kugelblitz von Ulrike Draesner, 2005, Luchterhandkugelblitz.
Gedichte von Ulrike Draesner (2005, Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Alexander von Bormann in der Frankfurter Rundschau, 16.3.2005:

Formation Fontanelle
Die neuen Gedichte von Ulrike Draesner stürzen gern himmelwärts

Ulrike Draesner - vielfach preisgekrönte und hoch gepriesene Dichterin - führt die neue Avantgarde weiter: unerhörte Töne, gewagte Bilder und Brechungen, Wortspiele und intensive Gefühle zugleich - Gefühle, die ihr "leuchten als wärens wörter". Draesner versucht, an die Sprache unter den Wörtern und Sätzen heranzukommen, die Poesie von aller ornamentalen Nichtigkeit zu befreien, die sie laut Julia Kristeva unfähig gemacht hat, ein zeitgenössisches Subjekt in Frage zu stellen oder neu zu konstituieren. So glaubt Draesner im Eröffnungstext ihres neuen Gedichtbandes kugelblitz an "direkt mit dem körper verbundene wörter" und vernimmt in ihnen "das stumme wildwerden der welt" immerhin als einen "fröhlichen sturm". Es ist ein zwei Seiten langer Text, in Langzeilen gegliedert, mit hochintensiven Passagen, aber auch einigem Geräusch, mit nachlässig organisierter, vielleicht subversiver Grammatik, die zuletzt auf ein gemütvolles Bild zuläuft: "wir wie wellen hysterisch schreiender/ blauweißer vögel in dieser himmelwärts stürzenden tasse zeit/ liebten uns seit jahren".

Man sieht und hört, auch Draesner schaut sich gern Naturfilme an. Doch übersteigt die "tasse zeit" unsere Naturerfahrung, zumal wenn sie himmelwärts stürzt, und das tun ihre Bilder und Gedichte regelmäßig. Wenn sie sich in einem der Gedichte darüber beklagt, dass ihr niemand je "ein begreifliches wort" zur Elektrizität gesagt hat, zum Auf- und Abgehen der Blitze in einer Wolke zum Beispiel - immerhin machen sie einen Weg -, so bleibt sie uns Erklärungen ebenfalls freudig schuldig. Und wir erwarten sie gar nicht, wissen, dass Lyrik so ist.

Ulrike Draesner setzt die poetischen Textspiele der Mayröcker fort, Elke Erb, Oleschinski, Ursula Krechel, Thomas Kling und andere lassen sich dazu stellen, die dem sowohl atemlosen wie lustbetonten Ineinanderstürzen der Bilder Pate gestanden haben. Gleichwohl werden Geschichten erzählt, man muss nur den Bildern folgen. Waterhouse ließ seinen Vers zum Leser sagen: "Nicht mich übersetze, übersetz dich!" Wer dazu nicht bereit ist, gilt Draesner als "hasenherz", und das nimmt kein gutes Ende.

Ein geheimnisvoller Titel: "entenbrust, rötlich, die straße entlang". Der Text klärt uns auf, es geht um eine Straßenbahn. Die erste Strophe folgt dem schlingernden Gang der Schaffnerin, der das Watscheln der Bahn abbildet. Dann aber beginnt ein Spiel mit Vokalen, das den Sonnenuntergang, "rötlich", repräsentiert, lauter Umlaute (ä,ö,ü), und das belehrt uns exemplarisch, was Lyrik vermag, wenn sie ihren eigenen Mitteln vertraut. Der Vergleich mit der Ente erscheint nur sehr indirekt, im ersten Wort, dem Titelanfang "entenbrust", und im letzten. Die Schlussstrophe ist von fulminanter Einfachheit: "wie sauste die bahn nun/ ganz gerade die straße hinab/ wie schlug die spiegelung/ ihrer fenster im asphalt/ mit den flügeln". Taktvoller ist die alte dichterische Denkfigur der elevatio, der Erhebung übers Alltägliche hin ins Unendliche, selten realisiert bzw. zurückgenommen worden.

Die Gedichte erzählen zunächst eine Liebesgeschichte - ich/er -, ausreichend verfremdet, und setzen sich entsprechend als Wir-Erzählung fort. Zum Thema wird das "folgen und verfolgen der liebe". Die Form der Gedichte erinnert oft an die späten Fragmente Ingeborg Bachmanns, besonders anrührend im Titelgedicht "kugelblitz, hammondorgel". Immer wieder wird ein zentrales Motiv, ein Blitz oder etwa die Flugformationen der Gänse, ein spätes Alphabet am grausilbernen Himmel im kältesten Winter, hin und her gewendet, variiert und angereichert, bis es für die Dichtung selber stehen mag: "ein strahlen/ das verwechselt sich/ hüpft auf der erde fort".

Die Flugfiguren schreiben sich dem Betrachter ein, werden ja von ihm "gemacht", aber das gilt nur halb: Draesner will Außen und Innen sinnlicher, nicht nur übers Auge vermittelt wissen, sie tropfen "ins fontanellenloch (wo/ wir aus bildern sind)". Der Gedichttitel "formation fontanelle" führt Wahrnehmung und Gefühl, Seherfahrung und Unbewusstes zusammen. Gelegentlich bleiben die vom Subjekt probeweise verlassenen Texte disparat ("tempelhof") und gewähren so Hermes, dem aus Prinzip unzuverlässigen Gott der Diebe und Dichter, Einlass.

Ulrike Draesner lässt uns sozusagen ausruhen, indem sie immer wieder auch durchsichtige Metaphorik anbietet: "eissee der liebe", "der zerschrundene Wald" Brandenburgs, Sprengträume, die douceur der Mimosen, Agitpropverse: "wie schön es wär/ ohne heer", und zeitgenössisch deutlich: "sex, ein langgezogener gestreckter/ pfeil abgeschossen in mir/ ohne auf mich zu zielen". Immerhin ein Vorschlag, die Kriegsspiele ins Bett zu verlagern. Fast ein chinesisches Gedicht bilden die Schlusszeilen von "aufkommen": "sie sagte auf der erde sein heißt/ seinen schatten berühren".

So kann man auch diese Gedichte lesen: als Versuch, jener vor-verständigen Sprache auf die Spur, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie gehört zu uns als Schatten, aber bleibt für gewöhnlich im Schatten. Das Gedicht "von grammatik" formuliert das zeitgenössische Lyrikprogramm einmal mehr, einmal neu, dem Ich auf der Spur, das immer noch zu wenig von sich weiß, sich weder ausreichend angenommen noch entworfen hat: "ein schatten ruft. was altes/ weiß von dir. die kehle/ streckt sich schon." Diese Geste kann heißen: zum Opfer, kann heißen: zum Gesang - wir plädieren für die zweite Lesart.

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