Kruso von Lutz Seiler, 2014, SuhrkampKruso.
Roman von Lutz Seiler (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Jürgen Verdofsky in der Frankfurter Rundschau, 5.9.2014:

Dort drüben liegt Møn
Die Insel Hiddensee als Alternativ-Atoll und gelebte Utopie: Lutz Seilers großer Roman „Kruso“.

Inseln gab es in dem kleinen Land nur wenige, eigentlich nur eine, zu der ein Postdampfer fuhr: Hiddensee – das „Seepferdchen mit dem Flattermaul“. Die Sommer auf dieser Insel waren die Zuflucht der Jugend, der Aussteiger, der Ausreißer. Ein ritueller Akt, ohne Ziel, doch stets mit voller Aufmerksamkeit. Emigranten im eigenen Land. „Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten.“ Zwar zeigten sich auch ein genormter Urlaubsdienst, Häuser merkwürdig Arrivierter, Scheinwerfer und Grenzpatrouillen. Aber das ging unter im Dauerrauschen von Meer und Bodden, verlor sich auf dem Hochufer mit Blick auf die dänische Insel Møn. Der freie Blick als Antithese zum eingemauerten Land.

Nicht wenige suchten mehr als einen Sommer, eine andere Art zu leben, die kleine Freiheit selbstbestimmter Tage und nichts anderes. Alles im Status des Unbestimmten. Dieses Alternativ-Atoll gehört zum Sagenschatz der Ostdeutschen. Die Schiffbrüchigen am eigenen Land drängten sich auf der letzten Sandbank, sie erkannten einander sofort und suchten die vertrauende Geborgenheit eines alternativen Für- und Nebeneinanders. „Hier im Vorhof des Verschwindens, fragte keiner, wohin einer noch gehen könnte.“ Einige gingen weiter, sie gingen übers Wasser, Møn scheinbar so nah. Meist gingen nicht nur sie, sondern auch ihre Geschichten unter. „Flüchtlinge werden wie Flüchtlinge behandelt: Es gibt sie nicht, und also gibt es keine Leichen – sie existieren einfach nicht.“

Das Unglück an sich

In der Literatur hat nur Gregor Sander in seiner Erzählung „Der Stand der Dinge“ an einen Seeflüchtling erinnert. Dabei ist Hiddensee ein literarischer Ort, weniger wegen Gerhart Hauptmann oder Ringelnatz, mehr als Abkehr vom Beherrschbaren. Christoph Heins Roman „Der Tangospieler“ (1989) spiegelt eine solche Abkehr, wenn ein Historiker sich nach 21 Monaten Haft auf Hiddensee in der Gaststätte „Zum Klausner“ als Kellner verdingt, während russische Truppen Prag besetzen. In dem Roman „Kruso“ von Lutz Seiler zeigt sich dieser „Klausner“ als letzte Ausfahrt zur Utopie, während sich im Sommer 1989 der deutsche Zweitstaat auflöst.

Das Mädchen G. war quer über die Gleise gegangen. Sonja ging ins Meer. Für zwei junge Männer ist es das Unglück an sich. Der eine, Ed, hat seine Freundin verloren, der andere, Kruso, seine Schwester. Eds Schmerz ist sehr nah, des anderen Wunde klopft seit 17 Jahren. Der Ältere, Alexander Krusowitsch, genannt Kruso und Sohn eines russischen Generals, erkennt die unausgesprochene Bedrängnis des Jüngeren. Er fängt Edgar Bendler auf, diesen Literaturstudenten aus Halle. Ed arbeitet fortan als Abwäscher im „Klausner“ an der Seite von Kruso. Zwei Schiffbrüchige haben sich gefunden, „Robinson“ seinen „Freitag“. Eine Sklavenarbeit, aber beim Rühren der Hände im Wasser, beim stundenlangen Murmeln entstehen Verse. Zwei Dichter beim Abwasch. Aber das passt zum hundertjährigen „Klausner“, ein Philosoph, genannt „Rimbaud“ und ein Soziologe, „Cavallo“, promoviert beide, würzen als Kellner alles mit widerständigen Bonmots. Auch die anderen der zwölfköpfigen Besatzung sind Sonderlinge, Ausgestoßene, subversive Charaktere. Saisonkräfte als Kaste mit dem lautmalerischen Titel „Esskaas“.

