Anfang beizustehen. Niemand hat aber auf ihn gewartet, und so drängt er sich in das Leben und die Gefühle der Hinterbliebenen, wühlt detektivisch im Leben der Verstorbenen auf der Suche nach dem Besonderen, einem Sinn in diesem unspektakulären Sterben. Maike Anfangs Tod wird zum Beginn einer rastlosen Identitätssuche. Wenn ihr Tod ohne Grund war, kann es dann nicht auch sein Leben sein?
Dariusch ist ein erfolgreicher Eventveranstalter, der für Stadtfeste, Firmenfeiern und - das vorerst nur ein Traum - die Fussballweltmeisterschaft das kulturelle Konzept liefert. In dieser Rolle soll er mit Korinna und Maike die Abschiedsfeier eines Vorstandsmitglieds der Ford AG organisieren. Dass dabei durchaus auch Gäste à la Susan Sontag eingeladen werden könnten oder für eine Präsentation auch mal ein Zitat von Walter Benjamin herhalten dürfte, gehört zum Lebenseinerlei dieses Menschen, der zwischen skrupellosem Opportunismus und beissender Selbsterkenntnis durch seine Existenz schlittert. Nichts ist, wie es scheint, und der manisch laufende innere Monolog, durch den man einige Tage im Leben des Protagonisten miterlebt, entlarvt alles als Lüge.
Navid Kermani, der 1967 als Sohn iranischer Eltern in Siegen geborene Autor von «Kurzmitteilung», ist Islamwissenschafter. Seine Reportagen über islamische Regionen haben ihn zum wichtigen Vermittler zwischen Orient und Okzident gemacht. Man bekommt den Eindruck, als sei sein Protagonist Dariusch auch ein Medium für den Autor, um auszusprechen, was einer wirklich über Emigration, Rassismus und die Islamdebatte denkt. Da erhält man auch Einblick in eine differenzierte Gedankenwelt, in der Vorurteile und Indifferenz gegenüber der islamischen Welt geistreich auseinandergenommen werden.
Dariusch ist also einer, der ein durchaus widerständiges Innenleben pflegt. Doch das Leben, das er fristet, ist mittelmässig. Und auch die Menschen seiner Umgebung bewegen sich stereotyp im Drehbuch der Triebbefriedigung, was eine desaströse Beziehungslosigkeit an die Oberfläche spült. Das hippe Leben dieser wohlhabenden Kulturmenschen erscheint einem als trostloser Sumpf: Die Angestellten des Leichenschauhauses überspielen die abwesende Trauerkultur mit hilfloser, wenn auch durchaus warmherziger Professionalität; und bei Korinna, der Marketingspezialistin, verkommt deren Vergewaltigungstrauma flugs zum Joker im Balzritual.
Maike Anfangs Verschwinden macht auch den Verlust überlieferter Traditionen sichtbar, die einem Menschen in Krisen Regeln und Rituale vorschreiben. Da hilft es auch nicht, einem europäisierten Wellnesssufismus anzuhängen, in Mehrzweckhallen Yoga zu üben oder in sexueller Fixiertheit die körperlichen Eigenschaften jedes weiblichen Wesens zu testen. Alles ist Disneyland. Und schliesslich landet Dariusch sanft im Schoss einer Sekte, deren Führer, just jenes Vorstandsmitglied der Ford AG, im sonnendurchfluteten Zentrum im amerikanischen Arkansas unter der Bedingung absoluten Gehorsams Geborgenheit, Wohlstand und Anerkennung verspricht.
Der sexfixierte Egoist Dariusch, den man gerade wegen seines Skeptizismus zu mögen beginnt, mag sich zwar oberflächlich geben, aber einen solchen Selbstbetrug nimmt man ihm nicht ab. Doch vor allem die Geschichte über das vergebliche Ringen um Aufrichtigkeit und über den Missbrauch, den man in einsamster Selbstbezogenheit an seinen Nächsten begeht, macht das Buch lesenswert: ein virtuos verdichteter Monolog voller Ironie, Wortwitz und Boshaftigkeit, der jede noch so schmutzige Wäsche zu zeigen bereit ist, aber auch nicht mit der unschuldig geäusserten Sehnsucht nach «echter» Liebe spart.
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