Kristus. Das
unerhörte Leben des Jan Beukels.
Roman von Robert
Schneider (2004, Aufbau).
Besprechung von Christine
Diller im Münchner
Merkur, 27.8.2004:
Der König von Münster
Robert Schneiders Roman "Kristus":
Das Leben des Jan van Leyden
Kristus wollte er werden, der kleine Junge namens Jan Beukels aus der niederländischen Stadt Leiden. Sündhaft war diese Äußerung zu Beginn des 16. Jahrhunderts, selbst wenn sie von einem Siebenjährigen stammte. Und erst recht, wenn ihm bei der Niederschrift dieses Wunsches für den Lehrer auch noch ein Rechtschreibfehler unterlief . . .
Was Jan, der zornig, aber schweigend die Maulschellen des Lehrers über sich ergehen ließ, eigentlich gemeint hatte, war freilich keine Gotteslästerung: Am Palmsonntag hatte ihn bei der Prozession der Kartäusermönch so sehr beeindruckt, wie er auf einem Esel saß und Jesus' Einzug in Jerusalem dargestellt hatte. Diese Rolle wollte der kleine Junge eines Tages auch übernehmen, daher sein ungeschickt formulierter, zum unbeabsichtigten Frevel ausgearteter Berufswunsch. Und doch blieb von der kindlichen Versponnenheit des kleinen auch etwas am erwachsenen Jan hängen.Denn bei all seiner Suche nach dem rechten
Glauben und seiner Berufung träumte Jan Beukels, später genannt Jan van Leyden,
auch von einer ruhmvollen Karriere. Anders als eben jener Kartäusermönch
Gerrit tom Kloister, den sich noch der kleine Jan als geistigen Führer und
Freund gewonnen hatte. Der Mönch nämlich befreite sich von äußeren Zwängen
und Dogmen, kam einem christlichen Ideal dabei am nächsten, konnte seinen
Zögling jedoch nicht davon überzeugen. So ließ sich der tatendurstige,
charismatische Jan, begabter Redner und Populist, erst als Kaufmann bis nach
Lissabon treiben. Dann machte ihn das Schicksal, in der Nachfolge Jan Mathys',
zum Propheten der Wiedertäufer und schließlich er selbst sich zum König von
Münster, wo er eine Schreckensherrschaft errichtete und das Volk quälte. In
einem Käfig am Turm der St. Lambertikirche verendete er, nachdem der Bischof
von Münster die Stadt erfolgreich belagert hatte.
Robert Schneider, der Autor des Erfolgsbuches "Schlafes Bruder", hat
die historische Geschichte dieses Jan van Leyden zu einem Roman von stattlichen
Ausmaßen geformt. Es ist ihm dabei ein Lehrstück über den Mechanismus und das
Wesen von Diktaturen gelungen. Und dennoch ist er daran gescheitert. Sein Roman
hat eine große Qualität, die ihm zugleich zum Verhängnis wird: die
historisierende Sprache, die rauschhaft in ihren Bann zieht und diese Zeit der
Glaubenskriege und -abspaltungen herb und bedrohlich anklingen lässt. Doch der
Strom dieser wohlgesetzten Worte tritt über die Ufer, Schneider ergeht sich
selbstzufrieden in Formulierungskünsten.
Schade um diesen reichhaltigen Stoff, der das Zeug zum großen Drama hat.
Schneider lässt es bei der Mutter Jans beginnen, einer von einem kleinen
Advokaten geehelichten Dienstmagd. Dann zieht er weiter in die Stuben von
Kanonikus Schelde und Jans Schulmeister Joest. Und nur umständlich findet der
Erzähler zu der Perspektive seines Protagonisten. Die er, um üppiger,
plastischer Ausschweifungen willen, häufig wieder verlässt. Da sieht man
plötzlich seinem Lehrmeister über die Schulter, der seinen Reichtum vermehren
will und Versuche anstellt, Gold zu erzeugen. Eine Szene von besonders
eindringlicher Komik, weil Gier und Geiz den Alchimisten nach jeder Niederlage
aufs Neue mit merkwürdigen Ingredienzen hantieren lassen und weil sein Projekt
Zeugnis ablegt vom Geist der Zeit.
Andere, dramaturgisch wichtige Figuren wie der prägende Mönch Gerrit, der den
Jan van Leyden bis zu seinem Tod begleitet, geraten darüber streckenweise ganz
in Vergessenheit. So breit legt Schneider seine düsteren Gemälde dieser
bewegten Zeit an, dass er die Handlungsstränge darin verliert. Wer auf deren
klug komponierte Zusammenführung wartet, wird enttäuscht. Zu sehr bleibt der
Erzähler der Historie verhaftet. Immer mehr verkommt er zum Chronisten,
abgelenkt von der Aufgabe, die Wirren um katholischen, protestantischen und
freigeistigen Glauben, um Papisten, Lutherische und Wiedertäufer einigermaßen
nachvollziehbar zu gestalten. Doch unter der Unentschiedenheit zwischen
Chronistenpflicht und Freiheiten des Erzählers leidet dieses Buch. Die
historischen Begebenheiten verdichten sich nicht zum aussagekräftigen Bild,
seine Perspektiven beziehen sich nicht auf einen Fluchtpunkt. Insofern ist dem
Buch der Schritt aus dem Mittelalter in die Neuzeit, den es ja thematisiert,
formal nicht gelungen.
Und so rückt die Sichtweise ganz allmählich ab von ihrer immer mehr dem
Fanatismus anheim fallenden Hauptfigur. Zuletzt ist sie nur noch von weitem zu
sehen, ohne dass das gedemütigte, enttäuschte, desillusionierte Volk, das
seinen Propheten geglaubt hatte, dass sich in Münster das Himmlische Jerusalem
errichten ließe, in der Darstellung deutlich näher gerückt wäre.
Doch das Problem dieses Buches hat seinen Ursprung bereits in der Beschreibung
des kleinen Jan: Schon da verweigert der Erzähler die glaubhafte Motivierung
des wissbegierigen Jungen und erliegt selbst der Faszination seiner höheren
Bestimmung, die sich bis zum Ende des Romans nicht einstellt. Bei aller Orakelei
hätte er die Fallhöhe dieses Charakters nicht aus dem Auge verlieren dürfen.
Eine langwierige Fleißarbeit, bei der das Wuchern mit Details das Interesse an
der Hauptfigur verdrängt hat.
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