Kritische Schriften.
Texte von Ingeborg Bachmann (2005, Piper - Übertragung Monika Albrecht und Dirk Göttsche).
Besprechung von Jan Wagner in der Frankfurter Rundschau, 29.6.2005:

Große Augensäcke
Ingeborg Bachmanns Poetik

Gide, Valéry und Eluard las sie in den Jahren, als sie zu schreiben begann, auch Yeats und Eliot, Dichter, deren Stil und Poetologie ihr fremd genug waren, um sich daran schulen zu können. So jedenfalls liest man es in einer frühen autobiographischen Skizze, die Ingeborg Bachmann 1952 anlässlich einer Veranstaltung in Hannover verfasste - in genau dem Jahr also, als sie der Einladung Hans Werner Richters zur Niendorfer Tagung der "Gruppe 47" folgte und damit ihren gefeierten Einstand in der literarischen Szene der jungen Bundesrepublik hatte. Ganz anders liest sich das, nimmt man einen weiteren Text hinzu, der lange danach, Mitte der sechziger Jahre entstand, den "Versuch einer Autobiographie".

Hier spricht Bachmann von "den verzeihlichen Lügen: als ich einmal gefragt wurde, zum erstenmal übrigens, welche Dichter auf mich Eindruck gemacht haben, meinte ich es den andern oder mir oder einer Instanz schuldig zu sein, etwas von Eluard, Apollinaire und Eliot und Yeats zu sagen". Und freimütig fügt sie hinzu: "Eliot ging mich nichts an, Yeats kenne ich bis heute nicht. Warum lügt man so kindisch?"

Was über Werke gesagt wird, ist schwächer als die Werke

Diese zwei Texte, die am Anfang und am End von gut zwei Jahrzehnten gelegentlichen, essayistischen Schaffens stehen, mögen für manchen einmal mehr bestätigen, wie wenig man den Selbstaussagen von Dichtern trauen sollte. In jedem Fall aber führen sie prägnant vor Augen, was sich eigentlich von selbst versteht - wie sehr nämlich auch eine kritische, vermeintlich objektive Auseinandersetzung mit anderen Autoren und ihren Werken vor allem der Schärfung des eigenen poetischen Sensoriums, nicht zuletzt auch der Selbstvergewisserung dient. Diese Spannung im Kraftfeld zwischen Lektüre und écriture ist es ja, die - von in ihrem Kunstcharakter so eigenständigen Essays wie denen Jorge Luis Borges' einmal abgesehen - zum kritischen Werk eines Dichters greifen lässt.

Dass es sich dabei meistens um die Späne handelt, die beim Schleifen und Hobeln anfallen, so aufschlussreich sie sein mögen, ist in der Regel auch den Autoren selbst klar, denn "alles, was über Werke gesagt wird, ist schwächer als die Werke", wie Ingeborg Bachmann formuliert. Ihre Kritischen Schriften liegen nun in einer historisch-kritischen Ausgabe mit einem umfangreichem Sach- und textkritischem Kommentar vor: Radioessays, Reden und Rezensionen, Texte zur Literatur, Versuche über das Schreiben und die zehrende Arbeit auf jener "Galeere", auf die sie sich selbst doch immerzu zurücksehnt.

Darunter finden sich auch eine Handvoll bislang unveröffentlichter Texte - der bereits genannte "Versuch einer Autobiographie" gehört ebenso dazu wie ein kurzer Beitrag zum achtzigsten Geburtstag von Rudolf Alexander Schröder. Die umfangreichsten dieser Ergänzungen aus neu gesichtetem Material sind ein Radioessay und ein ediertes Fragment zum "Wiener Kreis", insbesondere zu Ludwig Wittgenstein, mit dem sich die Philosophiestudentin Bachmann, betrachtet man die Zahl und den Umfang der Texte, am intensivsten auseinandergesetzt hat.

Die Deutschen fallen in meine Augen hinein

Das einsame Zentrum der Sammlung aber bilden nach wie vor und trotz der nun aufgenommenen Schriften die "Frankfurter Vorlesungen", in denen die Dichterin über die Rolle des Ich-Erzählers, der Ich-Gestalt bei Céline und Svevo, über die Funktion von Namen, über Utopie und Literatur, über die Nachkriegslyrik und die grundsätzlichen, das Gedicht betreffenden Fragen reflektiert: "Poesie wie Brot? Dieses Brot müsste zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wiedererwecken, ehe es ihn stillt."

In diesen Vorlesungen bündelt sich vieles von dem, was zuvor in Auseinandersetzungen mit Kafka, Proust und Musil, auch mit Wittgenstein, erarbeitet wurde. Einige gerade der kürzeren Texte müssen angesichts der Frankfurter Eloquenz deutlich blasser wirken, anderes steht für sich selbst - die Ungaretti-Portraits und die Rombeschreibungen etwa, ein Essay über Simone Weil und eine anmutige Etude über "Die wunderliche Musik", und sicherlich auch Bachmanns scharfe, pointiert gefasste Beobachtungen Deutschlands und der Deutschen:

"Ich betrachte sie ununterbrochen, ich starre sie an auf der Straße, im Restaurant, in den Kneipen, im Autobus, im Tiergarten, wenn ich spazieren gehe. Ich starre mit einem großen kalten Aug, das schauen und schauen muss, und sie fallen in meine Augen hinein und bleiben da liegen, ich habe einen großen Augensack, in dem schon zehntausend Deutsche schmachten und drauf warten, erlöst zu werden oder im Traum unter den Lidern hervorzukriechen und davonzufliegen. Aber ich glaube nicht, dass die Deutschen fliegen können und sich zwischen einem Lid durchzwängen können."

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