Künstler,Käuze... von Friedrich Torberg, 2002, Langen MüllerKünstler, Käuze, Zwetschgenröster.
Buch von Friedrich Torberg (2002, Langen Müller).
Besprechung von Michael Wuliger aus Jüdische Allgemeine:

Mehr als nur die "Tante Jolesch"  
Friedrich Torberg als jüdischer Schriftsteller  

Einem breiteren Publikum ist Friedrich Torberg (1908-1979) vor allem als Verfasser der Tante Jolesch und des Nachfolgebandes Die Erben der Tante Jolesch bekannt geworden, jener wunderbaren Anekdotensammlungen aus dem prä-Hitlerschen Prag und Wien. Aber Torberg war mehr als ein genialer Geschichtenerzähler.

Er war zunächst einmal ein ernsthafter Romancier, dessen von der Kritik hoch gelobtes Erstlingswerk Der Schüler Gerber, das er mit zweiundzwanzig Jahren veröffentlichte, ein Sensationserfolg war; es folgten 1932 ...und glaubten, es wäre die Liebe und 1935 der Sportroman Die Mannschaft. In der amerikanischen Emigration entstanden die Novelle Mein ist die Rache und der Roman Hier bin ich, mein Vater, die sich mit jüdischem Leben und Leiden unter dem Nazismus befassen, ein Thema, das Torberg 1950 mit Die zweite Begegnung fortführte. Sein letzter Roman Süßkind von Trimberg 1972 leitete die Wiederentdeckung dieses jüdischen Minnesängers aus dem Mittelalter ein.
Soweit der Romancier Torberg. Aber es gab auch noch den Poeten, der als junger Mann 1929 seinen ersten Gedichtband Der ewige Refrain vorlegte und dessen im amerikanischen Exil enstandenen Poeme Kaddisch 1943, Sehnsucht nach Altaussee und Seder 1944 zu den, so das Metzler-Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur, „wichtigsten jüdischen Exilgedichten überhaupt“ zählen.
Und da ist natürlich der Theaterkritiker Torberg, dessen Urteil im Wien der Fünfziger und Sechziger über Sein oder Nichtsein jeder Neuinszensierung entschied. Ebenso gefürchtet wie seine Theaterkritiken waren die politischen Polemiken, die Torberg in seiner Zeitschrift FORVM vor allem gegen die Kommunisten und deren naive linksliberalen Apologeten richtete. Bei all diesen Aktivitäten blieb ihm immer noch die Zeit, nebenher Ephraim Kishon ins Deutsche zu übersetzen.
Ein äußerst produktiver Schriftsteller also war Torberg. Ein äußerst produktiver jüdischer Schriftsteller. Das „jüdisch“ muß unterstrichen werden. Für Torberg nämlich war, anders als für viele andere jüdische Autoren seiner Generation, das Jüdische nicht bloß ein Zufall der Geburt. Es prägte ihn und sein Werk. Zwar war er nicht religiös, sondern stand, wie er es einmal formulierte „zum lieben Gott bestenfalls in einem Verhältnis wohlwollender Neutralität“. Aber das tat seinem bewußten Judentum keinen Abbruch: „Ich gehöre weder zu jenen Juden, die erst den Hitler gebraucht haben, um dahinter zu kommen, daß sie es sind, noch auch zu jenen, die es sich von Hitler ‘nicht vorschreiben’ ließen.“
Geprägt wurde diese Haltung weniger in seinem assimilierten Elternhaus, als vor allem in der jüdischen Sportbewegung. Der junge Friedrich war aktives Mitglied des berühmten Wiener Sportclubs Hakoa, wo er zu den Stars der Wasserballmannschaft gehörte. Ruppiges Spiel gehörte zu deren Markenzeichen: „Wir wollten die antisemitische Lüge von der körperlichen Minderwertigkeit und Feigheit der Juden entlarven. Dieser Beweis ist uns überzeugend gelungen“, erinnerte er sich später.
Torbergs jüdischer Stolz durchzieht so gut wie sein gesamtes Werk. Zwei besonders explizite Beispiele seien hier zitiert. In seinem Roman Hier bin ich, mein Vater erzählt er die Geschichte des Juden Otto Maier, der zum Nazispitzel wird, um seinen im KZ inhaftierten Vater zu befreien. Für Torberg ist Maiers Verhalten auch ein Ergebnis von dessen Assimilationismus: „Immer und seit je ist es mir doch nur darum gegangen, von den andern, die keine Juden waren, so behandelt zu werden, als ob auch ich keiner wäre; so behandelt zu werden, wie ein normaler Mensch“, läßt er Maier sagen. „Nämlich: wie ein nach ihren Begriffen normaler Mensch. Das war der kleine Denkfehler, der mir dabei unterlief: daß ich mich immer nach ihren Begriffen gerichtet habe. Es ist mir nie der Gedanke gekommen, daß mit diesen ihren Begriffen etwas nicht stimmen könnte. Ich habe mein Judentum immer als Defekt akzeptiert, und die es mich fühlen ließen, immer als Ankläger. Ich habe nie zu vermuten gewagt, daß da vielleicht die Ankläger selbst an einem Defekt litten.“
Diesen „Defekt“ diagnostizierte Torberg auch am Nachkriegsphilosemitismus, den er - damals durchaus ein Skandalon - in seinem Essay Das philosemitische Mißverständnis als Antisemitismus mit umgekehrtem Vorzeichen bezeichnete, der „den Juden als Deutschen, als Menschen, sogar als Christen (akzeptiert) - als alles, nur nicht als Juden“. In diesem Sinn verriß Torberg auch 1961 Max Frischs in Zürich uraufgeführes Stück Andorra. Er rieb sich vor allem an Frischs Versuch, den Antisemitismus universalistisch abstrahierend nur als eine spezifische Erscheinungsform des allgemein-menschlichen Vorurteils zu begreifen: „Hier wurzelt das fundamentale Mißverständnis des Stücks. Jude, Judesein, Judentum sind keine austauschbaren Objekte beliebiger Vorurteile, wie ja auch der Antisemitismus kein beliebiges Vorurteil ist. So billig geben’s weder die Juden noch die Antisemiten.“
Zu lesen ist dieser Text in der bei Langen Müller 1981 erschienenen Textesammlung Apropos, Band XI der Gesammelten Werke Friedrich Torbergs in Einzelausgaben. Nicht alle Bände dieser Edition sind zur Zeit noch lieferbar; zum Glück legt der Verlag sie nach und nach wieder neu auf. Zusätzlich soeben erschienen ist eine von David Axmann edierte Torberg-Anthologie: Künstler, Käuze, Zwetschgenröster. Sie bietet (bis auf die Romane) einen Querschnitt durch das populäre Schaffen Torbergs in fast all seinen Facetten - vom Anekdotenerzähler und Humoristen über den Buch- und Theaterrezensenten, Poeten und Briefeschreiber bis zum Sprachkritiker. Das Jüdische freilich kommt dabei ein bißchen zu kurz; was vor allem aber fehlt, sind die politischen Polemiken aus den fünfziger und sechziger Jahren, wie sie unter anderem in Apropos zu finden sind. Ein Versäumnis, das in der nächsten Auflage unbedingt korrigiert werden sollte.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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