Behutsam mit Metaphern

Im Lichtkreis der Suchscheinwerfer auf Hiddensee nehmen sie sich Freiheiten, wie es sie auf dem Festland nur unter Heizern, Bühnenarbeitern und Friedhofsgärtnern gibt. Keine gesellschaftliche Anpassungsleistung wird mehr erwartet. Außer Gefängnis gibt es kein darunter.
Höhepunkt im „Klausner“ ist täglich ein gemeinsames Mahl der Zwölf, aber in der Früh, nicht am Abend. Lutz Seiler ist behutsam mit Metaphern, auch als Erzähler. Seine Erzählschichten schieben sich eigendynamisch ineinander. Welten, die nicht zusammengehören, berühren sich, und sei es für Augenblicke. Als Erzähler ist er unangestrengt elegant, leichthin kunstvoll. Er unterläuft das Reale, bewahrt es und zieht es zugleich tiefer in einen sanften Surrealismus. Dahinter liegt aber erkennbar eine feste Geschichte. Es ist die große Idee von Kruso: Niemand soll mehr fliehen, niemand ertrinken müssen, niemand. Er kennt die Fluchtgeschichten, weiß, dass die „gute, alte Ostsee“ unterschätzt wird, mit ihren Strömungen, ihren Weiten und Tiefen.

Zur rettenden Idee gesellt sich die Utopie: All jenen, die im Land der angehaltenen Zeit Schiffbruch erlitten, will Kruso ein Gefühl von Freiheit geben, diesseits von Møn. Die Freiheit liege nicht über dem Meer, sondern in jedem selbst. Jeder habe diese Wurzel. Das Meer und die Insel sollen diese Bestimmung stiften. Und weil es so viele Schiffbrüchige und Ausgestoßene gibt, möge sich alles in drei Tagen und Nächten fügen.

Kruso schafft im ganzen Inselreich ein feinmaschiges Untergrundnetz für versteckte Nachtquartiere, Speisungen, „Waschungen“, Meditation und für gemeinschaftliches Arbeiten. Alles unter den Augen der örtlichen Stasi, Rebhuhn heißt die Kanaille. Aber nicht Krusos Verhaftung lässt die Utopie auf dem harten Boden der Realität aufschlagen, sondern die Öffnung der Grenzen. Niemand muss mehr vor einer Ostseeflucht bewahrt werden.

Schon mit dem Bröseln der ungarischen Grenze verstreut sich die eben noch verschworene Mannschaft des Klausners in alle Winde. Zurück bleiben Kruso und Ed. Kruso will seine Utopie bewahren, vor dem anrollenden Kapitalismus erst recht. Ed hat einen Freund zu retten. Der Inselpate Kruso ist ein Seher ohne Gefolgschaft. Aber ehe Ed den Utopisten schützen kann, fährt als Deus ex Machina ein russischer Panzerkreuzer auf und beendet unter Salutschüssen ein Zeitalter, auch das der Utopien.

Ed bleibt mit einem Versprechen zurück, kein Ostseeflüchtling solle ohne Geschichte bleiben. In einem aufwühlenden Epilog zeigt Seiler den Weg für dieses Versprechen. Im Hauptquartier der dänischen Polizei hat ein Techniker in Kompetenzüberschreitung alles archiviert, was zu sagen wäre, über namenlose Ertrunkene, die seit 1961 in Møn und überhaupt in Südseeland, in Lolland-Falster angespült wurden. Er wartet seit 25 Jahren, dass deutsche Angehörige nachfragen. Ed ist der erste. Er findet nichts zu Sonja, aber über seinen Vorgänger als Abwäscher.

So ist der Seeflucht-Toten noch nie gedacht worden. „Kruso“ ist untröstlich und heiter zugleich, aufklärend und geheimnisvoll, offen und entrückt. Die Bestände, mehr noch die Überschüsse sind beachtlich. Ein seltenes Buch, das bleiben wird. Im Text finden sich Referenzen an Uwe Johnson und Wolfgang Hilbig, in diese Reihe wird es einmal gehören.

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